Das gro­ße Schrump­fen

Fast al­le eta­blier­ten Par­tei­en in Deutsch­land ver­lie­ren Mit­glie­der: Was tun sie da­ge­gen?

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Ale­xei●Ma­kart­sev

RA­VENS­BURG - Er soll die gro­ße CDU vor dem Ab­sturz in die sta­tis­ti­sche Be­deu­tungs­lo­sig­keit ret­ten. Vor dem Hin­ter­grund die­ser ge­wal­ti­gen Auf­ga­be wirkt Hen­ning Ot­te, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und CDU-Kreis­vor­sit­zen­der aus dem nie­der­säch­si­schen Cel­le, be­mer­kens­wert ge­las­sen.

Ein An­ruf bei dem ers­ten Bun­des­mit­glie­der­be­auf­trag­ten der Christ­de­mo­kra­ten, zwei Wo­chen nach des­sen Er­nen­nung auf dem Par­tei­tag in Es­sen: Ot­te spricht von den „di­cken po­li­ti­schen Bret­tern“, die man bis­wei­len boh­ren muss, um in der Ge­sell­schaft et­was be­we­gen zu kön­nen. „De­mo­kra­tie lebt vom Mit­ma­chen“: Da­für will der 48-Jäh­ri­ge mehr jun­ge Men­schen ge­win­nen. Be­vor­zugt auf die be­währ­te Art, durch per­sön­li­che Be­geg­nun­gen, auch wenn der vier­fa­che Va­ter der mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on über die so­zia­len Me­di­en nicht gänz­lich ent­sa­gen will.

Die Kanz­le­rin-Par­tei braucht ei­ne po­li­ti­sche Frisch­zel­len­kur, wenn sie sich an ih­rem 100. Ge­burts­tag im Ju­ni 2045 noch ei­ne „Volks­par­tei“nen­nen möch­te. En­de No­vem­ber 2016 zähl­te sie 434 019 Mit­glie­der. En­de 2015 wa­ren es 444 400, und ein Jahr da­vor 457 488. In den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ist die Uni­on um 21 Pro­zent ge­schrumpft. Dass das Durch­schnitts­al­ter ih­rer Mit­glie­der mitt­ler­wei­le 60 Jah­re be­trägt, dürf­te für die CDU eben­falls kein Grund zur Freu­de sein.

Ei­ne Par­tei­mit­glied­schaft sei „kei­ne Zwangs­ehe“, sagt der neue Bun­des­mit­glie­der­be­auf­trag­te Ot­te nüch­tern und gibt zu, dass er zwar „Ak­zen­te set­zen und An­ge­bo­te ma­chen“, aber nicht die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung auf­hal­ten kön­ne. Mi­lieus lö­sen sich auf Es gibt noch mehr Grün­de, war­um die CDU, aber auch die meis­ten an­de­ren eta­blier­ten Par­tei­en, seit Jah­ren schrump­fen. Ei­ner da­von sei die „Ero­si­on der fest­ge­füg­ten Mi­lieus“, aus de­nen frü­her be­vor­zugt die Mit­glie­der ge­won­nen wur­den, sagt der re­nom­mier­te Par­tei­en­for­scher Os­kar Nie­der­may­er von der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Ge­meint sind et­wa das Ar­bei­ter­mi­lieu oder die Ka­tho­li­ken.

Das zwei­te Pro­blem sei, dass heu­te mehr Par­tei­en um An­hän­ger kon­kur­rier­ten. „Wenn man frü­her für die so­zia­le Ge­rech­tig­keit kämp­fen woll­te, schloss man sich der SPD an – heu­te muss man zwi­schen SPD, den Lin­ken und Grü­nen wäh­len“, er­klärt Nie­der­may­er. Zwei wei­te­re Fak­to­ren wür­den die jun­gen Men­schen be­tref­fen: Sie hät­ten mehr Mög­lich­kei­ten als frü­her, auch au­ßer­halb der Par­tei­en po­li­tisch ak­tiv zu wer­den. Und sie hät­ten ge­ne­rell vie­le Frei­zeit­al­ter­na­ti­ven zur zeit­auf­wen­di­gen po­li­ti­schen Ar­beit.

Nie­der­may­ers Fa­zit: Es gibt heu­te kei­ne wirk­sa­men Pa­tent­re­zep­te für die Par­tei­en, die die­se ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen auf­fan­gen und den Trend zum Mit­glie­der­schwund um­keh­ren könn­ten. Auch im Aus­land nicht, wo die Par­tei­en zur­zeit mit ver­gleich­ba­ren Pro­ble­men kämp­fen.

