Bag­gern per Maus­klick

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ver­än­dert das Hand­werk grund­le­gend – Wenn die Be­trie­be jetzt han­deln, über­wie­gen die Chan­cen die Ri­si­ken.

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - WIRTSCHAFT -

RAVENSBURG - Für Jo­hann Bet­cher ist die Di­gi­ta­li­sie­rung ein Se­gen. Ob Wer­bung, Ver­wal­tung, Pla­nung, Ein­kauf oder Ko­ope­ra­ti­on mit an­de­ren Fir­men – sein Hand­werks­be­trieb in Heidenheim an der Brenz pro­fi­tiert vom Ein­satz di­gi­ta­ler Tech­nik. Fragt man den Zim­merer­meis­ter, ob er denn auch com­pu­te­raf­fin sei, ant­wor­tet er la­chend: „Ich ha­be an­de­re Ta­len­te.“Und doch wä­re sein 2013 ge­grün­de­tes Start-up oh­ne den Ein­satz von Com­pu­tern und Soft­ware nicht so er­folg­reich und schnell ge­wach­sen. Da­von sind der 36-Jäh­ri­ge und sei­ne Ehe­frau Ge­ral­di­ne mehr als über­zeugt.

Vor zwei Jah­ren war der zehn Mann star­ke Hand­werks­be­trieb an ei­nem kri­ti­schen Punkt. Ver­wal­tung, Pla­nung, Kal­ku­la­tio­nen – „da ha­be ich noch al­les selbst ge­macht“, er­zählt Jo­hann Bet­cher, Va­ter von drei Kin­dern. 18-St­un­denTa­ge wä­ren kei­ne Sel­ten­heit ge­we­sen. Da ha­be er nicht nur den Ent­schluss ge­fasst, „drin­gend not­wen­di­ge“Pro­gram­me zu kau­fen, um die Ar­beit zu er­leich­tern. Auch Auf­tritt und äu­ße­res Er­schei­nungs­bild des Un­ter­neh­mens soll­ten ei­ne an­spre­chen­de Form an­neh­men. Wer­bung und Mar­ke­ting – „das muss al­les or­dent­lich sein“, sagt Ge­ral­di­ne Bet­cher.

Ge­mein­sam mit ei­nem Gra­fik­bü­ro aus Reut­lin­gen, das Grün­der un­ter­stützt, ha­be man das Fir­men­lo­go kre­iert und den In­ter­net­auf­tritt ge­stal­tet. Heu­te um­fasst die Home­page von Bet­chers Un­ter­neh­men Blo­gEin­trä­ge, Droh­nen­bil­der und Vi­de­os; die Fahr­zeu­ge wie die Klei­dung der Mit­ar­bei­ter ha­ben ein ein­heit­li­ches Aus­se­hen. Da­zu ist Jo­hann Bet­cher auf Face­book ver­tre­ten.

Das Bei­spiel des Hei­den­hei­mer Un­ter­neh­mens zeigt, wie die Di­gi­ta­li­sie­rung im Hand­werk Ein­zug hält, wie Be­trie­be die neu­en Tech­ni­ken für sich nut­zen – und vor al­lem, wie dig­tal af­fi­ne Hand­wer­ker Kon­kur­ren­ten ab­hän­gen, die kei­ne Home­page ha­ben und nicht per E-Mail er­reich­bar sind. Da­bei geht es nicht nur um Mar­ke­ting und Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern vor al­lem auch um die di­gi­ta­le Op­ti­mie­rung von Ver­wal­tung und Pro­duk­ti­on.

