Kin­der re­den mit den Hän­den

Ge­bär­den­spra­che hilft al­len im Kin­der­gar­ten St. Ma­ria, den vier­jäh­ri­gen Ru­ben bes­ser zu ver­ste­hen

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER - Von Jen­ni­fer Kuhlmann

MEN­GEN - Ru­ben Schlei­cher hat un­ter den Kin­dern in der ka­tho­li­schen Kin­der­ta­ges­stät­te St. Ma­ria in Men­gen ei­nen klei­nen Son­der­sta­tus. Steht der Vier­jäh­ri­ge im Mor­gen­kreis auf und läuft her­um, petzt nie­mand. „Al­le neh­men Rück­sicht auf ihn und küm­mern sich um ihn“, sagt die Er­zie­he­rin Ines Mül­ler. Weil Ru­ben, der mit dem Down-Syn­drom auf die Welt ge­kom­men ist, an­de­re zwar ver­ste­hen, selbst aber kaum spre­chen kann, lernt jetzt der gan­ze Kin­der­gar­ten Ge­bär­den­spra­che.

„Auf­räu­men“heißt in die­ser Wo­che die „Ge­bär­de der Wo­che“. Da­zu brei­ten die Kin­der ih­re Ar­me et­wa auf Schul­ter­brei­te aus und füh­ren sie vor dem Kör­per zu­sam­men, bis sie sich über­kreu­zen. „Ich su­che na­tür­lich Ge­bär­den aus, die wir im Kin­der­gar­ten­all­tag im­mer wie­der gut ge­brau­chen kön­nen“, sagt Ines Mül­ler. Den Grup­pen­raum auf­räu­men und Spiel­zeug an sei­nen Platz zu­rück­brin­gen, das wer­de ja täg­lich ge­macht. Im Mo­ment sind es et­wa 30 Ge­bär­den, die Ru­ben selbst an­wen­det, um sich mit Ines Mül­ler zu ver­stän­di­gen.

Oh­ne den Ein­satz und die Ei­gen­in­itia­ti­ve der Er­zie­he­rin wä­re das Ge­bär­den­pro­jekt im Kin­der­gar­ten nicht mög­lich. „Die El­tern von Ru­ben ha­ben uns im ver­gan­ge­nen Jahr er­zählt, dass sie mit ihm Ge­bär­den­spra­che ler­nen wol­len“, sagt Kin­der­gar­ten­lei­te­rin Birgit Reck. Hin­ter­grund sei, dass Ru­ben zwar gut hö­ren und Ge­sag­tes auch ver­ste­hen kön­ne, sich selbst aber nur schwer ver­stän­di­gen kön­ne. Das är­ger­te Ru­ben und ließ ihn un­ge­dul­dig oder trau­rig wer­den. „Uns war klar, dass wir bei der Ge­bär­den­spra­che mit­zie­hen müs­sen, wenn es für Ru­ben et­was brin­gen soll“, sagt Reck.

App hilft bei den Vo­ka­beln

Ines Mül­ler ha­be sich gleich be­reit er­klärt, mit den El­tern ei­nen Grund­kurs in Ge­bär­den­spra­che zu be­su­chen. „Ru­ben geht in mei­ne Grup­pe, da woll­te ich das auch ler­nen“, sagt sie. Zwei Ta­ge lang hat sie Grund­la­gen ver­mit­telt be­kom­men, an­schlie­ßend hat der Kin­der­gar­ten ei­nen Ord­ner mit Lern­ma­te­ri­al und ei­ner DVD an­ge­schafft. Mül­ler hat zu Hau­se Ge­bär­den ge­übt und sich ei­ne ent­spre­chen­de App auf ihr Smart­pho­ne ge­la­den, um Vo­ka­beln schnell nach­schau­en zu kön­nen. Sechs­ein­halb St­un­den in der Wo­che wird Ru­ben au­ßer­dem durch die In­te­gra­ti­ons­kraft Son­ja Kauf­mann un­ter­stützt, die sich jetzt auch mit dem The­ma Ge­bär­den­spra­che be­fasst.

