End­spurt bei den Fest­spie­len

Pre­mie­re von Al­ban Bergs „Wozz­eck“bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len be­ju­belt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Kat­ha­ri­na von Gla­sen­app

BREGENZ (sz) - Zum Fi­na­le gibt es noch zwei Pre­mie­ren bei den Bre­gen­zer Fest­spie­len: „To The Lighthouse“ist ein Mu­sik­thea­ter­stück von Zes­ses Se­gli­as und wird am 16. Au­gust auf der Werk­statt­büh­ne ur­auf­ge­führt. Es ist ei­ne Co-Pro­duk­ti­on zwi­schen den Fest­spie­len und dem Kunst­haus Bregenz und wird dem ver­stor­be­nen Li­bret­tis­ten Ernst Bin­der ge­wid­met. Am 14. Au­gust kommt im Opernate­lier im Korn­markt­thea­ter Mo­zarts „Die Hoch­zeit des Fi­ga­ro“her­aus.

SALZBURG - Nach Schosta­ko­witschs Oper „La­dy Mac­beth von Mzensk“brin­gen die Salz­bur­ger Fest­spie­le mit Al­ban Bergs „Wozz­eck“ein wei­te­res Mu­sik­dra­ma des 20. Jahr­hun­derts: Längst ist die Tra­gö­die um Wozz­eck, der sich zu me­di­zi­ni­schen Ver­su­chen miss­brau­chen lässt und aus Ei­fer­sucht zum Mör­der wird, ein Klas­si­ker. Doch Aus­sa­ge und mu­si­ka­li­sche In­ten­si­tät sind im­mer wie­der be­klem­mend. In Salzburg führt der süd­afri­ka­ni­sche Künst­ler Wil­li­am Ken­tridge Re­gie und ver­stärkt die Wir­kung durch ei­ge­ne Skiz­zen, Bil­der und Fil­me. Die mu­si­ka­li­sche Lei­tung liegt in den Hän­den des rus­si­schen Di­ri­gen­ten Vla­di­mir Ju­row­ski. Die durch­ge­hend her­vor­ra­gen­de Be­set­zung wird an­ge­führt von Ba­ri­ton Mat­thi­as Go­er­ne in der Ti­tel­rol­le und der li­taui­schen So­pra­nis­tin As­mik Gri­go­ri­an.

Düs­ter­nis und Ver­zweif­lung

Trep­pen, die nir­gend­wo hin­füh­ren, Ste­ge, um­ge­kipp­te Stüh­le, ein al­tes Kla­vier, ei­ne Lein­wand, ein al­ter Film­pro­jek­tor, ein gro­ßer Schrank, in dem sich das me­di­zi­ni­sche Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett des Dok­tors be­fin­det: Auf ver­schie­de­nen Ebe­nen lässt sich die Büh­ne von Sa­bi­ne Theu­nis­sen be­spie­len. Was auf den ers­ten Blick chao­tisch wirkt, er­hält durch die Be­leuch­tung Struk­tur. Da­zu ver­stär­ken die skiz­zen­haf­ten Bil­der von Ken­tridge die At­mo­sphä­re. Bald groß­flä­chig auf die Büh­nen­rück­wand pro­ji­ziert, bald als Film von ge­zeich­ne­ten Fi­gu­ren und Tie­ren, die wie be­leb­te Sche­ren­schnit­te oder Ka­ri­ka­tu­ren wir­ken, bald als Stand­bil­der se­zie­ren sie die Welt der Prot­ago­nis­ten.

