Da kieks­te, wa?

Bunt, ex­pe­ri­men­tell, eklek­tisch: Es gibt ei­nen Chic, den man so nur in Ber­lin trägt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MODE - Von Kris­tin Krut­haup

BER­LIN (dpa) - Laut, schnell, stän­dig im Um­bruch: Ber­lin ist ein rau­es Pflas­ter. Was je­des Jahr Mil­lio­nen Tou­ris­ten fas­zi­niert, ist für die Be­woh­ner ei­ne Her­aus­for­de­rung. Das We­sen der Stadt spie­gelt sich auch in der Mo­de. Wer Ber­lin mit an­de­ren Städ­ten ver­gleicht, stellt fest: Die Haupt­städ­te­rin klei­det sich an­ders als Frau­en in Hamburg oder Mün­chen. Das Le­ben in Ber­lin krei­ert ei­nen ei­ge­nen Stil. Er lässt sich mit fünf The­sen be­schrei­ben. The­se 1: Kei­ne Kon­ven­tio­nen

„In Ber­lin kann man in der Mo­de ma­chen, was man will“, sagt die De­si­gne­rin Ley­la Pie­dayesh. Sie führt das La­bel Lala Ber­lin, das welt­weit für den Ber­li­ner Chic steht. Was in an­de­ren Städ­ten ein Ta­bu ist, stellt hier kein Pro­blem dar: mit Turn­schu­hen in die Oper, in Jog­ging­ho­se shop­pen, Mo­tor­rad­stie­fel zum Abend­kleid. Was Far­ben und Schnit­te an­geht, wird wild kom­bi­niert. „Die Ber­li­ne­rin klei­det sich häu­fig bun­ter und ex­pe­ri­men­tel­ler als Frau­en in an­de­ren Me­tro­po­len“, sagt Pie­dayesh.

Da­bei ist zwar al­les er­laubt, aber nicht al­les egal. Trotz feh­len­der Kon­ven­tio­nen ver­steht sich die Ber­li­ne­rin als Avant­gar­de und ist auf der Su­che nach aus­ge­fal­le­ner Ele­ganz. Ein Draht­seil­akt, der nicht im­mer glückt. Der Stil po­la­ri­siert: „Ich se­he nie je­man­den, der in Ber­lin halb­wegs gut an­ge­zo­gen ist“, fin­det Prof. Bar­ba­ra Vin­ken, Mo­de­theo­re­ti­ke­rin aus Mün­chen. „Mei­ner An­sicht nach ist der Ber­li­ner Stil rund­um ver­hee­rend.“Und trotz­dem kom­men Tou­ris­ten aus al­ler Welt und ko­pie­ren den Look zwi­schen Mit­te und Neu­kölln. Es stimmt auch nur be­dingt, dass es in Ber­lin kei­ne Kon­ven­tio­nen gibt. Es gibt die Kon­ven­ti­on, mög­lichst un­kon­ven­tio­nell zu sein. „Nie­mand me­ckert, wenn du mit Pier­cings, Dre­ad­locks, Tat­toos und Turn­schu­hen in ein schi­ckes Re­stau­rant willst“, sagt der Mo­de­fo­to­graf Ash­kan Sa­hihi. Er hat ei­nen Bild­band über die Ber­li­ner Frau ver­öf­fent­licht, in dem er 375 Frau­en por­trä­tiert. So er­gibt sich ein Ge­samt­bild von der Stadt Ber­lin. „Aber mit Schlips und An­zug fängst du dir ga­ran­tiert ei­nen flot­ten Spruch.“ The­se 2: No Lo­go Die Mün­che­ne­rin mag ihr Geld in Hand­ta­schen von Lou­is Vuit­ton und Ver­sace Je­ans in­ves­tie­ren. Die Ber­li­ne­rin las­sen eta­blier­te Lu­xus­mar­ken kalt. Ihr Grund­satz ist: No Lo­go! „Be­kann­te La­bels tra­gen Ber­li­ner Frau­en häu­fig nicht, es sei denn, sie fin­den die­se Se­con­dhand“, sagt Fo­to­graf Sa­hihi. Das be­deu­tet aber nicht, dass die Ber­li­ne­rin nicht In­ter­es­se an aus­ge­fal­le­nen Stü­cken hat. Sie trägt nur häu­fig Stü­cke von De­si­gnern, die un­be­kannt sind und so un­kon­ven­tio­nell, wie sie selbst. The­se 3: In ers­ter Li­nie prak­tisch Wer in Ber­lin un­ter­wegs ist, weiß: Die Stre­cken sind lang und die Stra­ßen ka­putt. Das spie­gelt sich in den Schu­hen der Ber­li­ner Frau wi­der: Mit Pfen­ni­gab­sät­zen geht die Ber­li­ne­rin kaum aus dem Haus. Da­für liebt sie Snea­ker, mit de­nen sie stun­den­lang un­ter­wegs sein kann. Und über­haupt muss die Mo­de un­kom­pli­ziert und prak­tisch sein.

