His­to­ri­ker­streit um Grö­ber ent­brennt

Be­für­wor­ter und Kri­ti­ker des Erz­bi­schofs brin­gen sich in Po­si­ti­on.

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ERSTE SEITE - Von Se­bas­ti­an Mu­solf

MESSKIRCH - Der His­to­ri­ker Wolfgang Pro­s­ke re­agiert auf die Kri­tik Ar­min Heims und wun­dert sich über „der­art wüs­te Atta­cken“(sie­he Ar­ti­kel oben). „Heim igno­riert Fak­ten, spricht in lee­ren Wort­hül­sen und ver­tei­digt letzt­lich im kon­kre­ten Fall ein Ver­hal­ten und dar­über hin­aus auch ein Sys­tem, das nach den Wer­ten und Nor­men un­se­rer Zeit ein mo­ra­li­sches De­sas­ter war“, sagt Pro­s­ke.

Heim meint, Con­rad Grö­ber ha­be sich „not­ge­drun­gen mit ei­nem brau­nen Män­tel­chen um­ge­ben“, führt Pro­s­ke aus: „Not­ge­drun­gen?“Muss­te sich Grö­ber et­wa am 25. März 1933 von der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie dis­tan­zie­ren? Den deut­schen Gruß im Re­li­gi­ons­un­ter­richt an­ord­nen? Sich „rest­los“hin­ter die neue Re­gie­rung stel­len? Sei­ne Pfar­rer an­wei­sen, „al­les zu ver­mei­den, was als Kri­tik der lei­ten­den Per­sön­lich­kei­ten […] aus­ge­legt wer­den könn­te“? Am 6. März 1934 för­dern­des Mit­glied der Schutz­staf­fel (SS) wer­den? 1936 sei­ne lang­jäh­ri­ge Ver­trau­te beim Gau­lei­ter per­sön­lich als „ra­che­neh­men­de Jü­din“denun­zie­ren? 1937 ein mit an­ti­de­mo­kra­ti­schen und an­ti­se­mis­ti­schen Pas­sa­gen ge­spick­tes „Hand­buch der re­li­giö­sen Ge­gen­warts­fra­gen“her­aus­ge­ben? Aus der SS 1938 ge­gen sei­nen Wil­len zwangs­wei­se aus­ge­schlos­sen wer­den? „Al­les nur Mas­ke­ra­de?“

Heim sagt, Grö­ber ha­be die­se Mas­ke „fal­len­las­sen“, als ihm das ver­bre­che­ri­sche Ge­sicht des Re­gimes of­fen­bar wur­de. „Wann soll das denn ge­we­sen sein?“, fragt Pro­s­ke. 1939 pre­dig­te Grö­ber: „Hel­den­tod ist eh­ren­volls­ter Tod. Der Tod im Feld ist ein Weg zum barm­her­zi­gen Gott.“1941 pre­dig­te er über den „Selbst­fluch der Ju­den“, der sich „furcht­bar“er­füllt ha­be: „Bis auf den heu­te lau­fen­den Tag.“

„War­um hat Grö­ber nur sel­ten et­was ge­tan, das über den un­mit­tel­ba­ren Vor­teil sei­ner Kir­che hin­aus­ge­gan­gen wä­re? War­um be­log er den fran­zö­si­schen Gou­ver­neur, er ha­be nie zur Par­tei und zu kei­ner ih­rer Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­hört?“Wie konn­te Grö­ber am 13. No­vem­ber 1946 sa­gen: „So­viel ist si­cher, dass ich durch die ge­hei­me Staats­po­li­zei und ih­re Hel­fers­hel­fer see­lisch mehr ge­lit­ten ha­be als vie­le von de­nen, die in Dach­au miss­han­delt wur­den oder star­ben“, fragt Pro­s­ke. „Ich kom­me al­so zum Er­geb­nis: Grö­ber hat bis zu sei­nem Tod sei­ne ver­häng­nis­vol­le Selbst in­stru­men­ta­li­sie­rung zur Durch­set­zung des NS-Sys­tems nicht ver­stan­den. Er war kein Tä­ter, aber ein Hel­fers­hel­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Und: Er hat nie Reue ge­zeigt.“Grö­ber sei un­ge­eig­net, im Nach­hin­ein eh­ren­voll er­wähnt zu wer­den. Ge­gen den Vor­wurf der Il­le­ga­li­tät wehrt sich Pro­s­ke: Er ha­be sich le­dig­lich zu­rSi ch­tung der Schrift­stü­cke ei­nes Re­cher­che di­ens­tes be­dient–dass ei le­gi­tim. Pro­s­ke kön­ne ver­ste­hen, wenn an­ge­sichts der Mas­si­vi­tät der Vor­wür­fe der Über­brin­ger der Bot­schaft als „ein­sei­tig“miss­ver­stan­den wer­de: „Bes­ser wä­re an die­ser Stel­le das Wort ,ein­deu­tig‘. So wie die Qu­el­len.“

