Ver­ei­nigt nur im Kampf ge­gen den Ter­ror

Lon­don nach dem An­schlag: Tau­sen­de kom­men zu Mahn­wa­che, Si­cher­heits­de­bat­te do­mi­niert Wahl­kampf

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Se­bas­ti­an Bor­ger und Agen­tu­ren

LON­DON - Drei Ter­ror­an­schlä­ge in drei Mo­na­ten: Groß­bri­tan­ni­en kommt nicht zur Ru­he. Nach der Atta­cke mit sie­ben To­ten und et­wa 50 Schwer­ver­letz­ten trau­ern die Men­schen in Lon­don um die Op­fer – und fei­ern ih­re Hel­den. Die Stra­te­gie im Kampf ge­gen den Ex­tre­mis­mus heizt auch den Schluss­spurt des Wahl­kamp­fes kräf­tig an.

Am Mon­tag­abend kom­men Tau­sen­de in ei­nem Park an der Them­se un­weit des Tat­orts zu ei­ner Mahn­wa­che zu­sam­men. „Wir wer­den die­se Feig­lin­ge nie ge­win­nen las­sen, und wir wer­den uns nie vom Ter­ro­ris­mus ein­schüch­tern las­sen“, sagt Lon­dons mus­li­mi­scher Bür­ger­meis­ter Sa­diq Khan mit Blick auf die At­ten­tä­ter. „Das ist un­se­re Stadt, das sind un­se­re Wer­te, und das ist un­se­re Le­bens­art.“Kahn lobt den Mut der Lon­do­ner: „Ihr seid die Bes­ten von uns!“

In Groß­bri­tan­ni­en wird die An­schlags­ge­fahr von der Re­gie­rung schon seit 2014 als „höchst wahr­schein­lich“ein­ge­stuft und steht da­mit auf der zweit­höchs­ten Stu­fe. Wie ernst Po­li­zei und Be­völ­ke­rung das neh­men, er­le­ben Rei­sen­de im­mer wie­der: Wer an den Bahn­hö­fen der Stadt ei­nen Kof­fer nur für fünf Se­kun­den aus den Au­gen lässt, muss sich schon schar­fe Nach­fra­gen von Po­li­zei oder Pas­san­ten ge­fal­len las­sen. Ähn­li­che Sze­nen sind in der U-Bahn gang und gä­be: Bei ver­meint­lich her­ren­lo­sem Ge­päck ver­lie­ren die Lon­do­ner ih­re sonst sprich­wört­li­che Ge­las­sen­heit, sind selbst fröh­lich An­ge­trun­ke­ne bin­nen Se­kun­den stock­nüch­tern.

Mit Last­wa­gen und Mes­sern

Se­kun­den­schnel­les Um­schal­ten von Fei­er­lau­ne auf Alarm­stim­mung – so muss es am Sams­tag­abend auch in den Pubs rund um den Bo­rough Mar­ket am Süd­ufer der Them­se ge­we­sen sein. Mit ei­nem Klein­last­wa­gen war ein Is­la­mis­ten-Trio kurz nach 22 Uhr auf den brei­ten Geh­steig der Lon­don Bridge ge­fah­ren und hat­te Pas­san­ten um­ge­fah­ren. Als das Ge­fährt zum Ste­hen kommt, at­ta­ckie­ren die drei Tä­ter wahl­los Pub-Be­su­cher und Spa­zier­gän­ger mit Mes­sern. „Das ist für Al­lah“, ru­fen sie Au­gen­zeu­gen zu­fol­ge. Ge­off­rey Ho glaubt zu die­sem Zeit­punkt an ei­ne nor­ma­le Schlä­ge­rei. Dass da zwei Ker­le ei­nen ein­sa­men Tür­ste­her ver­mö­beln, will der Hob­by-Ka­ra­te­kämp­fer nicht zu­las­sen. Be­herzt geht der Wirt­schafts­re­dak­teur des „Sun­day Ex­press“da­zwi­schen. Spä­ter zeigt ihn ein Fo­to, wie er blut­be­su­delt vom Tat­ort weg­ge­führt wird.

