Al­pt­raum an der Cô­te d’Azur

Der Ter­ror trifft Frank­reich dies­mal in ei­ner Tou­ris­ten­hoch­burg – Ohn­macht und Trau­er un­ter den Men­schen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - IMMOBILIEN - Von Chris­ti­ne Lon­gin

PA­RIS - Am nächs­ten Tag steht der wei­ße Lkw mit den rund 50 Ein­schuss­lö­chern in der Wind­schutz­schei­be noch an der Pro­me­na­de des An­g­lais. Er­mitt­ler in wei­ßen Schutz­an­zü­gen er­fas­sen und ver­mes­sen vor ei­nem azur­blau­en Meer den 19-Ton­ner, des­sen Fah­rer am Abend des 14. Ju­li das Grau­en an die welt­be­rühm­te Ufer­stra­ße von Niz­za brach­te. Ge­gen 23 Uhr ras­te ein 31-jäh­ri­ger Fran­ko-Tu­ne­si­er in die Men­ge, die nach dem En­de des tra­di­tio­nel­len Feu­er­werks ein­fach nur nach Hau­se oder in die um­lie­gen­den Kn­ei­pen ge­hen woll­te.

Zwei Ki­lo­me­ter leg­te der An­grei­fer zwi­schen den rund 30 000 Zu­schau­ern zu­rück und tö­te­te da­bei 86 Men­schen, dar­un­ter auch drei Deut­sche. „Ich sah Lei­chen wie Bow­ling­ku­geln durch die Luft flie­gen. Ich ha­be Schreie ge­hört, die ich nicht mehr ver­ges­sen wer­de“, be­rich­tet der Jour­na­list der Zei­tung „Nice Ma­tin“, Da­mi­en Al­le­mand, der Au­gen­zeu­ge des An­griffs war. Kin­der un­ter den Op­fern „Die Strand­päch­ter wa­ren die Ers­ten, die ka­men und Was­ser an­bo­ten. Auf die­je­ni­gen, für die es kei­ne Hil­fe mehr gab, leg­ten sie Hand­tü­cher.“Rund 50 Schwer­ver­letz­te schweb­ten am Frei­tag noch in Le­bens­ge­fahr, sag­te Prä­si­dent François Hol­lan­de nach dem Be­such des Pa­s­teur-Kran­ken­hau­ses.

„Un­ter den Op­fern sind vie­le Kin­der, klei­ne Kin­der, die Spaß ha­ben woll­ten“, er­gänz­te er mit mü­der Stim­me. Das Feu­er­werk ist je­des Jahr für vie­le Fran­zo­sen ein Fa­mi­li­ener­eig­nis. Der Staats­chef traf auch die Po­li­zis­ten, die ge­mein­sam mit ei­nem mu­ti­gen Pas­san­ten den Lkw-Fah­rer stopp­ten. „Ei­ne Per­son aus der Men­ge sprang auf den Lkw, um ihn an­zu­hal­ten. In die­sem Mo­ment konn­ten die Po­li­zis­ten den Ter­ro­ris­ten aus­schal­ten“, schil­der­te der Ab­ge­ord­ne­te Eric Ciot­ti die Sze­ne im Ra­dio­sen­der Eu­ro­pe1. „Ich wer­de den Blick der Po­li­zis­tin nie ver­ges­sen, die den Kil­ler ge­stoppt hat.“

Der Tä­ter Mo­ha­med B., ein po­li­zei­be­kann­ter Klein­kri­mi­nel­ler, hat­te Au­gen­zeu­gen zu­fol­ge mit sei­nem erst kurz zu­vor ge­mie­te­ten Lkw al­le Fuß­gän­ger er­fasst, die er er­wi­schen konn­te. Gleich­zei­tig schoss der ge­schie­de­ne drei­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter, von dem kei­ne Kon­tak­te zur Ter­ro­ris­ten­sze­ne be­kannt sind, mit ei­ner Pis­to­le aus dem Fens­ter. In sei­nem Fahr­zeug fand die Po­li­zei auch wei­te­re Plas­tik­waf­fen und ei­ne nicht funk­ti­ons­fä­hi­ge Gra­na­te. Nach dem En­de der Hor­ror­fahrt bot sich auf der Pro­me­na­de des An­g­lais ein Bild des Grau­ens: „Al­le fünf Me­ter la­gen Lei­chen, Kör­per­tei­le, Blut“, be­schrieb Al­le­mand die Sze­ne.

