„Chris­ten fürch­ten um ih­re Si­cher­heit“

Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der mahnt in­ter­na­tio­na­le Hil­fe für den Nord­irak an

Schwaebische Zeitung (Pfullendorf) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - BER­LIN

- Der CDU/CSU-Frak­ti­ons­chef im Bun­des­tag und Tutt­lin­ger Ab­ge­ord­ne­te Vol­ker Kau­der for­dert wei­te­re An­stren­gun­gen für die Men­schen im nord­ira­ki­schen Kur­den­ge­biet. Die Ter­ror­mi­liz IS sei zwar mi­li­tä­risch be­siegt, aus dem Un­ter­grund her­aus aber wei­ter ak­tiv, sag­te Kau­der im Ge­spräch mit Lud­ger Möl­lers. Da­her bräuch­ten die Men­schen wei­ter Hil­fe. Ei­ne sol­che leis­tet et­wa die Weih­nachts-Spen­den­ak­ti­on der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Blei­be die Hil­fe aus, wür­den sich er­neut vie­le Flücht­lin­ge auf den Weg nach Eu­ro­pa ma­chen, so Kau­der.

Wie se­hen Sie die der­zei­ti­ge Si­tua­ti­on der Chris­ten im Nord­irak nach dem mi­li­tä­ri­schen Sieg über den IS?

Nach dem Sieg über die Ter­ror­mi­liz ist die aku­te Be­dro­hung für die Men­schen im Irak und Sy­ri­en si­cher zu­rück­ge­gan­gen. Das Leid ist da­mit aber nicht zu En­de. Man muss er­war­ten, dass ver­spreng­te IS-Kämp­fer wei­ter An­schlä­ge ver­üben. Und die Re­gi­on liegt nach dem En­de der Kämp­fe in Trüm­mern, so et­wa auch die ehe­ma­li­ge Mil­lio­nen­stadt Mos­sul, aber auch die Ni­ni­ve-Ebe­ne, die Hei­mat vie­ler Chris­ten. Nach den Schil­de­run­gen, die ich er­hal­te, sind die Chris­ten, die in die au­to­no­me Kur­den­re­gi­on im Nord­irak ge­flüch­tet sind, er­leich­tert über die Be­frei­ung der Hei­mat von der Ter­ror­herr­schaft. Sie wissen den­noch nicht, wie es wei­ter­geht. Ei­ni­ge ha­ben die Or­te, aus de­nen sie ge­flo­hen sind, be­sucht und stan­den fas­sungs­los vor ih­ren zer­stör­ten Häu­sern, Kir­chen, Fried­hö­fen. Die Herr­schaft des IS hat zu­dem das Ver­trau­en zu den ara­bi­schen Nach­barn zer­stört, von de­nen ei­ni­ge von die­ser Herr­schaft pro­fi­tiert ha­ben. Vie­le fra­gen sich, ob über­haupt wie­der ein fried­li­ches Zu­sam­men­le­ben mög­lich wird.

Wie hat sich die La­ge der Chris­ten in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ent­wi­ckelt?

In den letz­ten Mo­na­ten hat sich die Si­tua­ti­on kaum ver­än­dert. Vie­ler­orts ha­ben sich die ge­flüch­te­ten Men­schen in den Not­un­ter­künf­ten ein­ge­rich­tet. Auf Initia­ti­ve der Kir­chen sind sie leid­lich ver­sorgt. Aber al­les ist wei­ter in der Schwe­be. Die ge­sam­te Si­tua­ti­on hat sich durch die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen der ira­ki­schen Zen­tral­re­gie­rung und der kur­di­schen Au­to­no­mie­re­gie­rung in Er­bil ver­schärft.

Wel­che Per­spek­ti­ven se­hen Sie für den Fort­be­stand christ­li­chen Le­bens in der Ni­ni­ve-Ebe­ne?

