ZF-Chef­kon­trol­leur tritt ab

Vor­stands­chef Som­mer ver­liert wich­ti­gen Un­ter­stüt­zer

Schwaebische Zeitung (Riedlingen) - - ERSTE SEITE - Von Ben­ja­min Wa­ge­ner www.schwä­bi­sche.de/zf-cha­os

FRIED­RICHS­HA­FEN (ben) - Der Auf­sichts­rats­chef des Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rers ZF, Gior­gio Behr, tritt zu­rück. In ei­ner Mit­tei­lung im In­tra­net des Un­ter­neh­mens ver­ab­schie­de­te sich der Schwei­zer am Mitt­woch von der Be­leg­schaft. Ein ZF-Spre­cher be­stä­tig­te den Rück­tritt, zu den Grün­den sag­te der Kon­zern nichts. Auch Behr selbst woll­te die Hin­ter­grün­de auf An­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“nicht kom­men­tie­ren. Sei­ne Ent­schei­dung re­flek­tie­re al­ler­dings den Wunsch, „Ve­rän­de­run­gen nicht im We­ge zu ste­hen“, schreibt der Un­ter­neh­mer.

ZF-Chef Ste­fan Som­mer ver­liert mit dem Rück­tritt Behrs ei­nen wich­ti­gen Un­ter­stüt­zer bei sei­nem Plan, ZF un­ter an­de­rem mit Zu­käu­fen für die Her­aus­for­de­run­gen in der Au­to­in­dus­trie zu rüs­ten. Seit Mo­na­ten liegt Som­mer im Streit mit Andre­as Brand, der in sei­ner Rol­le als Fried­richs­ha­fens Ober­bür­ger­meis­ter den wich­tigs­ten Ei­gen­tü­mer von ZF, die Zep­pe­lin-Stif­tung, ver­tritt.

FRIED­RICHS­HA­FEN - Cha­os­ta­ge bei ZF: Zu­erst trennt sich der dritt­größ­te Au­to­zu­lie­fe­rer der Welt von sei­nem Ent­wick­lungs­chef Ha­rald Naun­hei­mer, und dann tritt Gior­gio Behr von sei­nem Pos­ten als Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­rats zu­rück. Und das fällt al­les in ei­ne Zeit, in der das Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men mit Sitz in Fried­richs­ha­fen (Bo­den­see­kreis) durch ei­nen tie­fen Füh­rungs­streit zwi­schen Vor­stands­chef Ste­fan Som­mer und Frie­dichs­ha­fens Ober­bür­ger­meis­ter Andre­as Brand, der die Zep­pe­lin-Stif­tung als größ­ten Ei­gen­tü­mer ver­tritt, fast ge­lähmt ist.

Klar ist nach In­for­ma­tio­nen der „Schwä­bi­schen Zei­tung“aus Un­ter­neh­mens­krei­sen, dass die Tren­nung von Naun­hei­mer, der seit 2009 die zen­tra­le For­schungs- und Ent­wick­lungs­ab­tei­lung bei ZF in Fried­richs­ha­fen ge­lei­tet hat, nichts mit der Füh­rungs­kri­se zu tun hat. Zu den Grün­den für die Tren­nung woll­te ZF nichts sa­gen. „Naun­hei­mer wird das Un­ter­neh­men zum 30. No­vem­ber ver­las­sen“, sag­te ein Spre­cher. „Ein Nach­fol­ger ist be­nannt, er wird das For­schungs­und Ent­wick­lungs­zen­trum naht­los wei­ter­füh­ren.“Naun­hei­mer über­nahm die Lei­tung vor acht Jah­ren von Pe­ter Köpf und hat­te zu­vor die Ent­wick­lung der Au­to­ma­tik­ge­trie­be für Per­so­nen­wa­gen ver­ant­wor­tet.

Nach­dem die Per­so­na­lie Naun­hei­mer am Mitt­woch­nach­mit­tag die Run­de in der Be­leg­schaft ge­macht hat­te, über­rasch­te die Nach­richt vom Rück­tritt Behrs die Mit­ar­bei­ter noch mehr. Um 18 Uhr ver­brei­te­te die Kon­zern­füh­rung über das In­tra­net von ZF ei­nen Brief des Schwei­zer Un­ter­neh­mers, in dem er sich von den Mit­ar­bei­tern des Un­ter­neh­mens ver­ab­schie­det. „Nach reif­li­cher Über­le­gung ha­be ich jetzt ent­schie­den, mein Amt noch vor der Neu­wahl im Früh­jahr 2018 mit ei­ner Frist von vier Wo­chen nie­der­zu­le­gen“, schreibt der 69-Jäh­ri­ge. „Die Ent­schei­dung ist mir nicht leicht ge­fal­len. Aber sie re­flek­tiert mei­nen Wunsch, Ve­rän­de­run­gen nicht im We­ge zu ste­hen.“

Kei­ne er­neu­te Kan­di­da­tur

Wei­ter heißt es in dem Schrei­ben, dass Behr, der Prä­si­dent und In­ha­ber des Schwei­zer Misch­kon­zerns BBC ist, „be­reits En­de Ok­to­ber deut­lich ge­macht hat, dass ich nicht für ei­ne wei­te­re Amt­s­pe­ri­ode kan­di­die­ren wer­de“. Im Früh­jahr steht die Neu­wahl des Auf­sichts­rats von ZF an. Ober­bür­ger­meis­ter Andre­as Brand hat­te da­ge­gen im­mer er­klärt, es sei schon zu Be­ginn von Behrs zwei­ter Amts­zeit aus­ge­macht ge­we­sen, dass der Schwei­zer kein wei­te­res Mal kan­di­diert. Behr woll­te im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“die Grün­de für sei­nen Rück­tritt nicht nä­her er­läu­tern. ZF er­klär­te, dass man sich als Un­ter­neh­men nicht zu An­ge­le­gen­hei­ten des Auf­sichts­rats äu­ße­re.