Die Über­le­ben­den ret­te­ten sich in die Re­stau­rants und Ho­tels, die sich an der Ufer­stra­ße an­ein­an­der­rei­hen. Im Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter ent­stand schnell das Hash­tag „Por­te­sou­ver­tes“, das den Flie­hen­den die Häu­ser zeig­te, in de­nen sie Zuflucht su­chen konn­ten. Fa­mi­li­en wur­den aus­ein­an­der­ge­ris­sen, so­dass An­ge­hö­ri­ge ver­zwei­felt nach ih­ren Lie­ben such­ten. „Wie­der der Hor­ror“, ti­tel­te die Zei­tung „Le Fi­ga­ro“. Dies­mal war nicht der Groß­raum Pa­ris, son­dern Niz­za Ziel ei­nes An­griffs, den Hol­lan­de selbst als Ter­ror­akt be­zeich­ne­te. „War­um Niz­za? Weil es welt­be­kannt ist“, be­grün­de­te der Prä­si­dent, der ei­ne drei­tä­gi­ge Staats­trau­er er­klär­te, die schreck­li­che Aus­wahl. Ex­per­ten hat­ten schon lan­ge ge­fürch­tet, dass Is­la­mis­ten ei­ne der Tou­ris­ten­hoch­bur­gen im Sü­den ins Vi­sier neh­men.

Doch das Sym­bol war ein dop­pel­tes: Ne­ben der Stadt an der Cô­te d’Azur rich­te­te sich die Atta­cke auch ge­gen das fran­zö­si­sche Na­tio­nal­sym­bol – den 14. Ju­li. Der Jah­res­tag des Sturms auf die Bas­til­le, der je­des Jahr so­gar im kleins­ten Dorf mit ei­nem Feu­er­werk ge­fei­ert wird, war ein leich­tes Ziel. Denn im Ge­gen­satz zu ei­nem Fuß­ball­sta­di­on kön­nen die Plät­ze und Stra­ßen, auf de­nen je­des Jahr die Böl­ler ge­zün­det wer­den, nicht kom­plett ge­schützt wer­den.

„Man weiß nicht mehr, wo­hin man ge­hen soll und was noch pas­sie­ren wird“, sag­te ei­ne Au­gen­zeu­gin un­ter Trä­nen im Fern­se­hen. „Das al­les dau­ert schon viel zu lan­ge.“Nach der EM, die am Sonn­tag zu En­de ging, hat­te in Frank­reich erst ein­mal Er­leich­te­rung ge­herrscht, dass das stark be­wach­te Sport­er­eig­nis oh­ne grö­ße­re Zwi­schen­fäl­le statt­fand. m Som­mer­mo­nat Ju­li wur­de Eu­ro­pa von zwei Ter­ror­ak­ten er­schüt­tert. Am 14. Ju­li rast Mo­ha­med B. wäh­rend des fran­zö­si­schen Na­tio­nal­fei­er­tags mit ei­nem Lkw durch die Men­schen­men­ge. 86 Be­su­cher ster­ben. We­ni­ge Ta­ge spä­ter er­schießt Da­vid S. neun Men­schen in Mün­chen. Chris­ti­ne Lon­gin, Frank­reich-Kor­re­spon­den­tin der „Schwä­bi­schen Zei­tung“, und Re­dak­teu­rin Jas­min Off wa­ren kurz dar­auf in Niz­za be­zie­hungs­wei­se Mün­chen vor Ort. (dan)

FO­TOS: AFP (2)

Zer­stör­te Idyl­le: Der Las­ter stand am Frei­tag noch auf der Ufer­stra­ße von Niz­za, wo die Men­schen um die Op­fer trau­er­ten.

Der 31-jäh­ri­ge Mo­ha­med B. tö­te­te an der Strand­pro­me­na­de 86 Men­schen.

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