Ein paar Knall­kör­per, mehr als 1500 Ver­letz­te

Beim Pu­b­lic Viewing in Tu­rin bricht aus Angst vor ei­nem An­schlag ei­ne Mas­sen­pa­nik aus – Kri­tik am Si­cher­heits­kon­zept

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Tho­mas Mig­ge

TU­RIN - Es soll­te ein hei­te­rer Fuß­ball­abend auf der zen­tra­len Piaz­za von Tu­rin wer­den. Rund 30 000 Fans fie­ber­ten Sams­tag­abend beim Pu­b­lic Viewing auf der Piaz­za San Car­lo mit ih­rer Mann­schaft Ju­ven­tus Tu­rin, die im Cham­pi­ons-Le­ague-Fi­na­le ge­gen Re­al Ma­drid an­trat.

Doch dann brach Pa­nik aus. Wie auf den Auf­nah­men ver­schie­de­ner Vi­deo­ka­me­ras und Han­dys deut­lich zu er­ken­nen ist, be­gan­nen Tau­sen­de Men­schen aus der Mit­te des Plat­zes her­aus fort­zu­ren­nen. Sie stürz­ten über­ein­an­der oder klet­ter­ten über zu Bo­den ge­fal­le­ne Men­schen hin­weg. Über 1500 Fuß­ball­fans, dar­un­ter vie­le Min­der­jäh­ri­ge, wur­den ver­letzt. Ein sie­ben­jäh­ri­ges Kind schwebt noch in Le­bens­ge­fahr. Au­gen­zeu­gen be­rich­te­ten von dra­ma­ti­schen Sze­nen und am Bo­den lie­gen­den blut­über­ström­ten Men­schen.

Ur­sa­che der Mas­sen­pa­nik war ein Knall zehn Mi­nu­ten vor Spie­len­de. Meh­re­re Men­schen rie­fen dar­auf­hin: „Ei­ne Bom­be! Ei­ne Bom­be!“Tat­säch­lich wa­ren Knall­kör­per ge­zün­det wor­den. „In Zei­ten oh­ne Ter­ro­ris­mus­angst“, sag­te am Mon­tag Tu­rins Po­li­zei­chef Re­na­to Sac­co­ne, „wä­re es nie zu so ei­ner blu­ti­gen Mas­sen­pa­nik ge­kom­men“.

Tu­rins Bür­ger­meis­te­rin Chi­a­ra Ap­pen­di­no sag­te am Mon­tag, der Aus­lö­ser der Pa­nik sei noch un­klar. Sie sieht sich mit Vor­wür­fen kon­fron­tiert, das Si­cher­heits­kon­zept sei man­gel­haft ge­we­sen. „Es gab nur Kon­trol­len, was ge­fälsch­te Mer­chan­di­sing-Pro­duk­te an­ging, aber kei­ne Kon­trol­len, um den Fla­schen­ver­kauf und den un­ge­re­gel­ten Zu­gang zu ver­hin­dern“, schrieb ein Nut­zer auf Twit­ter an Tu­rins Bür­ger­meis­te­rin Chi­a­ra Ap­pen­di­no, die sich er­schüt­tert über die Er­eig­nis­se ge­zeigt hat­te. „Ei­ne Schan­de“, schrie­ben an­de­re und ver­lang­ten den Rück­tritt der Po­li­ke­rin, die der Pro­test­par­tei Fün­fS­ter­ne-Be­we­gung an­ge­hört.

Die Re­gie­rung in Rom re­agier­te höchst be­sorgt auf den Vor­fall. Am Pfingst­mon­tag, der in Ita­li­en kein Fei­er­tag ist, traf sich In­nen­mi­nis­ter Mar­co Min­niti mit den Spit­zen von Po­li­zei und In­lands­ge­heim­dienst.

Dis­ku­tiert wur­de ein Pro­gramm für mehr Si­cher­heit bei Ver­an­stal­tun­gen un­ter frei­em Him­mel. Der An­schlag kürz­lich in Man­ches­ter – eben­falls im Um­feld ei­ner Groß­ver­an­stal­tung – und die Mas­sen­pa­nik am Sams­tag in Tu­rin, sag­te Mi­nis­ter Min­niti, „ma­chen uns über­deut­lich, dass wir et­was tun müs­sen“.

Ein Land der Open-Air-Fes­te

Ita­li­en ist ein Land der Som­mer­fes­ti­vals un­ter frei­em Him­mel – 1700 Events sind bis Sep­tem­ber lan­des­weit auf öf­fent­li­chen Plät­zen ge­plant. An­ge­sichts der „auch psy­chisch un­ge­mein an­ge­spann­ten La­ge auf­grund der stän­di­gen Ter­ror­ge­fahr sind wei­te­re Mas­sen­pa­ni­ken nicht aus­zu­schlie­ßen“, sag­te der In­nen­mi­nis­ter. Doch, so Min­niti wei­ter, „wir wol­len in kei­ner Wei­se von uns aus Angst er­zeu­gen, und des­halb so we­nig Ver­an­stal­tun­gen wie mög­lich un­ter­sa­gen“. Ver­bo­ten wer­den sol­len aber Ver­an­stal­tun­gen an Or­ten, die von den Ord­nungs­kräf­ten nicht um­fas­send kon­trol­liert wer­den kön­nen.

FO­TO: DPA

Was aus Angst vor ei­nem An­schlag pas­sie­ren kann, zeigt sich in Tu­rin: Auf der Piaz­za San Car­lo ge­rie­ten Fuß­ball­fans in ei­ne Mas­sen­pa­nik.

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