Die Chris­ten vor Ort wol­len in ih­re Hei­mat zu­rück­keh­ren. Sie fürch­ten aber dort um ih­re Si­cher­heit. Auch po­li­tisch ist die La­ge un­über­sicht­lich, weil frag­lich ist, ob die Rech­te von Min­der­hei­ten in den Ver­hand­lun­gen über ei­ne dau­er­haf­te Be­frie­dung und Neu­ord­nung der Re­gi­on ge­wahrt wer­den. Ich bin da­von über­zeugt, dass sich hier die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft ein­schal­ten muss: Es geht um Fi­nanz­hil­fen, um den Wie­der­auf­bau zu för­dern, aber auch um ei­ne Be­glei­tung der Ver­hand­lun­gen zwi­schen ira­ki­scher Zen­tral­re­gie­rung und der kur­di­schen Au­to­no­mie­re­gie­rung.

Wel­che Maß­nah­men sind aus Ih­rer Sicht heu­te be­son­ders dring­lich?

Am wich­tigs­ten ist ei­ne Ver­stän­di­gung zwi­schen der ira­ki­schen Zen­tral­re­gie­rung und der kur­di­schen Au­to­no­mie­be­hör­de. Oh­ne die ist für die Men­schen nicht ab­seh­bar, wie sich die Zu­kunft der Re­gi­on ent­wi­ckelt.

Was kann Deutsch­land tun, um Chris­tin­nen und Chris­ten, Je­si­din­nen und Je­si­den, ei­ne Per­spek­ti­ve für ihr Le­ben in ih­rer Hei­mat, dem Nord­irak, zu ge­ben?

Deutsch­land leis­tet schon heu­te in be­mer­kens­wer­tem Um­fang hu­ma­ni­tä­re Hil­fe für die Not­lei­den­den im Nord­irak – in der Form von Pri­vat­in­itia­ti­ven, durch Hilfs­wer­ke aber auch durch Mit­tel der Bun­des­re­gie­rung, die ent­we­der di­rekt oder über die Ver­ein­ten Na­tio­nen aus­ge­ge­ben wer­den. Durch die Win­ter­hil­fe, die Hil­fe für Trau­ma­ti­sier­te, die me­di­zi­ni­sche Not­hil­fe, die Un­ter­stüt­zung bei der Ein­rich­tung von Schu­len, aber auch mit vie­len Pro­jek­ten, die Hil­fe zur Selbst­hil­fe leis­ten, hat un­ser Land da­zu bei­ge­tra­gen, dass die Ge­flüch­te­ten ihr Le­ben und ih­re Hoff­nung nicht ver­lo­ren ha­ben. Klar ist, dass un­se­re An­stren­gun­gen hier nicht nach­las­sen kön­nen. An­sons­ten wür­den sich die Men­schen auf den Weg über die Lan­des­gren­zen und letzt­lich auch nach Eu­ro­pa ma­chen.

Nach dem Re­fe­ren­dum über die Un­ab­hän­gig­keit in Kur­dis­tan hat sich die po­li­ti­sche La­ge zu­ge­spitzt. Was for­dern Sie von den Be­tei­lig­ten im Irak, da­mit der Staat nicht zer­fällt?

Ich ru­fe al­le Be­tei­lig­ten da­zu auf, ih­re Dif­fe­ren­zen auf fried­li­che Wei­se zu lö­sen. Be­waff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen sind kei­ne Lö­sung.

Wie se­hen Sie die wei­te­re Ent­wick­lung der kur­di­schen Au­to­no­mie?

Es spricht sehr viel da­für, die Ein­heit des Irak zu er­hal­ten. Die Re­gi­on ist oh­ne­hin in­sta­bil ge­nug. Der Au­to­no­mie­sta­tus der Kur­den muss da­bei strikt ge­wahrt blei­ben. Die Kur­den wa­ren die­je­ni­gen, die Chris­ten und Je­si­den, aber auch vie­le Mus­li­me einst lan­ge als Ein­zi­ge vor dem ISTer­ror ge­schützt ha­ben. Das dür­fen wir nicht ver­ges­sen.

FO­TO: PM

Vol­ker Kau­der, Vor­sit­zen­der der CDU/CSU-Bun­des­tags­frak­ti­on, im Ge­spräch mit dem Erz­bi­schof der chaldä­isch-ka­tho­li­schen Kir­che im nord­ira­ki­schen Er­bil, Bas­har War­da.

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