Schnee von ges­tern – und von mor­gen

„Der Schnee­mann“– Zau­ber­haf­te Aus­stel­lung im Schwä­bi­schen Volks­kun­de­mu­se­um Ober­schö­nen­feld

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Kat­ja Waiz­enegger

Im neu­en Jahr ist es end­lich so weit: Wenn die Me­teo­ro­lo­gen rich­tig lie­gen, wird kom­men­de Wo­che auch in den Nie­de­run­gen Schnee fal­len. Wer sich al­ler­dings nicht wei­ter mit dem War­ten auf die ers­ten Flo­cken be­gnü­gen will, dem sei die Schnee­man­nAus­stel­lung im Schwä­bi­schen Volks­kun­de­mu­se­um in Ober­schö­nen­feld na­he Augs­burg ans Herz ge­legt. Un­ter dem Mot­to „Ge­schich­te(n) ei­nes Win­ter­hel­den“nimmt die Schau die Be­su­cher mit auf ei­ne Rei­se durch die Mo­tiv­ge­schich­te des Schnee­manns. Un­se­re Glück­wunsch­kar­te „Prosit Neu­jahr!“(Fo­to: Samm­lung Cor­ne­li­us Grätz) ist über 100 Jah­re alt und stammt aus dem Jahr 1914.

OBER­SCHÖ­NEN­FELD - Nein, freund­lich schau­en sie wahr­lich nicht drein, die Schnee­män­ner des 18. Jahr­hun­derts. Da­mals zeig­te der Win­ter den Men­schen vor al­lem sei­ne kal­te und un­ge­müt­li­che, oft so­gar ge­fähr­li­che Sei­te. Erst spä­ter gab es sie, die freund­li­chen Schnee­män­ner, mit der Ka­rot­te als Na­se und den Eier­koh­len als Au­gen. Ei­ne Aus­stel­lung im Schwä­bi­schen Volks­kun­de­mu­se­um in Ober­schö­nen­feld, der äl­tes­ten Zis­ter­zi­en­se­rin­nen­ab­tei Deutsch­lands, zeigt, wie je­de Zeit dem wei­ßen Mann ihr ei­ge­nes Ge­sicht gab.

Mi­che­lan­ge­lo soll im Win­ter 1492/93 ei­nen Schnee­mann mo­del­liert ha­ben, der so schön war, dass sei­ne per­fek­te Form in meh­re­ren Tex­ten ge­prie­sen wur­de. Klar, Mi­che­lan­ge­lo. Der konn­te noch nicht ein­mal ei­nen Schnee­mann bau­en, oh­ne dass es Kunst war. Doch das Wun­der­werk für die Nach­welt zu kon­ser­vie­ren ist auch dem gro­ßen Meis­ter nicht ge­lun­gen. Mit stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren schmilzt Schnee da­hin, und spä­tes­tens im März, April ei­nes je­den Jah­res ist auch der so­li­des­te Schnee­mann Schnee von ges­tern. Men­scheln­de Schnee­män­ner Die Ver­gäng­lich­keit ist denn auch ein To­pos, den fast al­le Ge­schich­ten über den Schnee­mann be­glei­ten. „Win­ter ade, schei­den tut weh“– wird die­ser Lied­text des Dich­ters Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben in ei­nem Buch ab­ge­druckt, muss fast im­mer ein da­hin­schmel­zen­der Schnee­mann als Il­lus­tra­ti­on her­hal­ten. „Die Win­ter wa­ren da­mals sehr hart für die Men­schen“, be­tont die Volks­kund­le­rin Do­ro­thee Pesch. Sie hat die von Es­t­her Ga­jek aus Re­gens­burg kon­zi­pier­te Schnee­mann-Aus­stel­lung in das Volks­kun­de­mu­se­um Ober­schö­nen­feld ein­ge­passt.

Dass es so et­was wie ei­ne Kind­heit über­haupt ge­ben durf­te, die­se groß­bür­ger­li­che Ein­sicht setz­te sich laut Pesch erst im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts durch. In Fol­ge durf­ten auch die Schnee­män­ner ih­re spie­le­ri­sche Sei­te zei­gen. Die Aus­stel­lung zeigt Kin­der­bü­cher, Bil­der­bö­gen und Ka­len­der aus der Zeit der Jahr­hun­dert­wen­de, aus de­nen ein er­staun­li­ches Ei­gen­le­ben der Ge­stal­ten spricht. Sie tol­len mit den Kin­dern im Schnee, be­wa­chen Haus und Hof. Und ihr Ge­sichts­aus­druck drückt, ob­wohl nur aus Ka­rot­ten­na­se und Koh­le­ei­ern be­ste­hend, mensch­li­che Gefühle wie Freu­de und Trau­er aus.