Aber auch al­le an­de­ren Kin­der im Kin­der­gar­ten wer­den mit­ein­be­zo­gen. „Ru­ben soll ja nicht nur mit ei­ner Er­zie­he­rin re­den kön­nen, son­dern auch mit den Kin­dern“, sagt Birgit Reck. Des­halb ler­nen die Kin­der wö­chent­lich neue Ge­bär­den und wie­der­ho­len sie im Mor­gen­kreis. An den Tü­ren zu den Grup­pen­räu­men kle­ben Fo­tos, die den Grup­pen­na­men in Ge­bär­den­spra­che zei­gen. An der Wand ist das „Va­ter un­ser“in ei­ner Ge­bär­den-Fo­to-Fol­ge zu se­hen. „Da­für wer­den wir aber noch et­was brau­chen“, sagt Birgit Reck. Die Kin­der ver­ste­hen der­weil laut Ines Mül­ler nicht nur in­tui­tiv, dass die Ge­bär­den wich­tig für Ru­ben sind, sie ha­ben auch ei­ne Men­ge Spaß dar­an, sie zu ler­nen.

Für Ru­ben hat Ines Mül­ler mit Hil­fe von Ru­bens El­tern und sei­ner Schwes­ter ein ei­ge­nes Wör­ter­buch ge­bas­telt. Dort sind Fo­tos der Fa­mi­li­en­mit­glie­der und wich­ti­ge Wör­ter mits­amt der pas­sen­den Ge­bär­de ab­ge­bil­det. Fährt Ru­ben mit ei­nem elek­tro­ni­schen Stift dar­über, hört er sei­ne Schwes­ter die ent­spre­chen­de Vo­ka­bel sa­gen. „Den Ord­ner kön­nen wir ge­mein­sam durch­ge­hen, Ru­ben kann sich aber auch selbst da­mit be­schäf­ti­gen“, sagt Mül­ler. Der­zeit ist Ru­bens Lieb­lings­vo­ka­bel „Sil­ves­ter“. Da­bei imi­tie­ren die Hän­de und Ar­me näm­lich ein Feu­er­werk am Him­mel.

Die Er­zie­her mer­ken, wie gut es Ru­ben tut, sich im­mer bes­ser ver­stän­di­gen zu kön­nen. „Er ist ru­hi­ger ge­wor­den und kann ak­ti­ver mit den an­de­ren Kin­dern spie­len“, sagt Ines Mül­ler. So sei et­wa klar, das Ru­ben mit ei­ner Sa­che fer­tig ist, wenn er die Ges­te für „fer­tig“ma­che. Weil Ru­ben sei­nen El­tern aber trotz­dem nicht wie an­de­re Kin­der er­zäh­len kann, was er den Tag über im Kin­der­gar­ten ge­macht hat, gibt es ei­ne klei­ne Sprach­box, die mit 30 Se­kun­den Text be­spro­chen wer­den kann. Das macht Ines Mül­ler für die El­tern. Wenn Ru­ben die Box mor­gens mit­bringt, kann sie ei­ne Nach­richt von den El­tern ent­hal­ten oder et­was, das Ru­bens Schwes­ter drauf ge­spro­chen hat.

Wenn Ru­ben den Kin­der­gar­ten ver­lässt, will das Team mit den Kin­dern trotz­dem wei­ter Ge­bär­den­spra­che ler­nen. „So be­kom­men die Kin­der ein Be­wusst­sein da­für, dass nicht al­le so ein­fach re­den kön­nen wie sie selbst“, sagt Birgit Reck.

FO­TOS: JEN­NI­FER KUHLMANN

Die Ge­bär­de der Wo­che heißt dies­mal „Auf­räu­men“und kann im Kin­der­gar­ten gut ge­braucht wer­den (links). Für den vier­jäh­ri­gen Ru­ben (rechts) ist vie­les ein­fa­cher ge­wor­den, seit die Er­zie­he­rin Ines Mül­ler und die Kin­der be­stimm­te Ge­bär­den ver­ste­hen.

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