Wenn das Li­mit kein Li­mit ist

Der erst 17-jäh­ri­ge Do­men Pre­vc springt spek­ta­ku­lä­rer Ski als al­le Kon­kur­ren­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Joa­chim Lin­din­ger

OBERSTDORF - Ka­zu­yo­shi Funa­kis Ski­sprung-Hoch­zeit liegt gut zwei Jahr­zehn­te zu­rück. Spät in den Neun­zi­gern flog der Ja­pa­ner vor­ne­weg; auf­re­gen­der in­ter­pre­tier­te kei­ner den V-Stil: Den Kopf tief zwi­schen den Ski­spit­zen, se­gel­te er auf tra­gen­den Luft­pols­tern zu Tal – zwei­di­men­sio­nal qua­si, wie ein Blatt Pa­pier. Do­men Pre­vc war da noch nicht auf der Welt. Als Jan­ne Aho­nen die Win­ter do­mi­nier­te, la­gen sei­ne Un­ter­schen­kel in der Luft fast par­al­lel zum Ski. „Hy­per­mo­bil“sei der Fin­ne, staun­te der da­ma­li­ge Bun­des­trai­ner Pe­ter Roh­wein stell­ver­tre­tend für vie­le; ent­we­der ha­be er kei­ne Achil­les­seh­ne – oder ein Schar­nier im Fuß­ge­lenk. Do­men Pre­vc war da noch nicht in der Schu­le.

Jetzt ist der Jun­ge aus Do­len­ja vas sieb­zehn­ein­halb, hat vier der sie­ben Welt­cup-Sprin­gen die­ser Sai­son ge­won­nen, wird als Mit­fa­vo­rit der 65. Vier­schan­zen­tour­nee (Auf­takt­sprin­gen heu­te 16.45 Uhr/ZDF) ge­han­delt und holt sich sei­ne Me­ter wie ein Ka­zu­yo­shi Aho­nen, wie ein Jan­ne Funa­ki. Ei­ne Art Best of, ma­de in Sl­ove­nia. Ös­ter­reichs Chef­trai­ner Heinz Kut­tin sagt: „Er re­vo­lu­tio­niert das Ski­sprin­gen.“

Tat­säch­lich springt Do­men Pre­vc am Schan­zen­tisch aus tiefs­ter An­fahrts­ho­cke so flach und früh ab wie der­zeit nie­mand an­de­res. Schnel­ler er­reicht er die Ide­al­po­si­ti­on, das bringt Be­schleu­ni­gung – und mehr Ge­schwin­dig­keit selbst in der letz­ten Flug­pha­se, in der Do­men Pre­vc die Ski noch­mals nach oben holt. Auch das kön­nen so nicht vie­le. „Er be­kommt ein Sys­tem zu­sam­men“, ana­ly­siert Wer­ner Schus­ter, „das vom Flug­kör­per ef­fi­zi­en­ter ist.“Der Bun­des­trai­ner weiß auch: Die Ski „der­art bru­tal nah beim Kör­per hal­ten“kann nur, wer mit ei­ner „ex­tre­men Be­weg­lich­keit“ge­seg­net ist. Und: Selbst­über­win­dung braucht’s. Oder ein­fach nur Un­be­küm­mert­heit: „Er springt Ski, wie Max Ver­stap­pen For­mel 1 fährt. Aber so kannst du nur Ski sprin­gen, wenn du noch nie mit 250 ge­gen die Mau­er ge­fah­ren bist.“Oder wenn du, wie Nor­we­gens Trai­ner Alex Stöckl es for­mu­lier­te, „das Gen der Angst nicht hast“. An­de­rer­seits, auch das hat Schus­ter be­ob­ach­tet: „Das Li­mit ist für ihn kein Li­mit. Für ihn ist es Nor­mal­zu­stand, das heißt, er be­herrscht es ganz gut.“

