Men­gens ver­ges­se­ner Kom­po­nist

Vor 100 Jah­ren starb Jo­hann Ge­org Din­ser – Al­brecht Mohl er­in­nert an den Mu­sik­di­rek­tor

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER - Von Jen­ni­fer Kuhl­mann

MEN­GEN - Das Jahr 2016 ist ver­gan­gen, oh­ne dass die Men­ge­ner öf­fent­lich an den 100. To­des­tag von Jo­hann Ge­org Din­ser ge­dacht ha­ben. Der am 25. Ju­li 1916 ge­stor­be­ne Mu­sik­di­rek­tor und Kom­po­nist ist in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Zu Un­recht, wie Al­brecht Mohl fin­det. „Wä­re es nicht schön ge­we­sen, es hät­te zur Wür­di­gung ein Kon­zert mit sei­nen Wer­ken ge­ge­ben?“, fragt er. Der Schwä­bi­schen Zei­tung er­zählt Mohl, wie er in müh­sa­mer Re­cher­che­ar­beit In­for­ma­tio­nen über Din­ser zu­sam­men­ge­tra­gen hat.

„Schon zu Leb­zei­ten hat Din­ser in Men­gen nicht die An­er­ken­nung er­fah­ren, die ihn in an­de­ren Or­ten zu­teil wur­de“, sagt Mohl. Auch da­ran wer­de es ge­le­gen ha­ben, dass nur we­nig über sein Le­ben do­ku­men­tiert und sei­ne Kom­po­si­tio­nen nicht rich­tig ar­chi­viert wur­den. Al­brecht Mohl selbst be­gann sich ab et­wa 1987 für Jo­hann Ge­org Din­ser zu in­ter­es­sie­ren. „Da­mals fand der En­net­a­cher Orts­vor­ste­her auf dem Dach­bo­den ei­nes ab­bruch­rei­fen Hau­ses im Brun­nen­win­kel hand­ge­schrie­be­ne Tanz­no­ten“, er­zählt Mohl. „Sie wa­ren mit v. Din­ser si­gniert und in ei­nem ziem­lich schlech­ten Zu­stand.“

Mohl be­schloss, mehr über Din­ser in Er­fah­rung zu brin­gen. „Am En­de wur­de dar­aus dann mein Gast­bei­trag für den Ge­schichts­ver­ein“, sagt Mohl. Un­zäh­li­ge Ta­ge hat er in Ar­chi­ven ver­bracht, al­te Zei­tungs­ar­ti­kel stu­diert und per­sön­li­che Ge­sprä­che ge­führt. „Da ha­be ich vie­le De­tails er­fah­ren, die ich wie die St­ein­chen ei­nes Mo­sa­iks zu­sam­men­fü­gen muss­te“, sagt er. „Man­ches hat sich wi­der­spro­chen oder ließ sich nie zwei­fels­frei be­stä­ti­gen, wie et­wa die Zeit, die er nach sei­ner Aus­bil­dung in der Schweiz ver­bracht ha­ben soll.“ Din­ser lernt Schus­ter­hand­werk Jo­hann Ge­org Din­ser ist am 31. März 1835 als drit­tes Kind des Schus­ters An­ton Din­ser und sei­ner Frau Ma­ria An­na (ge­bo­re­ne Wetzel) auf die Welt ge­kom­men. Er wuchs im Haus 113 in der Men­ge­ner Ober­stadt auf und er­lern­te von sei­nem Va­ter das Schus­ter­hand­werk. In wel­chem Um­fang er dies aus­üb­te, ist nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen, da die Schus­ter der Men­ge­ner Hand­wer­ker­zunft nicht an­ge­hör­ten. Al­brecht Mohl geht da­von aus, dass Din­ser theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Grund­la­gen im Be­reich der Mu­sik in sei­ner Zeit beim Mi­li­tär - er war in Wein­gar­ten sta­tio­niert er­lernt hat. In die Men­ge­ner Stadt­ka­pel­le war er be­reits in jun­gen Jah­ren ein­ge­tre­ten.

