Not macht er­fin­de­risch: Back­re­zep­te oh­ne Wei­zen­mehl

Im Jahr 1816 wer­den in Scheer Bro­te aus Erd­bir­nen und Erd­äp­feln ge­ba­cken

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER - Von Ve­ra Ro­meu

SCHEER - Die Weih­nachts­zeit ist die Zeit, in der zwi­schen den Jah­ren viel ge­fei­ert und ge­ges­sen wird. „Wir müs­sen uns be­wusst wer­den, dass wir sehr gu­te Zei­ten ha­ben. Es hat Zei­ten ge­ge­ben, in de­nen die Hun­gers­not herrsch­te und die Leu­te nichts zu es­sen hat­ten“, sagt der Bio­land­wirt Eu­gen Pröbst­le. Er er­in­nert an das Jahr 1816, das Jahr oh­ne Som­mer: Vor 200 Jah­ren war der Som­mer so schlecht, dass die Ern­te aus­fiel.

Die Men­schen wuss­ten nicht, war­um die Na­tur so durch­ein­an­der ge­ra­ten war. Der Grund war ei­ne Na­tur­ka­ta­stro­phe: Im April 1815 war ein Vul­kan in In­do­ne­si­en aus­ge­bro­chen und hat­te so viel Asche in die At­mo­sphä­re be­för­dert, dass sie sich in den fol­gen­den Mo­na­ten ver­teil­te und in Eu­ro­pa 1816 die Son­nen­ein­strah­lung ge­stört wur­de. Weil 1816 die Ern­te aus­fiel, brach in der Re­gi­on ei­ne Hun­gers­not aus, die meh­re­re Jah­re dau­er­te. Da­von be­rich­tet auch Wal­ter Blei­cher in der „Chro­nik der ehe­ma­li­gen Re­si­denz­stadt Scheer“.

1816 war ein düs­te­res Re­gen­jahr, das die Ern­te nicht auf­kom­men ließ und die Frucht dort, wo sie ge­wach­sen war, nicht rei­fen konn­te. „Der Wei­zen ver­teu­er­te sich um 239 Pro­zent. Die Leu­te konn­ten die Prei­se nicht be­zah­len“, sagt Pröbst­le. Die Ar­mut war so groß, dass Fa­mi­li­en in die USA, nach Un­garn, Ru­mä­ni­en und Russ­land aus­wan­der­ten. Buch ent­hält An­lei­tun­gen In die­ser Zeit war der jun­ge Fort­u­n­a­tus Fau­ler Pries­ter in Heu­dorf. Es be­küm­mer­te ihn, dass die Be­völ­ke­rung so zu lei­den hat­te. Er schrieb ein Buch über die leich­tes­te und bil­ligs­te Art Brot zu ba­cken. Der Ti­tel war „Deut­li­che An­lei­tung und gründ­li­che Be­leh­rung auf die leich­tes­te und un­kost­spie­ligs­te Wei­se gu­tes und ge­schmack­vol­les Erd- und Rüben­brot zu ba­cken. Zum Bes­ten der är­me­ren Volks­klas­se“. Sei­ne Adres­sa­ten wa­ren die ar­men Leu­te, die das Geld für Wei­zen nicht auf­brin­gen konn­ten. Er hat­te Ver­su­che ge­macht, wie aus ge­trock­ne­ten Erd­bir­nen – ge­meint ist der To­pi­n­am­bur – und ge­trock­ne­ten Erd­äp­feln Mehl zum Brot­ba­cken her­ge­stellt wer­den könn­te. So­gar aus Rü­ben hat­te er ver­sucht, Brot zu ba­cken. Das klei­ne Buch ent­hielt die An­lei­tung da­zu. Pfar­rer Fau­ler ist spä­ter in Ulm De­kan ge­wor­den.

Auch in Scheer hun­ger­ten die Leu­te, so ste­he es in den al­ten Be­rich­ten, sagt Pröbst­le. Die Leu­te hät­ten ver­sucht, sich von Kräu­tern, Gras und Klee zu er­näh­ren. Dort, wo die Not am größ­ten war, ha­be man dem Brot so­gar Sä­ge­mehl bei­ge­mischt, weiß Pröbst­le. In der Chro­nik steht, dass der Kö­nig und das Haus Thurn und Ta­xis der Stadt Scheer Geld und Ge­trei­de zu­kom­men lie­ßen, da­mit die är­me­re Be­völ­ke­rung ver­sorgt wer­den konn­te. 1817 muss­te die Stadt auf Be­fehl des Kö­nigs für die Bür­ger Ge­trei­de auf­kau­fen, was die Prei­se sehr in die Hö­he trieb. Das ers­te Ge­trei­de konn­te am Sonn­tag, 9. Au­gust 1817 end­lich wie­der ge­ern­tet wer­den. Der vol­le Wa­gen wur­de, nach­dem die Ve­sper in der Kir­che ge­be­tet wor­den war, mit Kreuz und Fah­nen vom Acker ab­ge­holt und in ei­ner Pro­zes­si­on in die Stadt ge­lei­tet.

„Was wür­de Pfar­rer Fau­ler heu­te sa­gen, wenn er se­hen wür­de, wie vie­le Nah­rungs­mit­tel weg­ge­wor­fen wer­den?“, fragt sich Pröbst­le. Er kri­ti­siert die Agrar­po­li­tik, die aus sei­ner Sicht den klei­nen bäu­er­li­chen Hö­fen kei­ne Chan­ce ge­las­sen und Land­wir­te zum Auf­ge­ben ge­zwun­gen ha­be. Es sin­ke durch die in­ten­si­ve Land­wirt­schaft die Ar­ten­viel­falt auf den Flu­ren, be­dau­ert er. „Weih­nach­ten ist auch die Zeit, Gott zu dan­ken“, sagt er. Er weist auf die ex­tre­men Re­gen­fäl­len hin, die in die­sem Jahr zu au­ßer­ge­wöhn­li­chen Hoch­was­ser ge­führt ha­ben. „Na­tur­ka­ta­stro­phen wird es in un­se­rer Re­gi­on we­gen des Kli­ma­wan­dels im­mer öf­ters ge­ben. Wir soll­ten dar­an den­ken, dass der reich ge­deck­te Tisch an Weih­nach­ten nicht selbst­ver­ständ­lich ist.“

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