Da­mit ist Do­men Pre­vc in sei­ner Fa­mi­lie in bes­ter Ge­sell­schaft, das gibt sei­ner Ge­schich­te die be­son­de­re No­te. Va­ter Boži­dar war Hob­by­Ski­prin­ger. Pe­ter, mit 24 Äl­tes­ter von fünf Kin­dern, wird in den Sta­tis­ti­ken mit 21 Welt­cup-Sie­gen, als Ge­win­ner des Ge­samt­welt­cups so­wie der Vier­schan­zen­tour­nee 2015/16 ge­führt. Ce­ne ist 20, kommt auf zehn Welt­cup-Starts trotz Kon­zen­tra­ti­on aufs Stu­di­um; nach zwei Con­ti­nen­tal­Cup-Coups in Vi­ker­sund be­rief ihn Slo­we­ni­ens Trai­ner Goran Ja­nus erst­mals in sein Tour­nee-Auf­ge­bot. Die elf­jäh­ri­ge Ni­ka ist in ih­rer Al­ters­klas­se Lan­des­bes­te, al­lein Ema mit ih­ren sie­ben Jah­ren zieht es noch nicht zum SK Trig­lav Kranj. Im Club des Ge­schwis­ter-Quar­tetts, am Sport­gym­na­si­um France­ta Prešer­na in Kranj und im Nor­di­schen Leis­tungs­zen­trum von Pla­ni­ca hat die Ski­sprung-Aus­bil­dung längst höchs­te Qua­li­tät er­reicht. Un­ge­schickt ab­ge­schot­tet Und so kann Pri­mož Pe­ter­ka, 1996/97 ers­ter Tour­nee­sie­ger aus Slo­we­ni­en, stolz von der „Tech­nik von mor­gen“spre­chen, mit der Mus­ter­schü­ler Pre­vc ju­ni­or Wei­te jagt. Oh­ne brem­sen­de Ge­dan­ken – denn: „Ich sprin­ge ein­fach so, wie ich am bes­ten zu­recht­kom­me. Ich ken­ne es nicht an­ders.“Auch sei­ne zwei­te Vier­schan­zen­tour­nee bringt Do­men Pre­vc nicht aus der Ru­he. Schlicht „vier Wett­kämp­fe hin­ter­ein­an­der“sei­en das und das spe­zi­fi­sche K.o.-Sys­tem kein gro­ßes Ding: „Je­der, der gut springt, kann ins Fi­na­le kom­men.“

Do­men Pre­vc springt gut. Fra­ge­zei­chen könn­te die Sta­bi­li­tät sei­nes Flug­sys­tems bei star­kem Auf­wind sein (im bis­he­ri­gen Sai­son­ver­lauf eher die Aus­nah­me), al­ler­dings sind zu­min­dest Oberstdorf und Inns­bruck für Rü­cken­wind be­kannt. Den liebt Do­men Pre­vc. Fra­ge­zei­chen könn­te auch das im­men­se Me­di­en­in­ter­es­se wer­den. Vor Jah­res­frist blieb der 17. des Tour­nee-End­klas­se­ments da­von fast un­be­hel­ligt, dies­mal fand die Auf­takt­pres­se­kon­fe­renz in Oberstdorf oh­ne den Ge­samt­welt­cup-Füh­ren­den statt. Be­mer­kens­wert, denn an­ge­fragt hat­ten die Ver­an­stal­ter ihn. Der ist 17. Erst. Für den slo­we­ni­schen Ski­ver­band ein gu­ter Grund, Din­ge zu ka­na­li­sie­ren: Öf­fent­lich­keit, Ablen­kung, Stress. Doch mit­un­ter ist die Ab­schot­tung et­was un­ge­schickt. Für die Kon­kur­renz sind die 17 ein eben­so gu­ter Grund, auf Schwä­che(n) zu hof­fen. „Er ist sehr jung, weiß nicht, was um ihn her­um ge­schieht, und springt mit ei­nem un­kon­ven­tio­nel­len Stil“, sagt Ös­ter­reichs Hoff­nungs­trä­ger Micha­el Hay­böck. „Es wird span­nend, wie lan­ge er das durch­hält.“

Pe­ter Pre­vc, der Bru­der, hat da we­ni­ger Zwei­fel. Selbst ar­bei­tet er seit sei­nem (vor­der­grün­dig glimpf­li­chen) Sturz An­fang der Sai­son ge­gen die Ir­ra­tio­na­li­tät sei­nes Sports an, der klei­ne Bru­der aber ma­che „sein ei­ge­nes Ding, und das ziem­lich gut. Er zeigt Sprün­ge, von de­nen wir al­le nur ler­nen kön­nen.“Und: Do­men Pre­vc hat kla­re Vor­stel­lun­gen für die Ta­ge bis Drei­kö­nig. „Ich ha­be ein­fach Lust zu sprin­gen. Ich will die Tour­nee ge­nie­ßen“, wur­de er vor Weih­nach­ten zi­tiert. In Oberstdorf schwieg er. Dann lan­de­te Do­men Pre­vc in der Qua­li­fi­ka­ti­on nach 134 Me­tern. Acht­bes­ter. Zum Li­mit ist noch Luft. SZ-Sport­re­dak­teur Joa­chim Lin­din­ger be­glei­tet seit Jah­ren die Vier­schan­zen­tour­nee und an­de­re Win­ter­sport­er­eig­nis­se. Über sei­ne Er­leb­nis­se wird er in den nächs­ten Ta­gen auch auf www.schwa­ebi­sche.de/sei­ten­spru­en­ge be­rich­ten.

FOTO: ROLAND RASE­MANN

Mit der Un­be­küm­mert­heit der Ju­gend: der 17-jäh­ri­ge Slo­wa­ke Do­men Pre­vc in Oberstdorf.

FOTO: ROLAND RASE­MANN

Pre­vc Do­men

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