In Gior­gio Behr ver­liert der ZFVor­stands­chef auf al­le Fäl­le ei­nen wich­ti­gen Ver­bün­de­ten, der ihn im Streit mit Andre­as Brand un­ter­stützt hat­te. Ein Streit, der seit Mo­na­ten Un­ru­he in dem Un­ter­neh­men stif­tet. Hin­ter­grund ist ein grund­sätz­li­cher Dis­sens zwi­schen der Zep­pe­lin-Stif­tung, der ZF ge­hört und die Brand lei­tet, und Som­mer über die Stra­te­gie. Som­mer will das Un­ter­neh­men, das vie­le Jah­re vor al­lem für sei­ne Ge­trie­be­tech­nik be­kannt war, mit Zu­käu­fen zu ei­nem glo­bal agie­ren­den Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer for­men, der ne­ben Ge­trie­be­tech­nik künf­tig ver­stärkt auch Pro­duk­te in den Be­rei­chen ak­ti­ve und pas­si­ve Si­cher­heits­sys­te­me, Elek­tro­mo­bi­li­tät und au­to­no­mes Fah­ren an­bie­tet. Da­zu woll­te Som­mer den ame­ri­ka­nisch­bel­gi­schen Brem­sen­her­stel­ler Wab­co über­neh­men, was der Auf­sichts­rat in die­sem Jahr zwei Mal ver­hin­dert hat. Zu­erst sprach sich das von der Zep­pe­lin-Stif­tung maß­geb­lich be­stimm­te Kon­troll­gre­mi­um im Früh­jahr ge­gen ei­nen Kauf aus, dann hat das The­ma im Sep­tem­ber ein zwei­tes Mal als „Pro­jekt Van­cou­ver“auf der Ta­ges­ord­nung des Auf­sichts­rats ge­stan­den und wur­de wie­der­um ab­ge­lehnt.

Nach dem end­gül­ti­gen Schei­tern des De­als hat­te Behr in ei­nem In­ter­view mit dem „Han­dels­blatt“die Po­si­ti­on Som­mers ver­tei­digt. „Wir sind heu­te in der La­ge zu­zu­kau­fen und könn­ten uns auch et­was Grö­ße­res leis­ten“, sag­te Behr und kri­ti­sier­te gleich­zei­tig die von der Zep­pe­linStif­tung neu fest­ge­leg­te Aus­schüt­tungs­quo­te von 18 Pro­zent vom Net­to­ge­winn. „Ei­ne Quo­te in der Hö­he kann nur sein, wenn man gleich­zei­tig dem Un­ter­neh­men für stra­te­gi­sche und kri­ti­sche Fäl­le auch die Mög­lich­keit lässt, Ei­gen­mit­tel zu be­schaf­fen.“

Im In­ter­view mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“hat­te Som­mer zu­vor ge­for­dert, die Stadt Fried­richs­ha­fen, die über die Zep­pe­lin-Stif­tung 93,8 Pro­zent der An­tei­le an ZF hält, müs­se sich aus dem ope­ra­ti­ven Ge­schäft raus­hal­ten. „In dem Mo­ment, in dem zum Bei­spiel lo­kal­po­li­ti­sche Er­wä­gun­gen die Un­ter­neh­mens­stra­te­gie be­stim­men, wird es kri­tisch“, sag­te Som­mer da­mals.

Nach In­for­ma­tio­nen der „Schwä­bi­schen Zei­tung“aus Un­ter­neh­mens­und Ei­gen­tü­mer­krei­sen ist das Tisch­tuch zwi­schen Som­mer und Brand be­reits seit Wo­chen zer­schnit­ten, kon­struk­ti­ve Ges­rpäche fin­den seit Wo­chen nicht statt. Bei der all­jähr­li­chen Ver­samm­lung der ZF-Be­triebs­rä­te im Graf-Zep­pe­lin-Haus in Fried­richs­ha­fen, bei der Andre­as Brand die neue Di­vi­den­den­po­li­tik ver­tei­dig­te, räum­te Brand nach An­ga­ben von meh­re­ren Teil­neh­mern ein, dass es zwi­schen ihm und Som­mer knir­sche. Brand war am Mitt­woch auf An­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“zu kei­ner Stel­lung­nah­me be­reit.

Kei­ne gu­te Vor­aus­set­zung, um ei­nen Mil­li­ar­den­kon­zern der Au­to­mo­bil­in­dus­trie für die Her­aus­for­de­run­gen der Zu­kunft zu rüs­ten.

Das In­ter­view, in dem Som­mer die Zep­pe­lin-Stif­tung auf­for­dert, sich aus dem ope­ra­ti­ven Ge­schäft raus­zu­hal­ten, fin­den Sie un­ter

FO­TO: FE­LIX KÄSTLE

Ex-ZF-Auf­sichts­rats­chef Gior­gio Behr: „Die Ent­schei­dung ist mir nicht leicht ge­fal­len. Aber sie re­flek­tiert mei­nen Wunsch, Ve­rän­de­run­gen nicht im We­ge zu ste­hen.“

FO­TO: ZF

Ha­rald Naun­hei­mer, For­schungs- und Ent­wick­lungs­chef von ZF.

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