Die lan­gen Schat­ten über Ja­mai­ka

Wie Horst See­ho­fer an Bo­den ver­liert – und die CSU mit ihm

Schwaebische Zeitung (Pfullendorf) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - BER­LIN Von Sabine Lenn­artz

- An­ge­schla­gen sieht er aus und in den letz­ten Wo­chen scheint er um Jah­re ge­al­tert. Horst See­ho­fer, Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent, gibt sich bei den Ja­mai­ka-Ver­hand­lun­gen in Ber­lin al­le Mü­he, ein gu­tes Er­geb­nis zu er­zie­len. Er ist in der Ma­te­rie drin, er gilt als ver­stän­di­ger und ver­sier­ter Ge­sprächs­part­ner. Doch Qu­er­schüs­se aus Bay­ern ma­chen ihm zu schaf­fen. Rück­tritts­for­de­run­gen wa­ren zu hö­ren, ob­wohl er in Ber­lin ver­han­delt. Dass er längst ein Mi­nis­ter­prä­si­dent auf Ab­ruf ist, weiß er. Sei­ne Schon­frist läuft am Frei­tag ab.

Viel Spiel­raum hat er bei den Ver­hand­lun­gen nicht. Die in­ner­par­tei­li­che Si­tua­ti­on schränkt ihn ein. In der neu­es­ten Um­fra­ge liegt die CSU bei 36 Pro­zent, ei­ne alar­mie­ren­de Zahl für ei­ne Par­tei, die im nächs­ten Jahr bei der Land­tags­wahl in Bay­ern wie­der die Al­lein­herr­schaft an­stre­ben will. Im­mer wie­der gab es Mah­nun­gen, die stän­di­gen In­ter­ven­tio­nen zu un­ter­las­sen. Von See­ho­fer selbst, aber auch von an­de­ren. „Sie scha­den der CSU, weil wir als ei­ne Par­tei wahr­ge­nom­men wer­den, die sich vor al­lem mit sich selbst be­schäf­tigt“, sag­te et­wa CSU-Vi­ze An­ge­li­ka Nieb­ler in ei­nem In­ter­view. Da­bei ge­he es jetzt doch erst ein­mal dar­um, mög­lichst vie­le In­ter­es­sen im Sin­ne der CSU und für Bay­ern durch­zu­set­zen.

Blaue Schil­der für den Nach­fol­ger

Doch vie­le hiel­ten sich nicht dar­an. Nicht nur die Jun­ge Uni­on, auch See­ho­fers Nach­fol­ger in den Start­lö­chern, Mar­kus Sö­der, hat am Dreh­buch kräf­tig mit­ge­schrie­ben, als die jun­gen CSU­ler mit­ten in die Ber­li­ner Ge­sprä­che hin­ein, zwölf Ta­ge vor Ab­schluss der Son­die­run­gen, in Er­lan­gen die blau­en Schil­der mit „MP Sö­der“in die Hö­he hiel­ten. Und na­tür­lich hat es die­sen ge­freut, auch wenn er in sei­ner Re­de gar nichts da­zu sag­te. Al­ler­dings könn­te ge­nau die­se Ins­ze­nie­rung Mar­kus Sö­der auch ge­scha­det ha­ben, weil er noch wäh­rend der Son­die­run­gen in Ber­lin all­zu hef­tig in das Amt drängt.

„Die Skep­sis ge­gen Sö­der wächst“, heißt es in der Land­tags­frak­ti­on, auch wenn er der­zeit die Mehr­heit hin­ter sich ha­be. Doch Joa­chim Herr­mann, Bay­erns In­nen­mi­nis­ter, gilt vie­len als eben­bür­ti­ger Hoff­nungs­trä­ger für den Pos­ten des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten.

Am Frei­tag­mor­gen sol­len die Son­die­rungs­ge­sprä­che in Ber­lin be­en­det sein. Dann wird Horst See­ho­fer wohl erst ein­mal ge­mein­sam mit An­ge­la Mer­kel die Uni­ons­frak­ti­on über das Er­geb­nis un­ter­rich­ten. Und am Sams­tag­früh in Mün­chen sei­ne Land­tags­frak­ti­on. Nach den Son­die­run­gen wer­de er er­klä­ren, so hat Horst See­ho­fer es ver­kün­det, wie es in der CSU und bei den Land­tags­wah­len 2018 wei­ter­ge­hen soll.