Oh­ne Ver­wal­tungs­soft­ware, sagt Jo­hann Bet­cher, kä­me auf je­den vier­ten Mit­ar­bei­ter ei­ne Voll­zeit­kraft im Bü­ro. Ins­ge­samt ar­bei­ten der­zeit 17 Mit­ar­bei­ter, nicht al­les sind 100-Pro­zent-Stel­len, in dem Zim­me­rei- und Holz­bau­be­trieb, dar­un­ter vier Lehr­lin­ge und zwei Meis­ter. Und ge­ra­de die Meis­ter, die teu­ers­ten Ar­beits­kräf­te, hät­ten frü­her oft und viel Bü­ro­ar­beit ma­chen müs­sen, weil sie die nö­ti­ge be­triebs­wirt­schaft­li­che Aus­bil­dung ha­ben, so Bet­cher. Dank der Di­gi­ta­li­sie­rung ha­be man die Zeit der Meis­ter im Bü­ro auf 30 bis 40 Pro­zent re­du­zie­ren kön­nen. Un­ter­stützt wer­den sie da­bei von zwei Halb­tags­kräf­ten. „Des­halb ha­ben wir ja al­les um­ge­stellt“, sagt Ge­ral­di­ne Bet­cher, „da­mit er mehr drau­ßen sein kann. Das ist es, was er liebt.“Und vor al­lem ist Jo­hann Bet­cher dort für sein Un­ter­neh­mem am wert­volls­ten. Als nächs­tes plant er, iPads auf Bau­stel­len zu ver­wen­den, um ir­gend­wann völ­lig pa­pier­frei zu ar­bei­ten. Auch in ei­ne di­gi­ta­le Zei­ter­fas­sung, am bes­ten per Smart­pho­ne, will Bet­cher in­ves­tie­ren.

Ei­ne sol­che Zei­ter­fas­sung hat der Bau­un­ter­neh­mer Si­mon Haag schon seit 2015 in sei­nem Be­trieb, doch ge­ra­de bei der ei­gent­li­chen Bau­tä­tig­keit greift Haag im­mer öf­ter auf di­gi­ta­le Tech­nik zu­rück. „Wir sind noch am An­fang der Di­gi­ta­li­sie­rung“, sagt der 45-Jäh­ri­ge, „bis heu­te wa­ren die Ein­spa­run­gen sehr groß“, er ent­de­cke noch im­mer wei­te­res Po­ten­zi­al.

Wach­sen soll sein Un­ter­neh­men al­ler­dings nicht, Si­mon Haag will die Be­triebs­grö­ße von rund 250 Mit­ar­bei­tern – knapp 130 da­von am Stand­ort Neu­ler (süd­west­lich von Ell­wan­gen), der Rest ver­teilt sich auf die Stand­or­te Glauchau (Sach­sen) und Rom­mels­hau­sen

Di­gi­ta­li­sie­rung

(öst­lich von Stutt­gart) – hal­ten. Der Grund da­für sei die zu­neh­men­de Ge­schwin­dig­keit bei tech­ni­schen In­no­va­tio­nen. „Da wol­len wir vor­ne mit da­bei sein und das Tem­po hal­ten“, er­klärt Haag. Gleich­zei­tig per­so­nell zu wach­sen, er­schei­ne ihm nicht sinn­voll. Mit der Di­gi­ta­li­sie­rung kom­me „ei­ne Rie­sen­wel­le auf uns zu. Wir müs­sen Pro­zes­se um­stel­len“, ist er sich si­cher. Um „vor­ne mit da­bei zu sein“, hat der Ge­schäfts­füh­rer von Haag-Bau, das sein Va­ter Edu­ard Haag als Ein-Mann-Un­ter­neh­men 1970 ge­grün­det hat, be­reits viel in­ves­tiert. Ei­nen Bag­ger mit der neu­es­ten Tech­nik aus­zu­rüs­ten, kos­te 60 000 Eu­ro, vier von 16 Bag­gern sind schön aus­ge­rüs­tet. Der Pro­zess der Di­gi­ta­li­sie­rung wird nie­mals auf­hö­ren“, sagt Haag.

GPS statt Pf­lö­cke und Schnü­re

Vor we­ni­gen Jah­ren wur­de der Ver­lauf ei­ner Stra­ße, die es zu bau­en galt, noch mit Pf­lö­cken und Schnü­ren mar­kiert, er­zählt Si­mon Haag. Heu­te sei­en al­le not­wen­di­gen In­for­ma­tio­nen und Plä­ne dank ei­nes klei­nen Com­pu­ters auf dem Bag­ger samt Sa­tel­li­ten­or­tung ver­füg­bar. Um mil­li­me­ter­ge­nau zu ar­bei­ten, müss­ten die Sa­tel­li­ten­da­ten noch prä­zi­siert wer­den – durch Geo­re­fe­ren­zie­rung, heißt an­hand be­kann­ter Or­te und Be­zugs­punk­te. Haag nutzt da­zu Tech­nik der ame­ri­ka­ni­schen Fir­ma Trim­ble, ei­nes An­bie­ters in­te­grier­ter geo­dä­ti­scher Sys­te­me. So weiß der Bag­ger­fah­rer ganz ge­nau, was Haag im Bü­ro ge­plant hat und wo zu gr­a­ben ist. Kommt es zu Ab­wei­chun­gen, bei­spiels­wei­se wenn ein gro­ßer St­ein er­for­dert, dass man Ab­was­ser­roh­re und -an­schlüs­se ein paar Me­ter wei­ter weg als ge­plant plat­ziert, wer­den die Plä­ne mit den Da­ten des Bag­gers ak­tua­li­siert. Dann wis­sen auch ein paar Mo­na­te spä­ter die nächs­ten Bau­ar­bei­ter ganz ge­nau, wo der An­schluss ver­gra­ben wur­de und kön­nen dort wei­ter­ar­bei­ten.

