Li­te­ra­tur zur Kri­se

Ein Rund­gang über die 69. Frank­fur­ter Buch­mes­se

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Ant­je Mer­ke

Ein Rund­gang über die Buch­mes­se in Frank­furt

FRANK­FURT - Die Frank­fur­ter Buch­mes­se ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für die Sin­ne. Der Ge­räusch­pe­gel ist hoch, es wird ge­scho­ben und ge­drän­gelt. Bei rund 7000 Aus­stel­lern und meh­re­ren hun­dert­tau­send Be­su­chern ist das kein Wun­der. Und trotz­dem geht es nicht nur ums Ge­schäft, son­dern auch um Kul­tur, um Denk­an­stö­ße und An­re­gun­gen.

Wer gern Re­gio­nal­thril­ler liest, wird hier genau­so fün­dig wie der Freund von kit­schi­gem Schnick­schnack, der an ei­nem Stand zwi­schen Hal­le 4 und 5 zur Schau ge­stellt wird. Und falls je­mand nicht weiß, wie ei­ne Sau­ce Hol­lan­dai­se zu­be­rei­tet wird, kann in der Gour­met Gal­le­ry Kö­chen über die Schul­ter schau­en. So fin­det man­cher auf der Buch­mes­se, was er gar nicht sucht. Aber das macht den ei­gent­li­chen Reiz ei­nes Bum­mels über die Kor­ri­do­re, vor­bei an gro­ßen und klei­nen Stän­den aus. Wo­bei na­tür­lich die Hal­len zu Li­te­ra­tur und Sach­buch weit­aus span­nen­der sind.

Auf ei­nen Ca­fé au lait im fran­zö­si­schen Pa­vil­lon

Das geht schon im Pa­vil­lon des Eh­ren­gas­tes Frank­reich los. Unter dem Slo­gan „Franc­fort en Fran­cais – Frank­furt auf Fran­zö­sisch“fei­ert man Will­kom­mens­kul­tur. Des­halb steht nicht Frank­reich, son­dern die fran­zö­si­sche Spra­che im Zen­trum des Auf­tritts. Ei­ne Spra­che, die ja eben­so in der Schweiz, in der Ka­ri­bik, in Afri­ka, in Ka­na­da und im Ma­ghreb ge­spro­chen wird. Für den Auf­tritt wur­den mehr als 500 fran­zö­si­sche Ti­tel – so vie­le wie nie zu­vor – ins Deut­sche über­setzt. Ne­ben Bel­le­tris­tik und Non Fic­tion le­gen die Fran­zo­sen gro­ßen Wert auf Co­mics, Kin­der- und Ju­gend­bü­cher.

Als Be­geg­nungs­stät­te ha­ben un­se­re Nach­barn im Pa­vil­lon ei­ne gi­gan­ti­sche Bi­b­lio­thek von 30 000 Bü­chern auf­ge­baut, statt wie vie­le ih­rer Vor­gän­ger auf tou­ris­ti­sche Lan­des­wer­bung zu set­zen. Durch ei­ne of­fe­ne, kreuz und quer ver­streb­te Holz­kon­struk­ti­on kann man wan­deln, stö­bern und par­lie­ren. Amü­sant ist die Ausstellung zum fran­zö­sisch-bel­gi­schen Co­mic im 21. Jahr­hun­dert.

Ei­nen Gang wei­ter sind ne­ben Stars wie Mi­chel Hou­el­l­e­becq, Yas­mi­na Re­za oder dem jun­gen Aus­nah­me­ta­lent Edouard Louis auch Schrift­stel­ler zu ent­de­cken, die hier­zu­lan­de we­ni­ger ge­läu­fig sind. Zu den Neu­lin­gen ge­hört zum Bei­spiel So­phie Di­vry. Die Au­to­rin er­zählt in „Als Teu­fel aus dem Ba­de­zim­mer kam“von den miss­li­chen Aben­teu­ern ei­ner jun­gen ar­beits­lo­sen Schrift­stel­le­rin. Vir­gi­nie De­spen­tes be­schreibt in „Das Le­ben des Ver­non Su­butex“den ra­san­ten ge­sell­schaft­li­chen Ab­stieg des Ti­tel­hel­den. Und Ra­chid Ben­zi­ne rückt in „Der Zorn der Feig­lin­ge“ei­ne jun­ge Frau in den Mit­tel­punkt, die sich dem IS an­schließt. Wer ei­ne Pau­se in all dem Ge­wu­sel braucht, kann in ei­nem der Ses­sel ne­ben der gro­ßen Büh­ne Platz neh­men, die Au­gen schlie­ßen und ein fran­zö­si­sches Sprach­bad neh­men oder sich im Bis­tro mit Ba­guette und Ca­fé au lait stär­ken.

