Heim: „Rat soll sich schüt­zend vor Grö­ber stel­len“

Meß­kir­cher His­to­ri­ker Ar­min Heim nimmt Stel­lung zur ak­tu­el­len Dis­kus­si­on um Erz­bi­schof Con­rad Grö­ber

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - MESSKIRCH - Von Se­bas­ti­an Mu­solf

MESSKIRCH - Um die Ver­stri­ckung des Erz­bi­schofs Con­rad Grö­ber (1872 bis 1948) mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ist ei­ne Dis­kus­si­on ent­brannt. Die­se gip­felt jetzt in ei­nem His­to­ri­ker­streit. Wolfgang Pro­s­ke hat­te bei der Buch­vor­stel­lung von „Tä­ter, Hel­fer, Tritt­brett­fah­rer – NS-Be­las­te­te aus Süd­ba­den“am 28. März da­zu auf­ge­for­dert, die Dr.-Con­rad-Grö­berStra­ße in Meß­kirch um­zu­be­nen­nen und ihm die Eh­ren­bür­ger­wür­de zu ent­zie­hen. Ge­gen die­ses An­sin­nen wen­det sich jetzt der Meß­kir­cher His­to­ri­ker Ar­min Heim. Schrift­lich äu­ßert er sich ge­gen­über der „Schwä­bi­schen Zei­tung“:

„Müs­sen wir un­se­re Grö­ber-Stra­ße und das Grö­ber-Haus um­be­nen­nen und ei­nem ver­dien­ten und zu Leb­zei­ten hoch­ver­ehr­ten Erz­bi­schof die Eh­ren­bür­ger­wür­de ent­zie­hen?“, fragt der Meß­kir­cher. „Wenn ein Gast­red­ner sei­nem Pu­bli­kum und sei­nen Gast­ge­bern Nach­hil­fe­un­ter­richt er­teilt, wel­che Kon­se­quen­zen aus sei­nen ei­ge­nen For­schungs­er­geb­nis­sen zu zie­hen sei­en, so er­scheint mir die­ses Ver­hal­ten – um es ein­mal vor­nehm aus­zu­drü­cken – be­mer­kens­wert selbst­be­wusst.“Zu­mal dann, wenn Pro­s­ke selbst wis­se, dass ein ähn­li­ches An­sin­nen erst vor kur­zem in Frei­burg von ei­ner His­to­ri­ker­kom­mis­si­on ab­ge­lehnt wur­de. Viel­leicht er­wei­se sich das be­wuss­te Ent­fa­chen me­di­en­wirk­sa­mer Dis­kus­sio­nen ja ver­kaufs­för­dernd für ei­ne Buch­rei­he, die sonst wohl nur schlep­pen­den Ab­satz fin­den wür­de.

Heim meint, dass Pro­s­ke von An­fang an Grö­ber als NS-Be­las­te­ten im Vi­sier hat­te, da der Auf­satz über den Erz­bi­schof spe­zi­ell für ei­ne Buch­rei­he mit Na­zi-Bio­gra­fi­en ge­schrie­ben wor­den sei. Pro­s­ke sei da­bei selbst ein Au­tor und der Her­aus­ge­ber die­ser Rei­he: „Dann darf wohl als si­cher gel­ten, dass das Er­geb­nis der Un­ter­su­chung bei Ar­beits­be­ginn schon fest­ge­stan­den hat: Grö­ber ge­hört für Pro­s­ke in die Grup­pe der NS-Be­las­te­ten.“

Der Fall Grö­ber sei ziem­lich kom­plex und be­nö­ti­ge ei­ne sehr dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tung, sagt Heim. „Dif­fe­ren­zie­run­gen sind nun lei­der nicht Pro­s­kes Stär­ke. Viel­mehr wer­den in sei­nem Auf­satz stän­dig drei Ebe­nen mit­ein­an­der ver­mengt, die man tun­lichst aus­ein­an­der hal­ten soll­te: Grö­bers kir­chen­po­li­ti­sches Tak­tie­ren, Grö­bers per­sön­li­ches po­li­ti­sches Welt­bild und Grö­bers Cha­rak­ter.“Aus al­len drei Ebe­nen wer­den be­lie­bi­ge Bruch­stü­cke her­an­ge­zo­gen und zur ge­wünsch­ten brau­nen Me­lan­ge ver­rührt, da­mit am En­de ein mög­lichst ne­ga­ti­ver Ge­samt­ein­druck ste­hen bleibt, be­män­gelt Heim. „Da­bei geht Pro­s­ke durch­aus ge­schickt vor, wenn er im­mer wie­der po­si­ti­ve Aspek­te bei Grö­ber her­aus­stellt und in sei­nen Text ein­fügt.“

