„Schlei­chen­der Aus­stieg der Tür­kei aus der Na­to“

Ro­de­rich Kie­se­wet­ter (CDU) zum Ab­zug aus In­cir­lik

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

RAVENSBURG - Die SPD drängt seit Län­ge­rem auf ei­nen Ab­zug der Luft­waf­fen-Tor­na­dos aus In­cir­lik. Der CDU-Au­ßen­po­li­ti­ker Ro­de­rich Kie­se­wet­ter hin­ge­gen ge­hör­te eher zu je­nen, die der For­de­rung skep­tisch ge­gen­über stan­den. Mitt­ler­wei­le ist der Wech­sel nach Jor­da­ni­en für den Aa­le­ner Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten aber „un­ab­wend­bar“. Ul­rich Men­de­lin hat ihn be­fragt.

Sie hat­ten vor we­ni­gen Wo­chen be­tont, ein Be­suchs­recht für Ab­ge­ord­ne­te in In­cir­lik sei nicht zwin­gend not­wen­dig. Hat sich Ih­re An­sicht seit­dem ver­än­dert?

Nein. Es gibt kein Ge­setz, wel­ches das Be­suchs­recht re­gelt. Die Trup­pe soll­te durch zu häu­fi­ge und vor al­lem un­ko­or­di­nier­te Be­su­che nicht über­for­dert wer­den, son­dern sich auf ih­ren Auf­trag kon­zen­trie­ren dür­fen. In­zwi­schen po­la­ri­siert die Be­suchs­fra­ge zu sehr. Wir soll­ten viel­mehr im Bun­des­tag dis­ku­tie­ren, wie wir die Trup­pe bes­ser und ra­scher aus­stat­ten kön­nen, da­mit die Bun­des­wehr die vie­len Auf­trä­ge bes­ser er­fül­len kann. Der Bun­des­tag soll­te sich auf die Kon­trol­le der Re­gie­rung und die an­ge­mes­se­ne Aus­stat­tung der Streit­kräf­te kon­zen­trie­ren. Ge­gen ein oder zwei ko­or­di­nier­te Be­su­che im Jahr spricht aber nichts.

Der Ver­mitt­lungs­ver­such von Au­ßen­mi­nis­ter Ga­b­ri­el in An­ka­ra ist ge­schei­tert. Ist der Ab­zug der Bun­des­wehr aus In­cir­lik da­mit tat­säch­lich un­ver­meid­bar?

Der Auf­trag der Bun­des­wehr in In­cir­lik ist die Be­kämp­fung des IS ge­mein­sam mit an­de­ren Staa­ten un­ter An­wen­dung in­ter­na­tio­na­len Rechts. Die Ent­schei­dung, den Ab­zug nicht un­mit­tel­bar zu be­schlie­ßen und auf Di­plo­ma­tie zu set­zen, war den­noch rich­tig. Da­mit hat Deutsch­land de­mons­triert, wie ernst es die Bünd­nis­so­li­da­ri­tät nimmt. Ei­ne Ver­le­gung nach Jor­da­ni­en ist nun aber un­ab­wend­bar. Wich­tig zu be­to­nen ist, dass die Tür­kei mit ih­rer kom­pro­miss­lo­sen Hal­tung dem bi­la­te­ra­len Ver­hält­nis zu Deutsch­land, wie auch dem Na­to-Bünd­nis Scha­den zu­fügt. Miss­lich ist, dass Deutsch­land jetzt als Bünd­nis­part­ner zwei bis drei Mo­na­te im Kampf ge­gen den IS aus­fällt. Of­fen­sicht­lich wird das Be­suchs­recht hö­her ge­wich­tet als der not­wen­di­ge Kampf ge­gen den IS.

Sind al­ter­na­ti­ve Stand­or­te wie Jor­da­ni­en gleich­wer­ti­ger Er­satz?

Na­he­zu. Al­ler­dings hat­te In­cir­lik lo­gis­ti­sche Vor­tei­le und ist ei­ne seit Jahr­zehn­ten er­prob­te Na­to-Luft­waf­fen­ba­sis, auch der Ei­gen­schutz der Sol­da­ten ist we­ni­ger pro­ble­ma­tisch als in Jor­da­ni­en. Es wird er­heb­lich teu­rer wer­den, den künf­ti­gen Bun­des­wehr-Stand­ort an Na­to-Stan­dards an­zu­pas­sen. Zu­dem wer­den wir den Schutz un­se­rer Trup­pe vor Ort neu or­ga­ni­sie­ren müs­sen. Po­si­tiv an der gan­zen An­ge­le­gen­heit ist aber, dass wir da­mit Jor­da­ni­en in­ter­na­tio­nal auf­wer­ten und en­ger an den Wes­ten und die Na­to bin­den.

Wel­che Fol­gen hat das Ver­hal­ten der Tür­kei für die wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit im Rah­men der Na­to?

Es ist ein schlei­chen­der Aus­stieg der Tür­kei aus der Na­to zu spü­ren. Das wird in we­ni­gen Jah­ren un­ser Si­cher­heits­ge­fühl kom­plett än­dern. Dar­auf müs­sen wir uns durch ver­stärk­te eu­ro­päi­sche An­stren­gun­gen schon heu­te vor­be­rei­ten. Deutsch­land muss sich wei­ter be­harr­lich für ei­ne Be­hand­lung des The­mas auf Bot­schaf­ter­ebe­ne im Na­to-Rat ein­set­zen. Es wä­re fa­tal, wenn das bi­la­te­ra­le Zer­würf­nis die Hand­lungs­fä­hig­keit ins­ge­samt lähmt. Er­do­gan wird wei­ter stark dar­an in­ter­es­siert sein, kei­ne Es­ka­la­ti­on mit wei­te­ren en­gen Na­to-Part­nern wie den USA zu ris­kie­ren.

FO­TO: RASE

Ro­de­rich Kie­se­wet­ter

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.