Zum Selbst­ver­ständ­nis der Buch­mes­se ge­hört es, ein Ort der po­li­ti­schen De­bat­te zu sein. Mit zahl­rei­chen Dis­kus­si­ons­run­den und Talks, wie et­wa auf der Platt­form „Welt­emp­fang“in Hal­le 3.1, wer­den die Pro­ble­me in Eu­ro­pa im Zei­chen von Mi­gra­ti­on, Ab­schot­tung und Ras­sis­mus er­ör­tert. Ent­spre­chend ernst ist teil­wei­se die Stim­mung in den Hal­len. Zu­gleich gibt es im­mer mehr Schrift­stel­ler, die die­se The­men in ih­ren Wer­ken auf­grei­fen. Sei es in Form von his­to­ri­schen Rück­bli­cken zu Flücht­lings­be­we­gun­gen, in Form von Ap­pel­len, dass sich De­mo­kra­tie nicht von selbst ver­steht, so­wie als Bio­gra­fie oder als Ro­man.

Hohe Li­te­ra­tur und leich­te Lek­tü­re

Bes­tes Bei­spiel ist der neue Deut­sche Buch­preis­trä­ger Ro­bert Me­n­as­se, der in „Die Haupt­stadt“zeigt, dass die Brüs­se­ler Bü­ro­kra­tie ge­nug Ge­schich­ten für ei­nen Ro­man her­vor­bringt. Auf dem Blau­en So­fa zwi­schen Hal­le 5 und 6 er­zählt der 63jäh­ri­ge Ös­ter­rei­cher, dass er bei sei­nen Re­cher­chen vor Ort oft „in der Tra­gik das Ko­mi­sche ge­fun­den ha­be“. Er selbst ist be­ken­nen­der Eu­ro­pä­er und ver­steht sein Buch als „Ver­beu­gung vor die­ser Stadt“. Für Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Den­nis Scheck, der im ARD-Fo­rum wie­der Tipps gibt, ist der Ro­man ei­ne „über­aus kurz­wei­li­ge Sa­ti­re“. Das scheint sich her­um­ge­spro­chen zu ha­ben. In­ter­views mit Me­n­as­se zie­hen die Mas­sen an.

Auch der Tü­bin­ger Ober­bür­ger­meis­ter Bo­ris Pal­mer ist mit sei­nem Buch mit dem streit­ba­ren Ti­tel „Wir kön­nen nicht al­le auf­neh­men“ein Pu­bli­kums­ma­gnet bei den Talk-Run­den. Der grü­ne Po­li­ti­ker ir­ri­tier­te sei­ne Par­tei­ge­nos­sen mit tief­schwar­zen Po­si­tio­nen, wenn es um die in­ne­re Si­cher­heit geht. Aber in Frank­furt pro­vo­ziert er auch mit Sät­zen wie: „Wenn sie 500 schwä­bi­sche jun­ge Män­ner in ei­ner Turn­hal­le zu­sam­men­pfer­chen, wer­den ei­ni­ge da­von auch ir­gend­wann pro­ble­ma­tisch.“

Doch es muss nicht im­mer po­li­tisch sein. Ge­drän­ge wird es ge­ben, wenn Ra­fik Scha­mi am Sams­tag um 12 Uhr am Stand der „Süd­deut­schen Zei­tung“spricht oder wenn Best­sel­ler-Au­tor Dan Brown abends um 19 Uhr aus sei­nem neu­en Thril­ler „Ori­gin“liest (Ein­tritt nur mit Ti­ckets).

Hohe Li­te­ra­tur auf der ei­nen Seite, leich­te Lek­tü­re auf der an­de­ren. Die­sen Spa­gat ver­sucht je­der Ver­lag ir­gend­wie zu meis­tern, der mit In­hal­ten Geld ver­die­nen will. Beim Fi­scher Ver­lag ist das op­tisch schon am Stand ab­zu­le­sen: Auf der ei­nen Seite fül­len er­folg­rei­che Schnul­zen von Cé­ci­lia Ahern oder Kers­tin Gier die Re­ga­le. Auf der an­de­ren Seite pran­gen hoch­ge­lob­te Neu­er­schei­nun­gen von In­go Schul­ze oder Arund­ha­ti Roy.

Deutsch­land ist auch Rat­ge­berLand. Of­fen­bar sind wir ei­ne tief ver­un­si­cher­te Na­ti­on. Beim Han­ser Ver­lag kann man mit Hil­fe von Mar­kus Al­bers wirk­sam ge­gen die „Di­gi­ta­le Er­schöp­fung“kämp­fen. Bei Pi­per gibt Rolf Do­bel­lis mit „Die Kunst des gu­ten Le­bens“Tipps, wie man end­lich wie­der glück­lich wird. Fern­seh­mo­de­ra­to­rin An­na­st­a­sia Zam­pu­ni­dis ver­rät in „Für im­mer zu­cker­frei“bei Lüb­be, wie man schlank, ge­sund und zu­frie­den oh­ne das sü­ße Gift le­ben kann.

Es gibt viel Neu­es auf der Buch­mes­se zu ent­de­cken, auch wenn kein Mensch die meh­re­ren hun­dert­tau­send Bü­cher al­le sich­ten, ge­schwei­ge denn le­sen kann. Al­lein 70 000 deut­sche Ti­tel sind die­ses Jahr er­schie­nen. Das Bes­te ist: sich trei­ben zu las­sen.

FO­TO: DPA

FO­TO: ANDRE­AS AR­NOLD

Gu­tes Schuh­werk und aus­rei­chend Flüs­sig­keits­zu­fuhr ist wich­tig, um ei­nen Buch­mes­se­tag durch­zu­ste­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.