Oh­ne Ar­beit kei­ne Zu­kunft

Wer im Flücht­lings­camp Mam Ras­han kei­ne Be­schäf­ti­gung be­kommt, lei­det an Kör­per und See­le – Stück für Stück er­ar­bei­ten sich die Men­schen je­doch ei­ne Exis­tenz

Schwaebische Zeitung (Riedlingen) - - SEITE DREI - Von Dirk Gru­pe

RA­VENS­BURG - Jas­min Khal­af Mu­rad ist je­mand, der auf sein Äu­ße­res ach­tet. Er trägt ei­nen ge­pfleg­ten schwar­zen Schnurr­bart, der Haar­kranz scheint frisch ge­schnit­ten, die Klei­dung wirkt städ­tisch, hin­ter all dem wür­den Be­ob­ach­ter ei­nen Mann im An­ge­stell­ten­ver­hält­nis wäh­nen. Um­so über­ra­schen­der ant­wor­tet der 44-Jäh­ri­ge via Bild­schirm im Sky­pe-In­ter­view auf die Fra­ge nach sei­ner frü­he­ren Tä­tig­keit: „Ich war Ta­ge­löh­ner.“Ein Ta­ge­löh­ner in der Land­wirt­schaft, der da­mit sich selbst, neun Kin­der und die Ehe­frau er­näh­ren konn­te.

Was für uns aben­teu­er­lich klin­gen mag, war für je­ne Je­si­den, die vor dem „Is­la­mi­schen Staat“(IS) aus dem Shin­gal-Ge­bir­ge ge­flo­hen sind, ganz nor­mal. Die Men­schen ha­ben ein ein­fa­ches und von der Land­wirt­schaft ge­präg­tes Le­ben ge­führt. Man­che be­sa­ßen ei­ge­ne Fel­der, an­de­re ar­bei­te­ten als Lohn­ar­bei­ter, für al­le aber gab es ein aus­rei­chen­des Aus­kom­men. Dann kam die Ter­ror­mi­liz, um­stell­te das Ge­bir­ge, die Dör­fer wur­den über­rannt, Män­ner er­mor­det, Frau­en ver­sklavt. Wer recht­zei­tig flie­hen konn­te, oft oh­ne Was­ser und die To­des­angst als stän­di­gen Be­glei­ter, ret­te­te sich über die sy­ri­sche Gren­ze bis in den Nord­irak. Nun lebt Mu­rad im Flücht­lings­camp Mam Ras­han – und steht vor dem Nichts.

„Stel­len Sie sich ei­nen Va­ter vor, der neun Kin­der hat und kei­ne Ar­beit“, klagt er. Ei­ne La­ge, die den All­tag und die See­le be­las­tet. „Es ist de­pri­mie­rend“, sagt Mu­rad. „Ich ha­be nichts zu tun. Al­so ge­he ich vom Con­tai­ner, in dem wir woh­nen, zum Tor des Camps und dann wie­der nach Hau­se zu­rück. Ich ge­he spa­zie­ren – oh­ne Ziel.“Und wer ziel­los ist, ver­liert sich ir­gend­wann: „Ich sa­ge es Ih­nen ganz ehr­lich: Es geht mir schlecht.“

Kein Mann, kei­ne Ein­nah­men

So schlecht, wie es vie­len an­de­ren Flücht­lin­gen auch geht, weil sie kei­ne Ar­beit fin­den. Ei­ne 30-jäh­ri­ge Frau mit vier Kin­dern, de­ren Mann vom IS ge­tö­tet wur­de, klagt: „Ich bin in dem Camp sehr froh. Die Cam­plei­tung und die hu­ma­ni­tä­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­ben sich Mü­he, uns op­ti­mal zu ver­sor­gen. Aber das reicht lei­der nicht. Ich bin ei­ne al­lein­ste­hen­de Frau, ich ha­be kei­nen Mann zu Hau­se. Da­her ha­be ich auch kei­ne Ein­nah­men, kein Ge­halt. Das The­ma Ar­beits­platz und Ein­nah­men ist uns sehr wich­tig.“

Da­zu kommt die Er­kennt­nis, das al­te Le­ben auf lan­ge Sicht ver­lo­ren zu ha­ben: „Was uns trau­rig macht, dass wir in ab­seh­ba­rer Zeit nicht wie­der nach Shin­gal zu­rück­keh­ren kön­nen, weil dort die In­fra­struk­tur nicht mehr vor­han­den ist.“Kürz­lich erst sei ei­ne Fa­mi­lie zu­rück­ge­gan­gen und durch ei­ne Mi­ne ums Le­ben ge­kom­men. Auch die po­li­ti­sche La­ge er­mög­li­che kei­ne si­che­re Heim­kehr.

Die Men­schen müs­sen sich al­so dar­auf ein­rich­ten, wohl noch Jah­re in Mam Ras­han zu blei­ben. Und – das ist die gu­te Nach­richt – das tun sie auch Stück für Stück. So stellt ei­ne Frau zu­frie­den fest: „Ei­ni­ge ha­ben ei­ne Tä­tig­keit und ein Ge­halt – seit­dem ist die La­ge we­sent­lich bes­ser ge­wor­den.“So ar­bei­ten man­che beim Mi­li­tär, den Pe­schmer­ga, an­de­re, we­ni­ge, fin­den ei­ne An­stel­lung beim Staat. Oder sie ar­bei­ten als Wäch­ter im Camp, als Stra­ßen­rei­ni­ger oder in der Ver­wal­tung. Na­tür­lich kann die Cam­plei­tung nur ei­ne be­grenz­te Zahl an Leu­ten be­schäf­ti­gen. Doch hier kom­men die Spen­den der Le­ser der „Schwä­bi­schen Zei­tung“ins Spiel. Mit ih­nen wur­de schon ei­ne Hand­wer­ker­stra­ße er­rich­tet, ei­ne Bä­cke­rei, in­zwi­schen gibt es auch Näh­ma­schi­nen. Schon bald sol­len Ge­wächs­häu­ser ent­ste­hen, die trotz des stei­ni­gen Bo­dens Land­wirt­schaft er­mög­li­chen. Es wird noch vie­le sol­cher Pro­jek­te brau­chen, um al­le Ar­beits­su­chen­den zu be­schäf­ti­gen, was so wich­tig ist für ih­re phy­si­sche, aber auch für ih­re psy­chi­sche Exis­tenz. Ein hoff­nungs­vol­ler An­fang aber ist ge­macht.

Üb­ri­gens auch für Mu­rad. Er be­dankt sich im In­ter­view für die Hil­fe aus Deutsch­land, für Ta­schen und Klei­dung für die Kin­der und da­für, dass mit den Spen­den auch Trans­port­kos­ten ge­deckt wer­den, da­mit sein Nach­wuchs Schu­len und so­gar die Uni­ver­si­tät be­su­chen kann. Bei ihm ist die Er­kennt­nis ge­wach­sen, dass sich künf­tig nicht mehr von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag le­ben lässt. Er sagt: „So­lan­ge ich am Le­ben bin, selbst wenn ich mei­nen Kör­per für mei­ne Kin­der op­fe­re, wer­de ich hel­fen, da­mit mei­ne Kin­der ih­re Schul­bil­dung be­en­den.“

FO­TO: PRI­VAT

Jas­min Khal­af Mu­rad in Mam Ras­han. Der 44-Jäh­ri­ge freut sich über die Hil­fe aus Deutsch­land und hofft, bald Ar­beit zu fin­den.

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