Mit 25 Jah­ren hei­ra­tet er Franziska Rös­ler, mit der er fünf Kin­der hat. Die Mu­sik stellte für Din­ser auch die Mög­lich­keit für zu­sätz­li­che Ein­nah­men dar. Er ar­bei­tet als Di­ri­gent ver­schie­de­ner Mu­si­k­en­sem­bles (vor al­lem in Krau­chen­wies und Bin­gen wur­de er sehr ge­schätzt), gab Mu­sik­un­ter­richt, schrieb No­ten ab und er­stell­te ei­ge­ne Ar­ran­ge­ments für die vor­han­de­nen In­stru­men­tal­be­set­zun­gen. Au­ßer­dem, so fasst es Mohl in sei­nem Auf­satz zu­sam­men, ver­dien­te Din­ser Geld als städ­ti­scher Mu­sik­di­rek­tor, Steu­er­kas­sie­rer und Ge­mein­de­rech­ner, Un­ter­pfle­ger der Ober­amts­spar­kas­se Saul­gau Markt­meis­ter und bei ei­ner Agen­tur der Le­bens­ver­si­che­rung. Die­se vie­len Auf­ga­ben le­gen den Schluss na­he, dass Din­ser nicht nur wohl or­ga­ni­siert zu Wer­ke ging, son­dern auch mit we­nig Schlaf aus­kam.

Schon zur Wir­kungs­zeit von Din­ser war die Stadt­ka­pel­le Teil der Bür­g­er­wa­che. Er brach­te sich bei et­wa 20 Bür­g­er­wach­jahr­tagen ein. Nicht nur als Di­ri­gent, son­dern auch mit so­lis­ti­schen Bei­trä­gen. „Vie­le be­nach­bar­te Kom­mu­nen be­nei­de­ten Men­gen um die­sen Ka­pell­meis­ter“, sagt Mohl. So ha­be et­wa Ebin­gen ver­sucht, den Mu­sik­di­rek­tor ab­zu­wer­ben. Der blieb aber sei­ner Hei­mat­stadt treu.

Nicht nur in En­netach, auch in Krau­chen­wies, Scheer und auf dem Dach­bo­den des Men­ge­ner Gym­na­si­ums sind No­ten mit Din­sers Hand­schrift ge­fun­den wor­den. Al­brecht Mohl konn­te ins­ge­samt 53 Kom­po­si­tio­nen im Be­reich der Volks­mu­sik (Schot­tisch, Länd­ler, Pol­kas, Me­nu­et­te), 25 Mär­sche, sechs Stü­cke für Män­ner­chö­re und ei­ni­ge wei­te­re Kom­po­si­tio­nen aus­fin­dig ma­chen. „Wir kön­nen da­von aus­ge­hen, dass vie­le Tanz­bo­den­ka­pel­len zu Din­sers Leb­zei­ten sei­ne Stü­cke ge­spielt ha­ben“, sagt Mohl.

Ihm selbst sind vor al­lem zwei Stü­cke ans Herz ge­wach­sen: Der „Kö­ni­gin-Ol­ga-Marsch“, den Din­ser zum 57. Ge­burts­tag von Kö­ni­gin Ol­ga von Würt­tem­berg am 11. Sep­tem­ber 1879 ver­fass­te, und der „März­ruf“für ei­nen vier­stim­mi­gen Män­ner­chor. Letz­te­res wohl, weil Mohl selbst schon seit Jahr­zehn­ten singt. Nach der Auf­lö­sung des Lie­der­kran­zes Men­gen nun im Vo­kal­ensem­ble Zol­ler­nalb. Dort hat er den Chor­lei­ter auf den „März­ruf“auf­merk­sam ge­macht. „Wir stu­die­ren ihn jetzt ein und wol­len ihn im Früh­jahr bei ei­nem Kon­zert in Sig­ma­rin­gen zum Bes­ten ge­ben“, freut er sich. Den aus­führ­li­chen Bei­trag von Al­brecht Mohl zum Le­ben und Werk von Jo­hann Ge­org Din­ser fin­den In­ter­es­sier­te im zwei­ten Heft der Men­ge­ner Schrif­ten aus dem Jahr 2005.

FOTO: PRIVAT

Die­se Auf­nah­me von 1903 zeigt Mu­sik­di­rek­tor Jo­hann Ge­org Din­ser mit den Ka­me­ra­den der Bür­g­er­wa­che Men­gen.

Un­ter der Lei­tung von Din­ser be­stritt die Bür­g­er­wa­che rund 20 Bür­g­er­wach­jahr­tage.

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