De­si­gne­rin Pie­dayesh sieht in der Vor­lie­be für prak­ti­sche Klei­dung ei­nen welt­wei­ten Trend. „Durch die Glo­ba­li­sie­rung gleicht sich das Stra­ßen­bild in den Städ­ten im­mer mehr an“, sagt sie. Die Ber­li­ne­rin, die New Yor­ke­rin und die To­kyoe­rin zie­hen sich zu­neh­mend ähn­lich an, so ih­re The­se. Das Be­son­de­re an der Ber­li­ne­rin ist viel­leicht, dass sie kaum zu Kom­pro­mis­sen be­reit ist. Sie trägt zum Bei­spiel auch in kon­ser­va­ti­ven Bran­chen Turn­schu­he pro­blem­los im Bü­ro. Auch oh­ne Mo­de­kon­ven­tio­nen ist der All­tag schon stres­sig ge­nug. The­se 4: Nicht oh­ne die Ku­lis­se

Die Co­des des Ber­li­ner Chics sind kom­pli­ziert. De­si­gner, Schnit­te und Farb­kom­bi­na­tio­nen kennt man au­ßer­halb der Haupt­stadt häu­fig (noch) nicht. Was sich im Neu­köll­ner Kiez gut und rich­tig an­fühlt, funk­tio­niert we­ni­ge Ki­lo­me­ter west­wärts in Pots­dam schon nicht mehr.

Fehlt Ber­lin als Be­zugs­rah­men, wirkt das Un­kon­ven­tio­nel­le schnell de­plat­ziert – so sieht es Prof. Vin­ken. Der Ver­zicht auf Re­geln und die to­ta­le Frei­heit sei­en in der Mo­de ein schwie­ri­ges Kon­zept. Denn es gilt: Nur wer die Re­geln der Mo­de ver­stan­den hat, kön­ne sie auch bre­chen – und die Ber­li­ne­rin ken­ne die Re­geln nicht. Doch viel­leicht will sie die­se gar nicht ken­nen?

The­se 5: Su­che nach Kon­stanz Ber­lin ist ei­ne Stadt der Ex­tre­me. Die Stadt ist stän­dig im Um­bruch, Ve­rän­de­rung gibt es an al­len Ecken – nicht nur im Stadt­bild. Über die Mo­de auf­zu­fal­len, klappt kaum. Das ma­chen nur Neu­lin­ge in der Stadt, die Ber­li­ne­rin ver­sucht es erst gar nicht. Sie sieht sehr cool aus, aber sie er­fin­det ih­ren Look nicht an­dau­ernd neu. Im Ge­gen­teil: In ers­ter Li­nie ist sie ih­rem ei­ge­nen Stil treu. In ei­ner Um­ge­bung, die sich stän­dig ein neu­es Ge­sicht gibt, ver­sucht zu­min­dest sie ver­läss­lich die­sel­be zu sein.

Letzt­lich ge­be es den ei­nen Ber­li­ner Stil wohl oh­ne­hin nicht, sagt De­si­gne­rin Pie­dayesh. Wie ei­ne Frau sich klei­det, hängt im­mer auch vom Al­ter, vom Be­ruf und vom ent­spre­chen­den Mi­lieu ab. Aber es gibt ein Ver­spre­chen: „Das ist die Frei­heit zu sein, wer du bist.“

FO­TOS: DPA

Die Mo­de in der Haupt­stadt ist al­les, nur nicht schi­cki­mi­cki: Das sieht man auch an Iri­nas Klei­dungs­stil. Sie ist Me­di­en­ge­stal­te­rin, seit zehn Jah­ren in Ber­lin und ur­sprüng­lich aus Sankt Pe­ters­burg.

Schrill: Ron­ja ist Stu­den­tin und seit zwei Jah­ren in Ber­lin. Ur­sprüng­lich kommt sie aus Bochum.

Ca­ro ist Kran­ken­schwes­ter, seit sechs Jah­ren da und kommt aus Ros­tock.

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