Was er er­klä­ren wird, weiß nur Horst See­ho­fer selbst. „Der be­spricht sich mit nie­mand“, heißt es in sei­nem Um­feld. Aber al­le, die ihn ken­nen, sind sich si­cher, dass er auf gar kei­nen Fall das Feld kampf­los für Nach­fol­ger Sö­der räu­men wird. Dem hat­te er einst vor­ge­wor­fen, sei­ne Be­zie­hung in Ber­lin und sein un­ehe­li­ches Kind in der Öf­fent­lich­keit lan­ciert zu ha­ben, er hat­te ihm „Schmut­ze­lei­en“vor­ge­wor­fen und soll ihn bis heu­te has­sen.

An­de­rer­seits aber ist auch für kei­nen in der CSU vor­stell­bar, dass See­ho­fer ein­fach wei­ter­macht. Er gilt als viel zu an­ge­schla­gen, um als Spit­zen­kan­di­dat die Par­tei in die Land­tags­wahl 2018 zu füh­ren. Zu vie­le Feh­ler sind ihm un­ter­lau­fen, quä­lend lang hat er im Flücht­lings­streit mit der Kanz­le­rin um je­den Zen­ti­me­ter Deu­tungs­ho­heit ge­strit­ten und da­mit am En­de bei­den – und bei­den Par­tei­en – ge­scha­det.

Vie­le ge­hen da­von aus, dass am Sams­tag in Mün­chen erst ein­mal der Fahr­plan für Per­so­nal­ent­schei­dun­gen be­spro­chen wird. Es zeich­net sich ab, dass die CSU den Par­tei­vor­sitz und den Pos­ten des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wie­der in zwei ver­schie­de­ne Hän­de ge­ben wird. Für den Par­tei­vor­sitz läuft sich der­zeit der Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Man­fred We­ber warm, der als sou­ve­rä­ner Po­li­ti­ker gilt. Aber auch Bay­erns Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Il­se Ai­g­ner ist nicht chan­cen­los. See­ho­fer hat sie aus Ber­lin zu­rück nach Mün­chen ge­holt, um sie als po­ten­zi­el­le Nach­fol­ge­rin auf­zu­bau­en. „Doch sie hat nicht rich­tig ge­zün­det“, sa­gen selbst ih­re Freun­de. In letz­ter Zeit aber hat sie sich wie­der zu Wort und da­mit in der Nach­fol­ge­dis­kus­si­on zu­rück­ge­mel­det. „Die CSU gibt der­zeit ein ka­ta­stro­pha­les Bild ab“, sag­te Ai­g­ner und warn­te ih­re Par­tei vor ei­nem Rechts­ruck.

Mar­kus Sö­der selbst hat be­reits als Frie­dens­an­ge­bot in Rich­tung See­ho­fer un­ter­brei­tet, er kön­ne auf den Par­tei­vor­sitz ver­zich­ten, wenn er denn Mi­nis­ter­prä­si­dent wür­de.

Was will Do­brindt?

Als die gro­ßen Un­be­kann­ten, was per­sön­li­che Plä­ne an­geht, gel­ten Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt und Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann. Von Do­brindt er­war­ten ei­ni­ge, dass auch er den Par­tei­vor­sitz an­stre­ben könn­te, von Joa­chim Herr­mann, dass er auch als Mi­nis­ter­prä­si­dent be­reit stün­de, wenn denn Mar­kus Sö­der wei­te­re Feh­ler macht. Sö­der gilt zwar als Voll­blut­po­li­ti­ker, aber nicht als der ge­bo­re­ne Lan­des­va­ter, der mit brei­tem Wis­sen und viel Men­sch­lich­keit die Ge­schi­cke lenkt.

Und was macht Horst See­ho­fer? „Wenn er un­be­dingt wei­ter Politik ma­chen will, muss er nach Ber­lin ge­hen“, heißt es in Mün­chen. Vie­le Christ­so­zia­le hal­ten es al­ler­dings für schwer vor­stell­bar, dass sich See­ho­fer noch ein­mal in die Ka­bi­netts­dis­zi­plin bei An­ge­la Mer­kel ein­bin­den lässt. Es sei denn, er will von der Politik nicht las­sen und könn­te sich selbst ein so über­zeu­gen­des Mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les zim­mern, dass es ei­ne ge­sichts­wah­ren­de Lö­sung für ihn wird.

FOTO: AFP

An­stren­gen­de Ver­hand­lun­gen in Ber­lin, an­stren­gen­de Nach­fol­ge­de­bat­te in Mün­chen: Par­tei­chef Horst See­ho­fer gilt in der CSU als an­ge­zählt.

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