Es ist die chro­no­lo­gisch-his­to­ri­sche Schie­ne, wel­cher der Be­su­cher im ers­ten Aus­stel­lungs­raum fol­gen kann, be­gin­nend mit ei­nem Kup­fer­stich aus dem Jahr 1770. Ei­nen Groß­teil der Darstel­lun­gen ver­dan­ken die Aus­stel­lungs­ma­cher ei­ner Mode, die 1870 ih­ren An­fang nahm: Die Reichs­post führ­te als neu­es For­mat die „Cor­re­spon­denz­kar­te“ein, ei­ne schlaue und weg­wei­sen­de Ge­schäfts­idee. In ei­ner Wo­che des Jah­res 1900 wur­den von flei­ßi­gen Post­bo­ten neun Mil­lio­nen die­ser Post­kar­ten aus­ge­tra­gen. Das Be­dürf­nis nach ei­ner Kurz­nach­richt mit schö­nem Bild und we­nig Text gab es wohl schon vor Ins­ta­gram und Twit­ter. Im Win­ter schmück­ten vor al­lem Schnee­män­ner die­se Post­kar­ten. Sie wa­ren uni­ver­sell ein­setz­bar, re­li­gi­ös un­ge­bun­den, und strahl­ten in ih­rer run­den Form Ge­müt­lich­keit aus. Kaum ein Fo­to­stu­dio in die­ser Zeit, das im Win­ter nicht ei­nen sol­chen Ge­sel­len aus Stoff den Kun­den an die Sei­te stell­te. Schnee­män­ner als Sol­da­ten Aber der Schnee­mann war eben auch Ab­bild sei­ner Zeit, und so wur­de er be­waff­net als Sol­dat in den Ers­ten Welt­krieg ge­schickt oder be­kam von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ei­nen Ju­den­stern ver­passt. Ein ech­tes Fund­stück ist der Zei­chen­trick­film von Hans Fi­scher­koe­sen, den die­ser 1943 im Auf­trag von Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Go­eb­bels ge­dreht hat: „Der Schnee­mann“. Der Auf­mun­te­rung der Sol­da­ten an der Front soll­te die­ser Kurz­film im Sti­le Walt Dis­neys die­nen. Dass der Schnee­mann, der ein­mal den Som­mer er­le­ben woll­te, die­sen Wunsch mit dem Le­ben be­zahl­te, dürf­ten die Sol­da­ten al­ler­dings als we­nig lus­tig emp­fun­den ha­ben. Da mag der vom Schnee­mann aus­ge­tricks­te Hund mit Hit­ler­schnau­zer schon für La­cher ge­sorgt ha­ben.

Ei­ner darf bei ei­ner Aus­stel­lung über den Schnee­mann nicht feh­len: Der Reut­lin­ger Cor­ne­li­us Grätz. Mehr als 3000 Schnee­män­ner hat der ge­lern­te Buch­händ­ler in ei­ner sym­pa­thi­schen Art von Be­ses­sen­heit schon ge­sam­melt, aus je­dem nur er­denk­li­chen Ma­te­ri­al. Sei­nen ers­ten Schnee­mann aus Mar­zi­pan, den er mit zwölf Jah­ren ge­schenkt be­kam, gibt es eben­so zu se­hen wie das „Snow­man Con­struc­tion Kit“für das Kind von heu­te, be­ste­hend aus Ka­rot­te und Koh­le – aus Plas­tik. Mar­tin Wal­ser hat schon ei­nen Schnee­mann für Grätz ge­zeich­net, eben­so Nor­bert Blüm und Udo Lin­den­berg. Ei­ne wis­sen­schaft­li­che Leit­li­nie braucht sei­ne Samm­lung, die er dem Volks­kun­de­mu­se­um zur Ver­fü­gung ge­stellt hat, nicht. Der Schnee­mann darf bei Grätz ein­fach das sein, was die Men­schen heu­te in ihm se­hen: Ein ku­gel­run­der Ge­sel­le, lus­tig, an­spruchs­los und bei Win­te­r­en­de auch schnell und ger­ne wie­der im hin­ters­ten Eck ver­staut – oder eben da­hin­ge­schmol­zen. Der Schnee­mann. Ge­schich­ten ei­nes Win­ter­hel­den. Aus­stel­lung im Schwä­bi­schen Volks­kun­de­mu­se­um Ober­schö­nen­feld. Bis 5. Fe­bru­ar. Öff­nungs­zei­ten: Di­ens­tag bis Sonn­tag, 10 bis 17 Uhr, an Sil­ves­ter bis 14 Uhr. In­fos über Ver­an­stal­tun­gen un­ter www.schwa­ebi­sches-volks­kun­de­mu­se­um.de

FO­TOS (2): SAMM­LUNG COR­NE­LI­US GRÄTZ/MU­SE­UM

Vor hun­dert Jah­ren wa­ren Weih­nachts­kar­ten noch un­üb­lich, statt­des­sen ver­schick­te man zu Neu­jahr lie­ber ei­ne Schnee­mann­kar­te wie die­se von 1906. Be­liebt wa­ren Schnee­män­ner seit je­her in der Wer­bung, wie die „Vill­ora“-Do­se aus den 1930-Jah­ren zeigt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.