Plan­än­de­run­gen hät­ten auch oft zur Fol­ge ge­habt, so Haag, dass Ma­te­ri­al fehl­te, weil man mehr ver­baut hat. Das ha­be man aber oft erst sehr spät be­merkt. Dann muss­te man ganz schnell je­man­den los­schi­cken, der ein paar Me­ter Roh­re kauft. Jetzt gibt die Soft­ware so­fort an, dass mehr Ma­te­ri­al be­nö­tigt wird und es kommt zu kei­nem über­ra­schen­den Eng­pass. Doch trotz al­ler di­gi­ta­ler Un­ter­stüt­zung sei man ins­ge­samt nicht schnel­ler ge­wor­den, sagt Si­mon Haag. Zwar ha­be sich die Zeit auf der Bau­stel­le ver­kürzt, aber da­für daue­re nun die Vor­be­rei­tungs­pha­se län­ger. Po­si­ti­ver Ef­fekt da­bei ist laut Haag, dass man durch die ver­kürz­te Bau­zeit we­ni­ger an­fäl­lig sei für Stö­run­gen al­ler Art wie zum Bei­spiel schlech­te Wit­te­rung.

Der nächs­te Schritt für Si­mon Haag ist das teil­au­to­no­me Fah­ren der schwe­ren Ma­schi­nen. Schon heu­te wer­de das Pla­nier­schild der Rau­pe vom Com­pu­ter ge­steu­ert. In Zu­kunft wer­den noch mehr As­sis­tenz­sys­te­me da­für sor­gen, dass sich die Ma­schi­nen selbst am Plan ent­lang­tas­ten Bau­un­ter­neh­mer Si­mon Haag

und ih­re Ar­beit ver­rich­ten. So kön­ne man ei­nem Bag­ger bei­spiels­wei­se ei­nen „di­gi­ta­len Kä­fig“zu­wei­sen, in dem er sich dann be­we­gen und ar­bei­ten kann. Der Bag­ger­füh­rer ist dann kein Fah­rer mehr, son­dern über­nimmt die Rol­le ei­nes Über­wa­chers. In Zu­kunft wer­de es auch mög­lich sein, kom­plet­te Bau­pro­jek­te zu si­mu­lie­ren, so Haag. Dann ge­be es nicht nur ei­nen drei­di­men­sio­na­len Plan der Bau­stel­le, son­dern mit Zeit und Kos­ten kä­men dann ei­ne vier­te und fünf­te Di­men­si­on da­zu. Dann wis­se man in der Pla­nungs­pha­se be­reits, zu wel­chen Zeit­punkt wel­che Kos­ten auf der Bau­stel­le ent­ste­hen.

Doch die Di­gi­ta­li­sie­rung bringt nicht nur Po­si­ti­ves mit sich. Sie schafft auch neue Ab­hän­gig­kei­ten von der Tech­nik, wie Si­mon Haag er­fah­ren muss­te. Pro­ble­me mit der Da­ten­über­tra­gung sei­tens sei­nes In­ter­net­an­bie­ters hät­ten sei­nen Be­trieb schon ein­mal für ei­nen gan­zen Tag lahm­ge­legt. Die Di­gi­ta­li­sie­rung trägt au­ßer­dem zum Fach­kräf­te­man­gel bei, wie Ana­ly­sen des Bun­des­am­tes für Ar­beit ge­nau­so zei­gen wie Um­fra­gen der Hand­werks­kam­mern. So man­gelt es an nach neu­es­ten tech­ni­schen Stan­dards aus­ge­bil­de­ten Fach­kräf­ten – vor al­lem in Hand­werks­be­trie­ben. Und nicht zu­letzt auch des­we­gen, weil die In­dus­trie sich eben­falls um sie be­müht.