Kri­tik an Ar­min Heim kommt auch vom Meß­kir­cher Hel­mut Weiß­haupt. Er ist ei­ner der Au­to­ren des neu­en Buchs „Tä­ter, Hel­fer, Tritt­brett­fah­rer – NS-Be­las­te­te aus Süd­ba­den“. Er hat ei­nen Bei­trag über den NS-Kreis­lei­ter von Meß­kirch, Stockach und Über­lin­gen, Ernst Bä­ckert, ver­fasst.

„Ar­min Heim ge­hört mein Re­spekt für sei­ne Ver­diens­te um die Meß­kir­cher Hei­mat­ge­schich­te. Was die NS-Zeit an­be­trifft, hat er sich al­ler­dings zum wie­der­hol­ten Ma­le ver­ga­lop­piert“, sagt Weiß­haupt. Wie schon 2014 bei der Dis­kus­si­on um Stra­ßen­na­men ver­su­che Heim auch die­ses Mal Hel­fer und Tritt­brett­fah­rer des „Drit­ten Rei­ches“nach­träg­lich rein­zu­wa­schen.

Wäh­rend Heim heu­te be­haup­tet, Grö­ber ha­be als „nor­ma­les Vor­ge­hen“sich „not­ge­drun­gen lei­der all­zu oft mit dem brau­nen Män­tel­chen um­ge­ben“, schrieb er da­mals, dass Amts- und Funk­ti­ons­trä­ger „sich zwangs­läu­fig den Ver­hält­nis­sen an­pas­sen muss­ten“. Da­bei ging er so weit, Men­schen, die sich ge­gen das Un­rechts­re­gime auf­lehn­ten als „tö­richt und selbst­ge­fäl­lig“zu be­zeich­nen, wo doch „längst je­dem in­tel­li­gen­ten Men­schen klar sein muss­te, dass man mit Kri­tik […] nur sich selbst zu Fall bringt“.

Bei­de Ma­le recht­fer­ti­ge Ar­min Heim Ver­stri­ckun­gen von Amts- und Funk­ti­ons­trä­gern mit dem schänd­li­chen NS-Re­gime und ver­su­che, op­por­tu­nis­ti­sches Ver­hal­ten zu be­schö­ni­gen, sagt Weiß­haupt. Es gab aber Men­schen, die sich dem Sys­tem ver­wei­ger­ten: Sie sind als Vor­sit­zen­de ei­nes gleich­ge­schal­te­ten Ver­eins zu­rück­ge­tre­ten. Sie ha­ben be­wusst auf Kar­rie­re ver­zich­tet. Sie ha­ben sich nicht an­ge­dient und pak­tiert, um ir­gend­wel­che Ge­schäf­te zu ma­chen. Sie ha­ben ih­re Kin­der mög­lichst lan­ge da­von ab­ge­hal­ten, der Hit­ler­ju­gend bei­zu­tre­ten. Sie wur­den eben kei­ne Amts- und Funk­ti­ons­trä­ger.

„Die­sen Men­schen, von den Wi­der­stands­kämp­fern ein­mal ganz ab­ge­se­hen, die wäh­rend den zwölf dunk­len Jah­ren kei­nen Frei­raum hat­ten und sich nicht dem ver­bre­che­ri­schen Sys­tem ver­schrie­ben, muss es wie Hohn vor­kom­men, wenn Heim heu­te ver­harm­lo­send be­haup­tet, dass al­les an­de­re ,nor­ma­les Vor­ge­hen‘ war“, sagt Weiß­haupt und fügt an: „Wenn nun vom Meß­kir­cher Ge­mein­de­rat ver­sucht wird, Grö­ber dif­fe­ren­ziert zu be­wer­ten, ist dies mit­nich­ten bil­li­ges Kes­sel­trei­ben.“

„Was die NS-Zeit an­be­trifft, hat sich Ar­min Heim zum wie­der­hol­ten Ma­le ver­ga­lop­piert“, sagt Hel­mut Weiß­haupt.

FO­TO: PRO­S­KE

FO­TO: SE­BAS­TI­AN MU­SOLF

Sie dis­ku­tie­ren bei der Buch­vor­stel­lung am 28. März (von links): Kreis­ar­chi­var Ed­win Ernst We­ber, Ar­min Heim, Pfar­rer Hein­rich Hei­deg­ger, Hel­mut Weiß­haupt und Wolfgang Pro­s­ke.

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