Rich­te­rin schickt Be­trü­ge­rin ins Ge­fäng­nis

Ku­rio­ser Fall en­det vor dem Sig­ma­rin­ger Amts­ge­richt mit ei­ner zwei­jäh­ri­gen Haft­stra­fe

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - RUND UM SIGMARINGEN - Von Patrick Laabs

RUND UM SIG­MA­RIN­GEN - Pau­ken­schlag im Ge­richt: Die 50 Jah­re al­te An­ge­klag­te aus ei­ner Ge­mein­de bei Sig­ma­rin­gen, die ih­re da­ma­li­ge Freun­din um ei­ne mitt­le­re fünf­stel­li­ge Sum­me be­tro­gen ha­ben soll (die „Schwä­bi­sche Zei­tung“be­rich­te­te), muss für zwei Jah­re ins Ge­fäng­nis. Das hat Rich­te­rin Na­di­ne Zie­her am Mitt­woch im Sig­ma­rin­ger Amts­ge­richt ent­schie­den.

Zie­her konn­te ih­ren Ur­teils­spruch le­dig­lich auf die – aus ih­rer Sicht – Glaub­wür­dig­keit der mut­maß­lich Ge­schä­dig­ten, aber auch ei­ner wei­te­ren Zeu­gin stüt­zen; und auf die – eben­falls aus ih­rer Sicht – eben un­glaub­wür­di­ge Ge­schich­te der An­ge­klag­ten. Ei­nen tat­säch­li­chen Be­weis da­für, dass sich die An­ge­klag­te in zig Fäl­len Geld er­schli­chen ha­ben soll, gab es auch nach drei Ver­hand­lungs­ta­gen nicht – nichts Schrift­li­ches, kei­ne ent­spre­chen­den Kon­to­be­we­gun­gen. „Im Straf­recht reicht im Zwei­fel al­ler­dings völ­lig aus, ob je­mand glaub­wür­dig ist – oder nicht“, sag­te Zie­her.

Rück­blick: Über ei­nen Zei­t­raum von 2012 bis 2014 soll sich die An­ge­klag­te von ih­rer da­ma­li­gen Freun­din Geld ge­lie­hen ha­ben: mal 6000 Eu­ro, mal 10000 Eu­ro, im­mer mal wie­der Fünf­zi­ger oder Hun­der­ter. Sie sei schwer an Krebs er­krankt, und kön­ne sich die ge­wünsch­te al­ter­na­ti­ve Be­hand­lung nicht leis­ten, da ih­re Kon­ten ge­sperrt sei­en. Die 49 Jah­re al­te mut­maß­lich Ge­schä­dig­te hat­te im Ge­richt im­mer wie­der deut­lich ge­macht, wie sehr sie sich we­gen ih­rer Nai­vi­tät schä­me, sag­te aber auch wie­der­holt: „Was hät­te ich denn tun sol­len? Ich konn­te sie doch nicht ster­ben las­sen. Sie war mei­ne Freun­din.“

Mann er­greift Par­tei für sei­ne Frau

Die An­ge­klag­te mach­te auch beim drit­ten Ver­hand­lungs­tag deut­lich, dass sie nie Geld be­kom­men ha­be: „Ich ha­be sie nicht be­tro­gen.“Die 50Jäh­ri­ge und ihr Ver­tei­di­ger schaff­ten es zu Be­ginn der Ver­hand­lung, Rich­te­rin und Staats­an­wäl­tin da­von zu über­zeu­gen, dass zehn der vor Ge­richt ver­han­del­ten 80 Geld­über­ga­ben so nicht hät­ten statt­fin­den kön­nen. Sie und ihr Mann, der vor Ge­richt als Zeu­ge zu­guns­ten sei­ner Frau aus­sag­te, sei­en zu den Ter­mi­nen im Ur­laub ge­we­sen, was nach­ge­wie­sen wer­den konn­te.

Letzt­lich ging es aber nicht um die Fra­ge, ob es 70 oder 80 Geld­über­ga­ben ge­ge­ben hat­te, son­dern dar­um, ob es über­haupt zu sol­chen Ak­tio­nen ge­kom­men war. Die Staats­an­wäl­tin hat­te kei­nen Zwei­fel an der Schuld der An­ge­klag­ten. Es sei in der Ver­hand­lung klar ge­wor­den, dass sie ih­re da­ma­li­ge Freun­din aus­ge­nom­men ha­be „wie ei­ne Weih­nachts­gans“. „Die Ge­schä­dig­te hat Ih­nen ein­fach al­les ge­glaubt: dass Sie an Krebs er­krankt wa­ren, dass Sie reich sind und Häu­ser in New York, München und auf Sylt be­sit­zen, al­les“, sag­te die Staats­an­wäl­tin in ih­rem en­er­gi­schen Plä­doy­er. Als Mo­tiv für die jah­re­lan­gen Straf­ta­ten er­kann­te sie Neid und Miss­gunst bei der An­ge­klag­ten. Die Ge­schä­dig­te ha­be ein schö­ne­res Le­ben ge­habt, das ha­be nicht län­ger sein dür­fen. „Sie le­ben im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes auf Kos­ten an­de­rer“, sag­te sie zur An­ge­klag­ten, die kaum glau­ben konn­te, was sie da hör­te. Die An­wäl­tin kön­ne in der Per­sön­lich­keit der An­ge­klag­ten zu­dem nichts er­ken­nen, was ei­ne Aus­set­zung der Stra­fe zur Be­wäh­rung recht­fer­ti­gen wür­de. Sie for­der­te zwei Jah­re Haft.

Der Ver­tei­di­ger mach­te deut­lich, ei­nen so kom­ple­xen Fall in zehn Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung noch nicht er­lebt zu ha­ben. „Wir ha­ben zwei Sach­ver­hal­te ge­hört, ich kann nicht sa­gen, was stimmt“, sag­te er. Aber er glau­be sei­ner Man­dan­tin. Er mach­te deut­lich, dass es für die An­kla­ge kei­ner­lei Grund­la­ge ge­be: „Wir ha­ben kei­nen Be­weis, kei­nen ver­läss­li­chen Au­gen­zeu­gen ei­ner Geld­über­ga­be.“Die An­ge­klag­te ha­be kein Mo­tiv für die­sen Be­trug ge­habt, es sei ihr fi­nan­zi­ell gut ge­gan­gen. „Da­her be­an­tra­ge ich, mei­ne Man­dan­tin frei­zu­spre­chen.“

Zie­her ließ die Ver­hand­lungs­ta­ge in ih­rem rund 40-mi­nü­ti­gen Ur­teils­spruch noch ein­mal Re­vue pas­sie­ren. Auf­grund ih­rer Über­zeu­gung, dass die An­kla­ge im We­sent­li­chen kor­rekt sei, und der vie­len Vor­stra­fen der An­ge­klag­ten – un­ter an­de­rem auch we­gen Be­trugs – ver­ur­teil­te sie sie zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren. Ge­gen die­sen Ur­teils­spruch kann die An­ge­klag­te bin­nen ei­ner Wo­che Rechts­mit­tel ein­le­gen.

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