Film­le­gen­de Jean­ne Mo­reau ge­stor­ben

Charme, Neu­gier, Selbst­be­wusst­sein: Zum To­de von Jean­ne Mo­reau

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Rü­di­ger Suchs­land

PA­RIS (AFP) - Die fran­zö­si­sche Schau­spie­le­rin Jean­ne Mo­reau (Fo­to: dpa) ist tot. Sie starb im Al­ter von 89 Jah­ren in Pa­ris, wie ihr Agent am Mon­tag sag­te. Mo­reau wur­de in ih­rer Woh­nung in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt tot auf­ge­fun­den. Ih­re Schön­heit und ih­re tie­fe Stim­me fas­zi­nier­ten Re­gis­seu­re und Pu­bli­kum glei­cher­ma­ßen.

Ei­ne hyp­no­ti­sche Er­schei­nung: strah­lend, auch wenn sie nicht lä­chel­te, das Ge­sicht do­mi­niert vom star­ken Kinn, das im­mer ein we­nig nach vorn ge­scho­ben wirk­te, da­zu die be­rühm­ten Mund­win­kel, die Ver­ach­tung eben­so aus­drü­cken konn­ten wie Iro­nie. Egal wo man sie sah und traf, stand Jean­ne Mo­reau im Zen­trum. Noch hoch in den 80ern dreh­te sie Fil­me, al­lein 2012 wa­ren es vier. Noch mit weit über 70 reis­te sie durch die Welt, um hier ei­nen Eh­ren­preis ent­ge­gen­zu­neh­men, dort ei­ne Re­tro­spek­ti­ve ih­rer Fil­me zu er­öff­nen und ein paar Ta­ge lang In­ter­views zu ge­ben.

Auch für die­se Zei­tung ließ sie sich zwei­mal in­ter­view­en – zu­letzt vor elf Jah­ren, als „Die Zeit, die bleibt“, ihr Film mit François Ozon, ins deut­sche Ki­no kam. In dem geht es um den Um­gang ei­nes jun­gen Man­nes mit dem Ster­ben. Sehr frei­mü­tig sprach Mo­reau sei­ner­zeit auch über den ei­ge­nen Tod: „Ster­ben kann man je­den Tag“, mein­te sie. Die Fra­ge nach dem Tod ha­be nichts mit dem Al­ter zu tun. Aber: „Das Le­ben ist ein gro­ßer Schatz.“

Glück­li­che Kind­heit in der Na­tur

Selbst­be­wusst­sein und Ge­las­sen­heit, auch Ex­pe­ri­men­tier­freu­de zeich­ne­ten sie aus. Die Grund­la­ge zu die­sen Ei­gen­schaf­ten leg­te ei­ne glück­li­che Kind­heit: 1928 ge­bo­ren, als Toch­ter ei­nes Fran­zo­sen und ei­ner Bri­tin, wuchs die Mo­reau im fran­zö­si­schen Zen­tral­mas­siv auf – in­mit­ten ei­ner wil­den Na­tur. Spä­ter er­zähl­te sie gern vom Bar­fuß­lau­fen im Ge­bir­ge, von Über­nach­tun­gen im Wald, vom Un­ter­schied zwi­schen Schlan­gen und Vi­pern. Ei­ni­ges von die­ser Wild­heit brach­te sie nach Pa­ris mit, wo­hin sie schon wäh­rend der Zeit der deut­schen Be­sat­zung, al­so mit 13, 14 aus­riss und En­de der 1940er end­gül­tig zog. Es dau­er­te nicht lang, da wur­de sie fürs Ki­no ent­deckt. Von An­fang an spiel­te Jean­ne Mo­reau in der ers­ten Gar­de des fran­zö­si­schen Ki­nos, zu­erst für klas­si­sche, am Thea­ter ori­en­tier­te Fil­me, bald aber im Ki­no des neu­en Auf­bruchs, aus dem die „Nou­vel­le Va­gue“wur­de.

Bei Jac­ques Be­cker spiel­te sie an der Sei­te von Jean Ga­bin in dem gro­ßen Gangs­ter­film „Wenn es Nacht wird in Pa­ris“, dann in zwei Klas­si­kern des jun­gen Lou­is Mal­le „Fahr­stuhl zum Scha­fott“(1957) und „Die Lie­ben­den“(1958). Es folg­ten ih­re ers­ten Auf­trit­te bei François Truf­faut, die sie un­sterb­lich wer­den lie­ßen: „Sie küss­ten und sie schlu­gen ihn“und „Ju­les und Jim“. Aber Jean­ne Mo­reau war kei­ne, die sich auf ih­ren Lor­bee­ren aus­ruh­te. Sie konn­te und woll­te nicht still sit­zen. Und auch wenn sie in Frank­reich blieb, hat­te die Mo­reau schon sehr jung Lust, zu ex­pe­ri­men­tie­ren: In „La Not­te“spiel­te sie bei An­to­nio­ni, in „Ta­ge­buch ei­ner Kam­mer­zo­fe“bei Buñu­el, in „Der Pro­zess“bei Or­son Wel­les – bei drei­en der größ­ten Re­gis­seu­re des Ki­nos.

Die Mo­reau fas­zi­nier­te ih­re Re­gis­seu­re auch als Män­ner – mit nicht we­ni­gen soll sie Ver­hält­nis­se ge­habt ha­ben. Zu­gleich war ih­re Wir­kung im­mer am­bi­va­lent: Der Charme konn­te im Nu in ei­si­ge Käl­te um­schla­gen, und ihr auch se­xu­el­les Selbst­be­wusst­sein schüch­ter­te ge­nau­so ein, wie es fas­zi­nier­te.

Auch des­halb hat man sie gern als „Fem­me fa­ta­le“be­zeich­net – was sie selbst nicht be­son­ders schätz­te, schon weil es vom Blick der Män­ner do­mi­niert war. Tat­säch­lich ging es ihr mehr um Frei­heit und Gleich­be­rech­ti­gung. Und wenn es ei­ne Kon­ti­nui­tät im Werk die­ser Cha­rak­ter­dar­stel­le­rin gab, dann dies: dass sie im­mer, schon als ganz jun­ge An­fän­ge­rin, ei­ne aus­ge­wach­se­ne Frau war, nie ein Mäd­chen, nie ganz un­schul­dig, nie pas­siv. Und dass sie zu­gleich, bis ins ho­he Al­ter, ver­füh­re­risch blieb, ei­nen Hauch von Las­zi­vi­tät aus­strahl­te – Jean­ne Mo­reau war nie ei­ne net­te Oma.

Ei­ne ih­rer schöns­ten Rol­len fängt die­se grund­sätz­li­che Am­bi­va­lenz ein: In „Die Bucht der En­gel“spielt sie für Jac­ques De­my ei­ne Spiel­süch­ti­ge. Was­ser­stoff­blond im wei­ßen Sport­wa­gen strahlt sie, wenn sie ge­won­nen hat, und wenn sie ver­lor, sah sie aus wie ei­ne ur­al­te Geis­ter­frau.

Es ist die­ses Schil­lern zwi­schen zwei Sei­ten, de­ren Ver­bin­dung man nie ganz durch­schaut. Des­we­gen bleibt es im­mer ein Rät­sel, das man er­for­schen möch­te und noch lan­ge im Ge­dächt­nis blei­ben wird.

FO­TO: DPA

Selbst­be­wusst­sein und Ge­las­sen­heit zeich­ne­ten die fran­zö­si­sche Schau­spie­le­rin Jean­ne Mo­reau aus. Sie ist am Mon­tag im Al­ter von 89 Jah­ren ge­stor­ben.

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