Es gibt vie­le sol­cher Ge­schich­ten all­täg­li­chen Hel­den­tums. Das Mas­sa­ker be­en­den al­ler­dings erst die acht Be­am­ten ei­nes Spe­zi­al­kom­man­dos: Mit ins­ge­samt 50 Ku­geln aus ih­ren Ma­schi­nen­pis­to­len er­schie­ßen sie die drei Tä­ter vor dem „Wheat­s­he­af Pub“, tref­fen auch ei­nen ame­ri­ka­ni­schen Tou­ris­ten, des­sen Le­ben aber nicht ge­fähr­det ist. Sie­ben Men­schen ha­ben die Ter­ro­ris­ten ge­tö­tet, Dut­zen­de ver­letzt. Noch im­mer schwe­ben min­des­tens acht Per­so­nen in Le­bens­ge­fahr. Am Mon­tag­abend gibt die Po­li­zei die Na­men von zwei der drei Lon­do­ner At­ten­tä­ter be­kannt: Khur­am Sha­zad Butt, 27 Jah­re alt, in Pa­kis­tan ge­bo­re­ner Bri­te, der der Po­li­zei und dem In­lands­ge­heim­dienst MI5 be­kannt war, so­wie Ra­chid Re­doua­ne, ein 30-Jäh­ri­ger, der sich als Ma­rok­ka­ner oder auch als Li­by­er aus­ge­ge­ben hat. Bei­de wohn­ten im Ost­lon­do­ner Stadt­teil Bar­king. Wei­te­re Ver­däch­ti­ge, die nach dem An­schlag fest­ge­nom­men wor­den wa­ren, kom­men am Abend wie­der frei.

Als ge­fähr­lich be­kannt

Von ei­nem der Tä­ter ist be­kannt, dass ein Be­kann­ter ihn vor zwei Jah­ren bei der Hot­li­ne des Ge­heim­diens­tes mel­de­te. „Wir spra­chen über ei­nen An­schlag“, be­rich­tet der Zeu­ge der BBC. „Und er ent­schul­dig­te ein­fach al­les. Das war mir un­heim­lich.“Die Be­hör­de ha­be den Hin­weis ent­ge­gen­ge­nom­men, pas­siert sei nichts. Die Aus­sa­ge gleicht aufs Haar den Schil­de­run­gen von Be­kann­ten des jun­gen Is­la­mis­ten Sal­man Abe­di. Der Bri­te li­by­scher Her­kunft zün­de­te vor zwei Wo­chen nach dem Kon­zert von USPop­star Aria­na Gran­de im Foy­er der Are­na-Kon­zert­hal­le ei­ne Bom­be und riss 22 Men­schen, über­wie­gend jun­ge Mäd­chen und de­ren El­tern, in den Tod. Auch sein Va­ter, so le­gen es Re­cher­chen bri­ti­scher Jour­na­lis­ten na­he, war den Ge­heim­diens­ten als Mit­glied ei­ner is­la­mis­ti­schen Op­po­si­ti­ons­grup­pe ge­gen das Re­gime von Mu­am­mar Gad­da­fi be­kannt. Und so stellt sich er­neut die Fra­ge, ob der An­schlag hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen.

