Sui­zid nach Ur­teil vor UN-Tri­bu­nal

Bos­nisch-kroa­ti­scher Ge­ne­ral Slo­bo­dan Pral­jak nimmt sich nach Ver­ur­tei­lung das Le­ben

Schwaebische Zeitung (Riedlingen) - - ERSTE SEITE - Von Ru­dolf Gru­ber

DEN HAAG/ZAGREB (dpa) - Nach sei­ner Ver­ur­tei­lung zu 20 Jah­ren Haft durch das UN-Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal hat sich ein An­ge­klag­ter al­lem An­schein nach vor lau­fen­den Ka­me­ras mit Gift das Le­ben ge­nom­men. Der kroa­ti­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent And­rej Plen­ko­vic be­stä­tig­te am Mitt­woch den Tod des ehe­ma­li­gen Ge­ne­rals und kon­do­lier­te des­sen Fa­mi­lie. Der 72-jäh­ri­ge Slo­bo­dan Pral­jak hat­te nach sei­ner Ver­ur­tei­lung in Den Haag hef­tig pro­tes­tiert und ei­ne Flüs­sig­keit ge­trun­ken.

WI­EN - Dra­ma­ti­sche Ent­wick­lung im letz­ten Pro­zess vor dem Haa­ger UNT­ri­bu­nal für Kriegs­ver­bre­chen in ExJu­go­sla­wi­en: Rich­ter Car­mel Agius hat­te so­eben das Ur­teil aus ers­ter In­stanz be­stä­tigt: 20 Jah­re Ge­fäng­nis. Da rief der An­ge­klag­te in den Saal: „Slo­bo­dan Pral­jak ist kein Kriegs­ver­bre­cher! Ich wei­se Ihr Ur­teil zu­rück!“Dann führ­te der 72-jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge bos­nisch-kroa­ti­sche Mi­li­tär­chef mit dem mar­kan­ten wei­ßen Voll­bart ein Fläsch­chen Gift an den Mund und trank es leer.

Der 72-Jäh­ri­ge sei spä­ter in ei­nem Kran­ken­haus in Den Haag ge­stor­ben, teil­te ein Spre­cher des UN-Tri­bu­nals mit. Zu­vor hat­ten be­reits kroa­ti­sche Me­di­en den Tod Pral­jaks ver­mel­det. Pral­jak und fünf Mit­an­ge­klag­te muss­ten sich in dem Be­ru­fungs­ver­fah­ren we­gen Kriegs­ver­bre­chen im bos­nisch-kroa­ti­schen Krieg von 1993-1994 ver­ant­wor­ten, der wäh­rend des Bos­ni­en-Krie­ges (1992-1995) auf­ge­flammt war.

Der Rich­ter hat­te die Dra­ma­tik zu­nächst nicht er­kannt, for­der­te den An­ge­klag­ten auf, sich zu set­zen und fuhr mit der Ver­hand­lung fort. Au­gen­bli­cke spä­ter un­ter­brach ihn die Ver­tei­di­ge­rin und über­setz­te die letz­ten Wor­te ih­res Man­dan­ten: „Ich ha­be Gift ge­nom­men.“Der Rich­ter wirk­te ir­ri­tiert, for­der­te schließ­lich me­di­zi­ni­sche Hil­fe an und un­ter­brach die Ver­hand­lung. Vor­erst blieb rät­sel­haft, wie der An­ge­klag­te trotz stren­ger Kon­trol­len das Gift in den Ver­hand­lungs­saal schmug­geln konn­te.

Der Re­vi­si­ons­pro­zess war der letz­te vor dem UN-Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal in Den Haag, das zu Jah­res­en­de nach 25 Jah­ren schließt. Die of­fe­nen Ver­fah­ren wer­den vor ei­nem an­de­ren Ge­richt auf­ge­rollt, dar­un­ter auch je­ne der bos­ni­schen Ser­ben­füh­rer Ra­do­van Ka­ra­dzic und Rat­ko Mla­dic. Ka­ra­dzic war im Vor­jahr zu 40 Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den, Mla­dic vor ei­ner Wo­che zu le­bens­lan­ger Haft.

