„Ich bin nicht be­hin­dert, ich se­he nur so aus“

Gerd Schön­fel­der, der er­folg­reichs­te Be­hin­der­ten­sport­ler al­ler Zei­ten, über Sie­ger, Schick­sal und schwar­zen Hu­mor

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

Gerd Schön­fel­der war 19, als er am 11. Sep­tem­ber 1989 von ei­nem Zug mit­ge­schleift wur­de und bei dem Un­fall ei­nen Arm ver­lor. Spä­ter wur­de er Ski­fah­rer, mit 22 Me­dail­len bei den Pa­ralym­pics ist er der er­folg­reichs­te Be­hin­der­ten­sport­ler al­ler Zei­ten. Nun ist ein Buch über ihn er­schie­nen. Mat­thi­as Ker­ber sprach mit dem Ober­bay­ern. Herr Schön­fel­der, Sie sind mit 22 Me­dail­len der er­folg­reichs­te Pa­ralym­pics-Sport­ler al­ler Zei­ten. Jetzt ha­ben Sie Ih­re Bio­gra­phie „Sie­ger“ver­öf­fent­licht. Was be­deu­tet es für Sie, ein Sie­ger zu sein? Ich bin si­cher im Sport zum Sie­ger ge­wor­den, aber für mich steht die­ses Wort für das, was ich im Le­ben er­reicht ha­be. Ich ha­be mit 19 die­sen schlim­men Un­fall ge­habt, als ich den Zug un­be­dingt noch er­rei­chen woll­te und am En­de un­ter den Zug ge­kom­men bin. Und dann stehst’ plötz­lich da und hast nur ei­nen Dau­men am ei­nen Arm und der an­de­re ist ganz ab. Da denkst dir schon, dass man nicht mehr tie­fer fal­len kann. Aber: Schlim­mer geht’s im­mer. Letzt­lich hat­te ich Glück, auch, wenn man das in dem Mo­ment nicht so se­hen kann. Es hat ja nicht viel ge­fehlt, und ich wä­re nim­mer da ge­we­sen. Da­her ist das Le­ben, das ich jetzt ha­be, ein Ge­schenk, ei­ne Zu­ga­be, die jetzt schon 28 Jah­re an­dau­ert und hof­fent­lich noch lan­ge. Aber aus die­sem Loch her­aus­zu­kom­men, sich ir­gend­wann nicht mehr zu ver­ste­cken, wie­der Selbst­ver­trau­en auf­zu­bau­en, das heißt es, ein Sie­ger sein. Die­se Ent­wick­lung dau­ert aber. Ihr al­tes Le­ben war von ei­nem Tag zum an­de­ren zer­stört. Ja. Am ei­nen Tag ist man top­fit, macht Sport, är­gert sich über Ne­ben­säch­lich­kei­ten, är­gert sich, dass man ei­ne krum­me Na­se hat. Am nächs­ten Tag ist die Na­se de­fi­ni­tiv dein ge­rings­tes Pro­blem. Da sagst du dir, wie ver­rückt warst du denn? Plötz­lich bist du ein jun­ger Mann, der erst ein­mal gar nichts mehr kann. Nicht es­sen, nicht trin­ken, plötz­lich brauchst du je­man­den, der dir den Hin­tern ab­wischt. Wenn mir ei­ner vor dem Un­fall ge­sagt hät­te, das und das kommt auf dich zu, hät­te ich ge­sagt: Dann ma­chen wir gleich den De­ckel drauf. Aber als es so­weit war, woll­te ich nur le­ben. Nicht ei­ne Se­kun­de ha­be ich dar­an ge­dacht, dass ich lie­ber tot wä­re. Im Ge­gen­teil! Ich bin wirk­lich sehr zu­frie­den, das Le­ben ist geil. Trotz Ih­res ganz per­sön­li­chen 11. Sep­tem­bers. Heu­te sa­ge ich, es war kein Schick­sals­tag, son­dern ein Glücks­tag. Ich bin nicht be­hin­dert, ich se­he nur so aus. Je­der hat sei­ne Ein­schrän­kun­gen. Beim ei­nen sieht man’s, beim an­de­ren nicht. Der ei­ne weiß es, der an­de­re nicht (lacht). Mei­ne ist sicht­bar, aber nicht vor­han­den. Aber ich kann ganz vie­le Din­ge ma­chen. Klar flu­che ich manch­mal und sa­ge: „Jetzt a zwei­ter Arm, das hät­te was.