Dunk­le Schraf­fu­ren, blut­ro­te Ak­zen­te, Blit­ze spie­geln die bi­zar­re Ge­dan­ken­welt Wozz­ecks, die auch die Welt Büch­ners und des von den Er­fah­run­gen des ers­ten Welt­kriegs trau­ma­ti­sier­ten Kom­po­nis­ten Al­ban Berg war. Wil­li­am Ken­tridge hat die Kriegs­bil­der aber auch in sei­ner süd­afri­ka­ni­schen Hei­mat ge­fun­den und setzt die Li­nie von Düs­ter­nis und Ver­zweif­lung so­mit fort. Trich­ter, Me­ga­fo­ne, Gas­mas­ken, Krü­cken, ver­zerr­te Ge­sich­ter sind auf den Bil­dern zu se­hen, keh­ren in den Fi­gu­ren auf der Büh­ne wie­der. Die Ko­s­tü­me von Gre­ta Goiris neh­men die er­di­gen Braun- und Grün­tö­ne auf, Ak­zen­te set­zen die wei­ße Uni­form des Tam­bour­ma­jors und das zu­erst noch von ei­ner dunk­len Schür­ze be­deck­te ro­te Kleid der Ma­rie.

In die­sem Um­feld er­lebt man Wozz­eck als den von al­len Ge­trie­be­nen und Ver­spot­te­ten, der auf An­wei­sung des Dok­tors nur Boh­nen es­sen darf und ver­folgt wird von Vi­sio­nen. Mat­thi­as Go­er­ne lie­fert sich dem voll und ganz aus, spie­gelt das Un­ter­wür­fi­ge wie das Wahn­haf­te in Mi­mik und Kör­per­spra­che und mischt sei­ner gro­ßen Stim­me un­end­lich vie­le Far­ben bei. Vom Spre­chen über den Sprech­ge­sang zur kan­ta­blen Li­nie reicht das Spek­trum des von Berg ge­for­der­ten An­spruchs, weich an­ge­setz­te Kopf­stim­me und selbst­ver­ständ­lich wir­ken­de In­ter­vallsprün­ge zei­gen, wie stark Go­er­ne die­se Par­tie ver­in­ner­licht hat.

Über­zeu­gen­de Rol­len­ge­stal­tung

In As­mik Gri­go­ri­an hat er ei­ne mäd­chen­haft wir­ken­de Part­ne­rin mit star­ker Aus­strah­lung und leuch­ten­dem So­pran. Sie ver­mag Un­schuld, müt­ter­li­che Wär­me, Le­bens­lust, Angst und Schick­sals­er­ge­ben­heit der Ma­rie auf be­rüh­ren­de Wei­se in ih­re Stim­me zu le­gen. John Das­z­ak als kör­per­be­ton­ter Tam­bour­ma­jor, Mau­ro Pe­ter als nai­ver Freund And­res, Ger­hard Sie­gel als schnar­ren­der Haupt­mann und Jens Lar­sen als Dok­tor sind die in Stim­me und Ty­pus über­zeu­gen­den Fi­gu­ren, die Wozz­eck und Ma­rie um­krei­sen. Wil­li­am Ken­tridge und sein Co-Re­gis­seur Luc de Wit las­sen die Ge­schich­te in der Alp­traum­welt der in­ne­ren und äu­ße­ren Bil­der wir­ken, zie­hen den Hö­rer hin­ein und be­to­nen zugleich das Scha­blo­nen­haf­te der Fi­gu­ren. Da­zu passt, dass das Kind der Ma­rie als Holz­pup­pe ge­führt wird.

Im Orches­ter­gra­ben des Hau­ses für Mo­zart ge­stal­ten die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker un­ter Vla­di­mir Ju­row­ski die Par­ti­tur ei­ner­seits fein kam­mer­mu­si­ka­lisch mit zahl­rei­chen In­stru­men­tal­so­li, an­de­rer­seits auf­trump­fend, derb lär­mend oder im sat­ten Orches­ter­klang in den emo­tio­na­len Hö­he­punk­ten. Büh­nen­mu­sik, ei­ne herz­haft auf­spie­len­de Wirts­haus­mu­sik und der spiel­freu­di­ge Chor der Wie­ner Staats­oper voll­enden die­se tief­ge­hen­de, rund­um be­ju­bel­te Pro­duk­ti­on.

FO­TO: DPA

Ei­ne star­ke Be­set­zung, ein star­ker Opern­abend: Mat­thi­as Go­er­ne als Wozz­eck und Jens Lar­sen als Dok­tor in der Salz­bur­ger Auf­füh­rung der Oper von Al­ban Berg.

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