Si­cher­heits­de­bat­te im Wahl­kampf

Am Don­ners­tag wäh­len die Bri­ten vor­zei­tig ein neu­es Par­la­ment – und so be­stimmt der Kampf ge­gen den Ter­ror auch die Schluss­pha­se des wahl­kampfs. Op­po­si­ti­ons­füh­rer Je­re­my Cor­byn greift Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May fron­tal an und for­dert sie zum Rück­tritt auf. „Wir ha­ben ein Pro­blem. Wir hät­ten das Po­li­zei­bud­get nicht kür­zen sol­len, und May war da­für ver­ant­wort­lich.“Spä­ter re­la­ti­viert er die Rück­tritts­for­de­rung: „Am Don­ners­tag ist Wahl, das ist die bes­te Ge­le­gen­heit, die Sa­che zu be­werk­stel­li­gen.“Als May den um drei Jah­re vor­ge­zo­ge­nen Ur­nen­gang ein­for­der­te, schien ihr ein Erd­rutsch­sieg si­cher. Aber hin­ter der In­sel liegt ei­ne sie­ben­wö­chi­ge Wahl­kam­pa­gne, in der vie­le eins­ti­ge Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in­fra­ge ge­stellt wur­den. Dar­un­ter je­ne, dass Si­cher­heits­pro­ble­me au­to­ma­tisch den Kon­ser­va­ti­ven zu­gu­te kom­men wür­den. Stimmt das noch in der fieb­ri­gen At­mo­sphä­re nach dem drit­ten An­schlag bin­nen neun Wo­chen?

May war am Sonn­tag vor ih­ren Amts­sitz in der Dow­ning Street ge­tre­ten, um sich an die Na­ti­on zu wen­den. Mit ei­nem Vier-Punk­te-Plan will sie Här­te de­mons­trie­ren. Ne­ben här­te­ren Ge­fäng­nis­stra­fen und mehr Druck auf In­ter­net-Kon­zer­ne ist vor al­lem ein Punkt bri­sant: Es ge­be auf der In­sel „viel zu viel To­le­ranz ge­gen­über dem Ex­tre­mis­mus“. Sie spricht von „schwie­ri­gen und häu­fig un­an­ge­neh­men Ge­sprä­chen“, die nun an­ste­hen wür­den. Ei­ne Fra­ge könn­te lau­ten: Soll­te man Leu­te, die im Aus­land für ei­ne mör­de­ri­sche Abart des Is­lam kämp­fen, wie­der ins Land las­sen? Es geht um ei­ne lang­wie­ri­ge De­bat­te. An des­sen En­de, hofft die Pre­mier­mi­nis­te­rin, soll­ten die Men­schen nicht län­ger in Ghet­tos ne­ben­ein­an­der­her le­ben, son­dern ein „wirk­lich ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich“bil­den.

Auch US-Prä­si­dent Do­nald Trump meint, sich ein­mi­schen zu müs­sen. Er teilt nicht nur, na­tür­lich in Ver­sa­li­en, sei­ne So­li­da­ri­tät mit Groß­bri­tan­ni­en mit. Er kri­ti­siert auch Lon­dons Bür­ger­meis­ter Sa­diq Khan für die Äus­se­rung, es ge­be „kei­nen Grund zur Auf­re­gung“. Bin­nen Mi­nu­ten sprin­gen die Bri­ten dem Bür­ger­meis­ter zur Sei­te. Trumps Mit­tei­lung ent­hal­te ein fal­sches Zitat, er­wi­dert ei­sig der Chef­re­dak­teur der hoch­se­riö­sen „Fi­nan­ci­al Ti­mes“, Lio­nel Bar­ber: Tat­säch­lich hat Khan nur da­von ge­spro­chen, die Haupt­städ­ter wür­den in den nächs­ten Ta­gen „mehr be­waff­ne­te Po­li­zei auf den Stra­ßen“se­hen und in die­sem Zu­sam­men­hang von Auf­re­gung ab­ge­ra­ten. Khan selbst lässt durch ei­nen Spre­cher aus­rich­ten, er ha­be „Wich­ti­ge­res zu tun“als auf die schlecht in­for­mier­ten Tweets aus dem Wei­ßen Haus zu re­agie­ren.

FO­TO: IMA­GO

Am Mon­tag­abend ka­men Tau­sen­de zu ei­ner Mahn­wa­che ins Zen­trum von Lon­don. Heu­te ist um 11 Uhr Orts­zeit ei­ne lan­des­wei­te Schwei­ge­mi­nu­te ge­plant.

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