Ängs­te der Hand­wer­ker

Nicht nur im Be­reich Per­so­nal tre­ten In­dus­trie und Hand­werk im Zu­ge der Di­gi­ta­li­sie­rung in Kon­kur­renz mit­ein­an­der. Auch bei den Pro­duk­ten und Di­enst­leis­tun­gen buh­len die bei­den Wirt­schafts­zwei­ge im­mer mehr um die glei­chen Kun­den. Durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ist es nun auch in­dus­tri­ell ge­präg­ten Un­ter­neh­men mög­lich, Pro­duk­te in­di­vi­du­ell an­zu­fer­ti­gen: So tre­ten bei­spiels­wei­se Un­ter­neh­men wie mass­tisch.de durch zen­ti­me­ter­ge­naue, auf per­sön­li­che Wün­sche ab­ge­stimm­te An­ge­bo­te in Kon­kur­renz mit je­dem Schrei­ner. Die­se Ent­wick­lung ist ei­ne der gro­ßen Ängs­te des Hand­werks, wie die Stu­die „Hand­werk 2025“des ba­den­würt­tem­ber­gi­schen Hand­werks­tags und Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums zeigt. Die Hand­werks­be­trie­be be­fürch­ten, bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on ab­ge­hängt zu wer­den von In­dus­trie­un­ter­neh­men,

de­nen mehr Res­sour­cen und Ka­pi­tal zur Ver­fü­gung ste­hen.

Deutsch­lands obers­ter Hand­wer­ker, Hans Pe­ter Woll­sei­fer, Prä­si­dent des Zen­tral­ver­ban­des des Deut­schen Hand­werks, ist den­noch op­ti­mis­tisch: „Es geht kein Weg dar­an vor­bei, dass die Di­gi­ta­li­sie­rung auch das Hand­werk grund­le­gend ver­än­dert. Das birgt Ri­si­ken, aber nach un­se­rer Auf­fas­sung und auch der der Be­trie­be über­wie­gen die Chan­cen. Wir un­ter­stüt­zen sie da­bei, die­se Chan­cen zu nut­zen“, sagt Woll­sei­fer im In­ter­view mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Und Un­ter­stüt­zung wün­schen sich die Hand­wer­ker laut der Stu­die „Hand­werk 2025“in Zu­sam­men­hang mit der Di­gi­ta­li­sie­rung nicht nur bei der Ent­wick­lung und Um­set­zung pas­sen­der Stra­te­gi­en, son­dern auch bei der Au­sund Wei­ter­bil­dung, bei der Ver­net­zung der Be­trie­be und bei der ziel­füh­ren­den Nut­zung ih­rer Da­ten zur Wert­schöp­fung.

Nur wenn das si­cher­ge­stellt ist, wer­den Trend­set­ter wie Jo­hann Bet­cher oder Si­mon Haag zur Re­gel – und die Di­gi­ta­li­sie­rung ent­wi­ckelt sich für das Hand­werk zum Se­gen. Und nicht zum Fluch.

„Der Pro­zess der Di­gi­ta­li­sie­rung wird nie­mals auf­hö­ren.“

Im Sü­den ge­hö­ren Hand­wer­ker mit ih­rem Kön­nen und ih­ren Fer­tig­kei­ten zu den tra­gen­den Säu­len der Wirt­schaft. Doch die Be­trie­be ste­hen vor gro­ßen Um­brü­chen: Nicht nur die Di­gi­ta­li­sie­rung, auch die Ener­gie­wen­de und die Su­che nach Fach­kräf­ten stellt vie­le Hand­wer­ker vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Wie Bä­cker, Mau­rer, Zim­me­rer, Dach­de­cker, Metz­ger und Schrei­ner mit die­sen Ve­rän­de­run­gen um­ge­hen, zeigt die Se­rie „Un­ser Hand­werk“in der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Am Don­ners­tag geht es um die In­te­gra­ti­ons­fä­hig­keit des Hand­werks. Die Se­rie läuft bis En­de Ju­ni und ist on­li­ne zu fin­den un­ter

Ei­nen Vi­de­obei­trag zum The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung, der zeigt, wie Bag­ger per Sa­tel­lit ge­steu­ert wer­den und kom­mu­ni­zie­ren, gibt es un­ter

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