Jo­del­wahn­sinn ent­puppt sich als herz­er­fri­schend und zeit­kri­tisch

Über zwei­ein­halb St­un­den geht die über­ra­schen­de Ver­an­stal­tung in der Al­ten Kir­che

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER -

RUL­FIN­GEN (bay) - Na­he­zu 100 Mu­sik­freun­de hat­ten sich am Frei­tag­abend in der Al­ten Kir­che ein­ge­fun­den, um ei­nen ech­ten mu­si­ka­li­schen Le­cker­bis­sen zu ge­nie­ßen, der ganz im Zei­chen ei­nes nicht all­täg­li­chen ba­ju­wa­ri­schen Ge­sangs- und In­stru­men­tal­tri­os stand, das sich „Bai­risch Dia­to­ni­scher Jo­del­wahn­sinn“nann­te. Ein­ge­la­den wur­de das Trio vom För­der­ver­ein der Mu­sik­fest­wo­chen Do­nau Ober­schwa­ben, des­sen künst­le­ri­scher Lei­ter Gun­tram Bu­mil­ler ex­tra aus Ehin­gen an­ge­reist war, um das Pu­bli­kum will­kom­men zu hei­ßen. Gut zwei­ein­halb St­un­den lang ver­aus­gab­ten sich die drei Mu­sen­kin­der aus In­ning am Am­mer­see im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Pe­tra Amas­rei­ter, Wolf­gang Ne­u­mann und Ot­to Gött­ler, der Grün­der des En­sem­bles, zo­gen sämt­li­che Re­gis­ter ih­res breit­ge­fä­cher­ten Kön­nens.

Zünf­tig, flott und herz­er­fri­schend griff das Trio zu den In­stru­men­ten und sang den Ti­tel „Auf geht’s und los geht’s“. Dass es so urig und über wei­te Stre­cken auch zu­dem ein abend­li­cher bay­ri­scher Sprach­kurs wer­den soll­te, dar­über zeig­te sich das Pu­bli­kum eins ums an­de­re Mal über­rascht und be­geis­tert. Man muss­te schon ge­nau­er hin­hö­ren, was die drei ge­sang­lich und mund­art­lich zu sa­gen hat­ten. Aber Ot­to Gött­ler, ein ex­zel­len­ter Zie­h­or­gel-, Trom­pe­ten­und Tu­ba-Spie­ler, be­ton­te gleich zum Kon­zert­be­ginn, dass nicht den gan­zen Abend lang ge­jo­delt wür­de und klär­te auf, dass der Jod­ler ver­mut­lich kein Freu­den­schrei ist, son­dern eher ein Schmer­zens­schrei.

Mu­si­ker ver­tei­len Plas­tik­tü­ten

Bei ei­nem sar­kas­ti­schen „Hoch auf die Plas­tik­tü­te“wur­den die­sel­ben Kunst­stoff­be­hält­nis­se vom Trio im Pu­bli­kum ver­teilt und die Zu­hö­rer muss­ten da­mit je­des Mal beim Vor­und Zwi­schen­spiel kräf­tig mit­mi­schen – ein ech­tes nicht all­täg­li­ches Mu­sik­erleb­nis, das bei al­len gut an­kam. Im Blues-For­mat folg­te ein „Jam­mer­jod­ler“, der nicht nur in Rich­tung Do­nald Trump ge­münzt war, son­dern auch die Ma­chen­schaf­ten der Fifa und an­de­re „Ma­cher“zeit­kri­tisch ins Vi­sier nahm. Das war ein re­gel­rech­tes mu­si­ka­li­sches Spek­ta­kel, denn das Trio wech­sel­te lau­fend die In­stru­men­te.

Flie­gen­der In­stru­men­ten­wech­sel

Hat­te Gi­tar­rist Wolf­gang Ne­u­mann zu­vor noch die Sai­ten ge­schla­gen, griff er als­bald zur Tin Whist­le, ei­ner iri­schen Blech­flö­te. Vio­li­nis­tin Amas­rei­ter nahm die Block­flö­te zur Hand und All­round­mu­si­kus Ot­to Gött­ler spiel­te auf ei­ner Mi­ni-Dia­to­ni­schen, die als Eng­li­sche Kon­zerti­na be­zeich­net wird; die sin­gen­de Sä­ge be­herrscht Gött­ler auch. So­wohl lei­se als auch lau­te Tö­ne schwirr­ten durch die Al­te Kir­che bei den selbst­ge­bas­tel­ten Tex­ten und Stü­cken wie: „Dr Bua hat in ein La­ser­schwert ge­langt“oder „In der Lie­be die Lei­den­schaft be­wah­ren.“Als ein um­ju­bel­tes In­stru­men­tal­stück soll­te sich „Der Fin­ger­hak­ler“er­wei­sen; hier ließ Pe­tra Amas­rei­ter ein Vio­li­ne-Piz­zi­ca­to vom Sta­pel, un­ter­stützt von Ot­to Gött­ler auf der Tu­ba und Wolf­gang Ne­u­mann mit der Gi­tar­re.

Ei­ne „Lie­bes­bal­la­de“von der grü­nen In­sel durf­te im lei­se­ren Pro­gramm­teil auch nicht feh­len, wie der skur­ri­le Song übers „Kof­f­e­in“im Kaf­fee mit der Po­in­te „I trink lie­ber Tee mit Te­ein.“„I sitz un­ter dr Bru­cken“be­fass­te sich mit den Wohn­sitz­lo­sen in un­se­rer Ge­sell­schaft. Rum­ba- und Tan­go-Rhyth­men hat­ten die drei vom „Bai­risch Dia­to­ni­schen Jo­del­wahn­sinn“eben­so in ih­rem Re­per­toire, wie im­mer wie­der ih­re selbst kom­po­nier­ten und ge­tex­te­ten Stü­cke, die kri­tisch aber auch herz­lich die bay­ri­sche Le­bens­art und Kul­tur be­leuch­te­ten. Am En­de for­der­te fre­ne­ti­scher Bei­fall et­li­che Zu­ga­ben.

FO­TO: BAY

Das Trio „Bai­risch Dia­to­ni­scher Jo­del­wahn­sinn“(v.l.) Wolf­gang Ne­u­mann, Pe­tra Amas­rei­ter und Ot­to Gött­ler.

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