Die Ver­ur­tei­lun­gen von Ka­ra­dzic und Mla­dic gel­ten als die größ­ten Er­fol­ge in der Ge­schich­te des UN-Tri­bu­nals. Doch das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren am Mitt­woch ge­gen sechs po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Füh­rer der selbst­er­nann­ten Kroa­ten­re­pu­blik Her­ceg-Bos­na, die wäh­rend des Bos­ni­en­kriegs 1992 bis 1995 aus­ge­ru­fen wor­den war, setz­te mit Pral­jaks Gifts­elbst­mord ei­nen tra­gi­schen Schluss­punkt. Pral­jak ha­be das Tri­bu­nal zum Tat­ort ge­macht, sag­te Agius. Be­reits im Mai 2013 wa­ren „Ex-Pre­mier­mi­nis­ter“Ja­dran­ko Pr­lic so­wie die ehe­ma­li­gen Mi­li­tär­chefs und Kom­man­dan­ten Slo­bo­dan Pral­jak, Bru­no Sto­jic, Mi­li­voj Pet­ko­vic, Va­len­tin Co­ric und Be­ris­lav Pu­sic in ers­ter In­stanz we­gen Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit zu ins­ge­samt 111 Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wor­den. Das Be­ru­fungs­ge­richt be­stä­tig­te sämt­li­che Ur­tei­le aus ers­ter In­stanz. Laut An­kla­ge­schrift ha­ben sie ei­ne „kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung“ge­bil­det, um auf bos­ni­schem Ter­ri­to­ri­um ei­nen ei­ge­nen Staat zu er­rich­ten. Da­zu ha­ben sie Mord, Fol­ter, Ver­ge­wal­ti­gung von Ge­fan­ge­nen so­wie ge­walt­sa­me Ver­trei­bung der mus­li­mi­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung an­ge­ord­net. Ehe­ma­li­ge Ge­fan­ge­ne schil­der­ten vor Ge­richt un­mensch­li­che Be­din­gun­gen in den La­gern.

Pral­jak war Mi­li­tär­kom­man­dant der bos­nisch-kroa­ti­schen Trup­pen (HVO). Der ehe­ma­li­ge Film­pro­du­zent gab laut Ge­richt im No­vem­ber 1993 ei­nem Ar­til­le­rie­trupp auch den Be­fehl, auf die be­rühm­te, jahr­hun­der­te­al­te Brü­cke in Mostar zu feu­ern. Die Zer­stö­rung soll­te sym­bo­lisch die Kul­tur und die Er­in­ne­rung an 400 Jah­re os­ma­ni­scher Herr­schaft auf dem Bal­kan aus­lö­schen. Das Wahr­zei­chen der Her­ze­go­wi­ner Pro­vinz­me­tro­po­le wur­de 2004 mit tür­ki­scher Fi­nanz­hil­fe wie­der er­rich­tet. Mostar je­doch ist bis heu­te ei­ne ge­teil­te Stadt.

Un­ru­hen wer­den be­fürch­tet

Zu Be­ginn des Bos­ni­en­kriegs hat­ten Mus­li­me und Kroa­ten noch ge­mein­sam ge­gen die Ser­ben ge­kämpft. 1992 kam es zum Bruch, Kroa­ti­ens da­ma­li­ger Prä­si­dent Fran­jo Tud­j­man un­ter­stütz­te die bos­ni­schen Brü­der mit Geld und Waf­fen. Tud­j­man, der En­de 1999 ver­starb, und sein ser­bi­scher Ge­gen­spie­ler Slo­bo­dan Mi­lo­se­vic, der 2006 in sei­ner Haa­ger Zel­le ei­nem Herz­in­farkt er­lag, woll­ten zu­nächst Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na un­ter­ein­an­der auf­tei­len, doch es kam zum Krieg. Der Day­ton-Frie­dens­ver­trag von 1995 führ­te bei­de Volks­grup­pen wie­der zu­sam­men, bis heu­te bil­den Mus­li­me und Kroa­ten ei­ne Fö­de­ra­ti­on, und die Ser­ben be­ka­men ih­ren Teil­staat, die Re­pu­bli­ka Srps­ka.

Be­ob­ach­ter rech­nen mit Un­ru­hen in Kroa­ti­en. Denn die Rich­ter be­stä­tig­ten auch die Mit­schuld des bis heu­te himm­lisch ver­ehr­ten Grün­der­prä­si­den­ten Tud­j­man an Kriegs­ver­bre­chen in Bos­ni­en. Sei­ne po­li­ti­schen Er­ben sind der­zeit an der Macht: Der von Tud­j­man 1990 ge­grün­de­te, na­tio­na­lis­ti­sche Kroa­ti­sche Bund (HDZ) stellt die Re­gie­rung, Prä­si­den­tin Ko­lin­da Grabar Ki­ta­ro­vic gilt als ein­ge­fleisch­te Na­tio­na­lis­tin. Ki­ta­ro­vic hat­te kurz vor dem Pro­zess das Haa­ger Tri­bu­nal at­ta­ckiert und für die sechs An­ge­klag­ten Frei­spruch ge­for­dert.

FO­TO: DPA

Slo­bo­dan Pral­jak pro­tes­tier­te nach sei­ner Ver­ur­tei­lung vor dem UNK­riegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal und schluck­te da­nach Gift.

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