„Man ist eben nicht bis an die Gren­zen des Rechts­staa­tes ge­gan­gen“

Der CDU-Vi­ze und NRW-Par­tei­chef Ar­min La­schet zu den Feh­lern der Be­hör­den im Fall Am­ri und zur in­ne­ren Si­cher­heit

Schwaebische Zeitung (Pfullendorf) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - BER­LIN

- Der nord­rhein-west­fä­li­sche CDU-Chef Ar­min La­schet wirft sei­ner Lan­des­re­gie­rung schwe­re Ver­säum­nis­se im Um­gang mit dem Ber­li­ner At­ten­tä­ter Anis Am­ri vor. „Nord­rhein-West­fa­lens In­nen­mi­nis­ter Jä­ger trägt hier die Haupt­ver­ant­wor­tung“, sag­te La­schet im Ge­spräch mit Andre­as Her­holz.

Herr La­schet, Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas hat im Fall des At­ten­tä­ters Am­ri Feh­ler der Be­hör­den ein­ge­räumt. Ist das ein Fall von Staats­ver­sa­gen?

Nicht der Staat hat im Fall Anis Am­ri ver­sagt, son­dern Ein­zel­ne sei­ner Ak­teu­re. Die Aus­sa­ge von Nord­rheinWest­fa­lens In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger, man sei bis an die Gren­zen des Rechts­staa­tes ge­gan­gen, ist ir­ri­tie­rend und fa­tal. Am­ri war mit 14 Iden­ti­tä­ten un­ter­wegs, hat­te IS-Kon­takt, frag­te nach Schuss­waf­fen, bot sich als Selbst­mord­at­ten­tä­ter an – und man konn­te ihn nicht ein­mal fest­set­zen? Das macht vie­le Bür­ger rat­los und ver­dros­sen. Sie zwei­feln am Rechts­staat. Man ist eben nicht bis an die Gren­zen des Rechts­staa­tes ge­gan­gen. Am­ri hät­te in Haft ge­nom­men wer­den müs­sen – und kön­nen. Als er in Ba­den-Würt­tem­berg in Haft war, hat NRW da­für ge­sorgt, dass er wie­der frei ge­kom­men ist. Die Lan­des­re­gie­rung in NRW hat es sträf­lich ver­säumt, hier die aus­län­der­recht­li­chen Mög­lich­kei­ten zu nut­zen, um die­sen At­ten­tä­ter zu stop­pen. Am­ri hät­te den Kreis Kle­ve und Nord­rhein-West­fa­len nie ver­las­sen dür­fen. Wie man mit die­sem Ge­fähr­der um­ge­gan­gen ist, macht fas­sungs­los. Aber in NRW über­nimmt mal wie­der nie­mand die Ver­ant­wor­tung.

Wer trägt kon­kret die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für das Ver­sa­gen?

Nord­rhein-West­fa­lens In­nen­mi­nis­ter Jä­ger trägt hier die Haupt­ver­ant­wor­tung. Der NRW-In­nen­mi­nis­ter als obers­te Lan­des­be­hör­de hät­te ef­fek­ti­ve Maß­nah­men ge­gen Am­ri er­grei­fen müs­sen. Aber er kennt po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung of­fen­bar nicht. Das war nach der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht so und auch jetzt wie­der. Wenn Frau Kraft kei­nen Bes­se­ren für die In­ne­re Si­cher­heit fin­det als Herrn Jä­ger, ist das ein Ar­muts­zeug­nis für die SPD und ihr per­sön­li­ches Pro­blem.

Wie soll­te man künf­tig mit Ge­fähr­dern in Deutsch­land um­ge­hen?

Wich­tig ist vor al­lem, dass das gel­ten­de Recht und die vor­han­de­nen Mög­lich­kei­ten im Kampf ge­gen den Ter­ror an­ge­wen­det wer­den. Das ist im Fall des At­ten­tä­ters Am­ri of­fen­sicht­lich nicht ge­sche­hen. Ge­fähr­der müs­sen un­ter Aus­schöp­fung al­ler Mög­lich­kei­ten in Haft ge­bracht und mög­lichst schnell ab­ge­scho­ben wer­den. Wir müs­sen Druck auf die­je­ni­gen Bun­des­län­der ma­chen, die nicht kon­se­quent ab­schie­ben. Dar­über hin­aus müs­sen wir die Haft­grün­de für Ge­fähr­der er­leich­tern und die Dau­er der In­haf­tie­rung bis zur Ab­schie­bung ver­län­gern. Dar­auf ha­ben sich Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re und Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas ja be­reits ver­stän­digt. Die ge­plan­ten Ge­set­zes­än­de­run­gen gilt es jetzt schnell um­zu­set­zen, wo nö­tig auch in den Lan­des­ge­set­zen. Das gilt et­wa für die Fuß­fes­sel zur Be­ob­ach­tung von Ge­fähr­dern.

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re strebt ei­ne Re­form der Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur, die noch aus den Fünf­zi­ger­jah­ren stam­me, an und for­dert mehr Kom­pe­ten­zen für den Bund. Was muss ge­sche­hen?

Die Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur muss im­mer ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen und Be­dro­hungs­la­gen an­ge­passt wer­den. Die Ko­or­di­nie­rung der Si­cher­heits­be­hör­den von Bund und Län­dern muss ver­bes­sert wer­den. Das ist un­s­trit­tig. Ei­ne Zen­tra­li­sie­rung der Kom­pe­ten­zen al­lein beim Bund wä­re aber nicht die rich­ti­ge Ant­wort. In je­dem Bun­des­land gibt es un­ter­schied­li­che Be­dro­hun­gen und Si­cher­heits­la­gen.

FO­TO: DPA

Ar­min La­schet ist stell­ver­tre­ten­der Bun­des­vor­sit­zen­der der CDU und Lan­des­chef in Nord­rhein-West­fa­len.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.