Die al­ler­meis­ten Schrift­quel­len über Grö­ber sei­en of­fi­zi­el­le Schrei­ben des Erz­bi­schofs, al­so des Funk­ti­ons­trä­gers Grö­ber, ge­rich­tet an ganz be­stimm­te Adres­sa­ten. „Was ein Erz­bi­schof wirk­lich denkt, wis­sen wir heu­te so we­nig wie da­mals.“Ein Erz­bi­schof sei im­mer ein Sprach­rohr sei­ner Kir­che: „Grö­ber und sein Freund Pacel­li stan­den für ei­nen kir­chen­po­li­ti­schen Kurs, der auf Zu­sam­men­ar­beit mit dem Staat aus­ge­rich­tet war, auch und ge­ra­de un­ter den Ge­ge­ben­hei­ten ei­ner Dik­ta­tur.“Dies mag nun aus heu­ti­ger Sicht im Nach­hin­ein als ei­ne Tragödie mo­ra­li­schen Ver­sa­gens ge­wer­tet wer­den. „Eben­so gut lässt sich die­se Po­li­tik aber auch als Er­folgs­ge­schich­te dar­stel­len: Es kam un­ter der NS-Dik­ta­tur zu kei­nem er­neu­ten Kul­tur­kampf. Die ka­tho­li­sche Kir­che blieb in Hit­lers Staat die ein­zi­ge Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on, die nicht gleich­ge­schal­tet oder staat­lich un­ter­wan­dert wur­de“, sagt His­to­ri­ker Heim. Um die­sen kir­chen­po­li­ti­schen Kurs zum Er­folg zu füh­ren, ha­be sich Grö­ber nach au­ßen not­ge­drun­gen lei­der all­zu oft mit ei­nem brau­nen Män­tel­chen um­ge­ben. Dies sei ein nor­ma­les Vor­ge­hen ge­we­sen. „Ei­ne Mas­ke­ra­de, die Grö­ber üb­ri­gens im glei­chen Ma­ße fal­len ließ, in dem das ver­bre­che­ri­sche Ge­sicht des Re­gimes of­fen­bar wur­de“, sagt Heim.

Wie war Grö­bers tat­säch­li­che po­li­ti­sche Ein­stel­lung? „Die­se wird kaum fass­bar – und wenn, dann nur in sehr all­ge­mei­nen und dif­fu­sen Äu­ße­run­gen“, sagt Heim. Nicht wirk­lich neu sei­en auch die Vor­wür­fe in der Af­fä­re um Ire­ne Fuchs, ei­ner jü­di­schen Freun­din Grö­bers, die er laut Pro­s­ke beim ba­di­schen Gau­lei­ter de­nun­ziert ha­ben soll. „Neu sind le­dig­lich ei­ni­ge Ko­pi­en, die sich Pro­s­ke of­fen­bar il­le­gal aus ei­nem fran­zö­si­schen Ar­chiv be­schafft hat“, meint Heim.

Man mag nun über die Po­li­tik der ka­tho­li­schen Kir­che im „Drit­ten Reich“den­ken, wie man will: „Es kann nicht Auf­ga­be der Stadt Meß­kirch sein, hier­über ein Ur­teil zu fäl­len.“Es sei von kei­ner Ge­mein­de zu for­dern, dass sie ih­re Eh­ren­bür­ger ei­ner Cha­rak­ter­prü­fung un­ter­zie­he. „Wolfgang Pro­s­ke bie­tet zwar über Con­rad Grö­ber man­ches neue De­tail, aber eben nichts sub­stan­ti­ell Neu­es. Für ei­ne Neu­be­wer­tung der Cau­sa Grö­ber er­scheint sein Auf­satz durch­aus zu schmal­brüs­tig.“Pro­s­kes Auf­satz sei ein kras­ses Bei­spiel für ei­ne mo­ra­li­sie­ren­de Ge­schichts­for­schung, die his­to­ri­sches Ver­ständ­nis ver­hin­de­re statt för­de­re, sagt Heim.

„Den Meß­kir­cher Ge­mein­de­rat möch­te ich er­mun­tern, sich bei die­ser und künf­ti­gen von Ge­schichts­ak­ti­vis­ten ge­schür­ten De­bat­ten schüt­zend vor die ei­ge­nen Eh­ren­bür­ger zu stel­len und sich je­den­falls nicht noch sel­ber an ei­nem bil­li­gen Kes­sel­trei­ben zu be­tei­li­gen“, sagt Heim.

„Was ein Erz­bi­schof wirk­lich denkt, wis­sen wir heu­te so we­nig wie da­mals“, sagt His­to­ri­ker Ar­min Heim.

AR­CHIV­FO­TOS: WOLFGANG PRO­S­KE, TO­BI­AS REHM

Erz­bi­schof Con­rad Grö­ber wur­de 1872 in Meß­kirch ge­bo­ren. Um ihn ist ei­ne Dis­kus­si­on ent­brannt.

His­to­ri­ker Ar­min Heim nimmt Con­rad Grö­ber in Schutz.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.