“Aber das ist mehr im Spaß. Glau­ben Sie an Schick­sal? Ich glau­be an das Schick­sal. Ir­gend­wo hat es so sein müs­sen. Letzt­lich war es nur mein Ver­schul­den. Kei­ner hat mich ge­zwun­gen, dem Zug hin­ter­zu­lau­fen und die Tür auf­zu­rei­ßen. Nur ich ha­be das ent­schie­den. Da­für muss ich die Kon­se­quen­zen tra­gen. Wir al­le wis­sen ja gar nicht, wie oft wir dem Schick­sal ent­kom­men. Hät­te ich es ge­schafft, wä­re ich in den Zug ge­sprun­gen, hät­te durch­ge­at­met und mir ge­dacht: „Gerd, a Hund bist scho’.“Ich den­ke, dass der Herr­gott schon ei­nen Plan für mich hat, war­um es pas­siert ist. War­um ich über­lebt ha­be. Ob man die­sen 22 Me­dail­len bei den Pa­ralym­pics, die ers­ten drei gol­de­nen 1992 in Al­bert­vil­le in der Ab­fahrt, im Rie­sen­sla­lom und Su­per-G, die letz­ten vier 2010 in Van­cou­ver. Da­zu kom­men elf Gold­me­daill­len bei WMs. Der Jour­na­list Det­lef Vet­ten hat nun Schön­fel­ders (Fo­to: Ima­go) Bio­gra­fie Sie­ger (Ver­lag Die Werk­statt, 19,90 Eu­ro) vor­ge­legt. Plan ver­steht, ist et­was an­de­res. Mein Cou­sin ist mit 18 bei ei­nem Un­fall ver­un­glückt. War­um er­wischt es den ei­nen am ers­ten Tag, an dem er den Füh­rer­schein hat, und an­de­re fah­ren ihr Le­ben lang wie die Ver­rück­ten, über­le­ben die schlimms­ten Un­fäl­le? War­um er­wischt es Micha­el Schu­ma­cher, der in sei­ner For­mel-1Kar­rie­re Hun­der­te ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen über­stan­den hat, beim Ski­fah­ren? Sie sind sehr gläu­big. Das war ich schon im­mer. Der Glau­be gibt mir Kraft. Wenn man nicht mehr wei­ter weiß, kann man im­mer noch be­ten. Ich bin mir si­cher, dass es et­was nach dem Tod gibt. Denn es wä­re wirk­lich trau­rig, wenn die­ses Le­ben al­les ist, dann müss­te man in dau­ern­der Angst vor dem Tod sein. Vie­le sa­gen, dass Zeit der bes­te Hei­ler ist, Sie sa­gen, der Hu­mor ist genau­so wich­tig. Ja, für ei­nen sel­ber, aber auch für die an­de­ren, die wis­sen auch nicht, wie sie da­mit um­ge­hen sol­len. Als mei­ne Leu­te da­mals ins Zim­mer ka­men, ha­be ich ge­sagt: „Geh’ wei­ter, die Fü­ße sind noch dran.“Das hat al­len ge­hol­fen. Ich kann mir Din­ge schön­re­den. Ego­is­mus ist auch, wenn man sich nur das Po­si­ti­ve an­eig­net. Als ich zu den Be­hin­der­ten­sport­lern ge­kom­men bin, da half der schwar­ze Hu­mor ge­wal­tig. Wir er­zäh­len uns Be­hin­der­ten­wit­ze, das wür­de sich kein sonst trau­en. Ich be­zeich­ne Roll­stuhl­fah­rer als „Sitz­platz­schwei­ne“. So ge­hen wir mit der Sa­che um. Schwar­zer Hu­mor hilft, die per­sön­li­chen Tra­gö­di­en zu ver­ar­bei­ten. Wir wol­len nor­mal be­han­delt wer­den, da ge­hö­ren Wit­ze da­zu. Ich sa­ge ger­ne zu den Leu­ten: „Ich wür­de ger­ne Kla­vier spie­len.“Dann schau­en al­le mit­lei­dig. Dann sa­ge ich, „aber lei­der kann ich kei­ne No­ten le­sen“. Da traut sich nicht mal je­der zu la­chen. Sie sind mit sich im Rei­nen. Ja, ich ha­be so vie­le tol­le Din­ge er­lebt und er­le­be sie im­mer noch. Im Sport, im Le­ben. Si­cher, es dau­ert, bis man sich an Wun­der ge­wöhnt. Aber es ist ein Wun­der, dass ich le­be, dass ich all das ge­schafft ha­be, was ich er­rei­chen durf­te. Ich ge­nie­ße je­de Se­kun­de – bin für je­de dank­bar. Das Le­ben ist ein­fach le­bens­wert.

FO­TO: PRI­VAT

Gerd Schön­fel­der nimmt sei­ne Be­hin­de­rung mit Hu­mor. Hier tut er so, als ob ihm der Hai sei­nen – am­pu­tier­ten – Arm ab­bei­ßen wür­de.

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