Wie al­so neue Mit­glie­der ge­win­nen und die be­ste­hen­den in­spi­rie­ren? Im Ber­li­ner Wil­ly-Brandt-Haus be­schäf­tigt sich ein gan­zer „Ar­beits­be­reich“mit die­ser Auf­ga­be. Die SPD ha­be seit 2011 Mit­glie­der­be­auf­trag­te auf al­len Ebe­nen, er­klärt ein Par­tei­spre­cher. Die Zen­tra­le lie­fe­re „Tipps und Hin­wei­se“an die Orts­ver­ei­ne, wie man die Neu­zu­gän­ge be­treu­en kön­ne. „Das bes­te Mit­tel, um neue Mit­glie­der zu ge­win­nen, ist es, Men­schen per­sön­lich an­zu­spre­chen“, heißt es bei der Par­tei, die En­de 2015 knapp 443 000 Mit­glie­der ge­zählt hat.

Das Zau­ber­wort der Grü­nen (60 791 Mit­glie­der An­fang No­vem­ber) ist „Will­kom­mens­kul­tur“. Die Lan­des­ver­bän­de wür­den vier­mal im Jahr Tref­fen für Ne­u­mit­glie­der ver­an­stal­ten, auch ge­mein­sa­me Weih­nachts­fei­ern sei­en üb­lich, er­zählt Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Micha­el Kell­ner. Denn: „Un­se­re Par­tei ver­steht sich als ei­ne so­zia­le In­sti­tu­ti­on.“Die Grü­nen lo­cken An­hän­ger an mit der Mög­lich­keit, viel mit­zu­be­stim­men – wie jetzt bei ei­ner Ur­wahl, die der Par­tei al­lei­ne im Ok­to­ber 850 neue Mit­glie­der ein­ge­bracht hat.

„Wir set­zen viel auf Face­book, Twit­ter, Ins­ta­gram und WhatsApp. Doch der über­wie­gen­de Teil der Ne­u­mit­glie­der wird durch di­rek­te An­spra­che ge­won­nen“, sagt Kell­ner. Of­fen­bar nicht oh­ne Er­folg: Die Grü­nen rech­nen En­de 2016 mit ei­nem neu­en Mit­glie­der­re­kord.

Die FDP mit 53 800 Mit­glie­dern will über ih­re Stra­te­gie we­nig ver­ra­ten. Nur so viel: Ei­nen Be­auf­trag­ten brau­che man nicht, die Mit­glie­der­wer­bung er­fol­ge in der nor­ma­len Par­tei­ar­beit. Die Lin­ke und die 2016 nach ei­ge­nen An­ga­ben stark ge­wach­se­ne AfD (58 645 be­zie­hungs­wei­se 26 000 Mit­glie­der) lie­ßen die ent­spre­chen­den An­fra­gen un­be­ant­wor­tet. Der Trump-Ef­fekt Der Wahl­sieg von Do­nald Trump in den USA hat den Par­tei­en im No­vem­ber ei­ne Wel­le von Neu­ein­trit­ten be­schert. Bei den Grü­nen sol­len es „ei­ni­ge Hun­dert“ge­we­sen sein und 1900 bei der SPD – dop­pelt so viel wie in den „nor­ma­len“Mo­na­ten. Par­tei­en­for­scher Nie­der­may­er er­klärt die­ses Phä­no­men mit den spon­ta­nen Re­ak­tio­nen von jun­gen Men­schen, die sich ge­gen den Po­pu­lis­mus weh­ren. Ei­ne Trend­um­kehr sieht er aber nicht.

Nie­der­may­er glaubt, dass auch die Bun­des­tags­wahl 2017 das Schrump­fen von Par­tei­en in Deutsch­land bes­ten­falls ab­mil­dern könn­te: „Es wird ei­nen Mo­bi­li­sie­rungs­ef­fekt ge­ben, aber er wird nicht nach­hal­tig sein“. Zu pes­si­mis­tisch will Hen­ning Ot­te die Zu­kunft sei­ner Par­tei aber doch nicht se­hen. „In die­sen un­ru­hi­gen Zei­ten ist es für die Men­schen be­son­ders wich­tig, Sta­bi­li­tät und Kon­ti­nui­tät zu ha­ben“, sagt der CDU-Ret­ter – und freut sich dar­über, dass die er­neu­te Kan­di­da­tur An­ge­la Mer­kels für die Kanz­ler­schaft im Herbst zahl­rei­che Neu­ein­trit­te aus­ge­löst ha­be.

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