May will trotz Schlap­pe Re­gie­rung bil­den

Bri­ti­sche Wäh­ler stra­fen kon­ser­va­ti­ve Pre­mier­mi­nis­te­rin ab – Un­ge­duld in EU wächst

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ERSTE SEITE - Von Se­bas­ti­an Bor­ger

LON­DON (dpa/AFP/ume) - Trotz der Ver­lus­te bei der Par­la­ments­wahl in Groß­bri­tan­ni­en hält Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May an ih­rem Macht­an­spruch fest und will das Land aus der EU füh­ren. Am Frei­tag bat sie Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. um die Er­laub­nis zur Re­gie­rungs­bil­dung – ob­wohl die von May ge­führ­ten Kon­ser­va­ti­ven bei der Wahl die ab­so­lu­te Mehr­heit der Man­da­te ver­lo­ren hat­ten.

Noch am sel­ben Tag be­gan­nen ers­te Ge­sprä­che über ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung der To­ries mit Un­ter­stüt­zung der nord­iri­schen De­mo­cra­tic Unio­nist Par­ty (DUP). Die­ses Bünd­nis wer­de „Ge­wiss­heit“brin­gen und das Land durch die am 19. Ju­ni be­gin­nen­den Br­ex­it-Ge­sprä­che füh­ren, be­kräf­tig­te May nach ih­rem Queen-Be­such.

Die Ab­stim­mung über die 650 Sit­ze im Lon­do­ner Un­ter­haus en­de­te er­nüch­ternd für die Kon­ser­va­ti­ven, die weit un­ter den ei­ge­nen Er­war­tun­gen blie­ben. Sie ka­men nach Aus­zäh­lung fast al­ler Stim­men auf 318 Man­da­te, 13 we­ni­ger als bei der Wahl 2015. Die op­po­si­tio­nel­le La­bour-Par­tei ge­wann 29 Sit­ze hin­zu und kommt auf 261 Sit­ze. Für ei­ne Al­lein­re­gie­rung wä­ren min­des­tens 326 Man­da­te im Par­la­ment nö­tig ge­we­sen.

Cor­byn for­dert Mays Rück­tritt

Auch La­bour-Par­tei­chef Je­re­my Cor­byn, der für ei­nen „wei­che­ren“Br­ex­it steht, hat­te am Frei­tag­mor­gen an­ge­kün­digt, er sei be­reit, „Ver­hand­lun­gen im Na­men des Lan­des zu füh­ren“. Der 68-Jäh­ri­ge for­der­te May auf, nach der Schlap­pe zu­rück­zu­tre­ten. Sie ha­be „Stim­men, Un­ter­stüt­zung und Ver­trau­en“ver­lo­ren.

Die schot­ti­sche Re­gie­rungs­che­fin Ni­co­la Stur­ge­on trat für ei­ne Ab­kehr vom Kon­zept des „har­ten Br­ex­it“ein. Das „rück­sichts­lo­se“Ver­fol­gen die­ser Vor­stel­lung durch die Re­gie­rung May müs­se „auf­ge­ge­ben wer­den“, sag­te die Che­fin der Schot­ti­schen Na­tio­nal­par­tei in Edin­burgh. May ha­be ih­re „Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren“.

Die Ver­hand­lun­gen über die um­strit­te­nen Plä­ne zum EU-Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens müs­sen bis En­de 2019 ab­ge­schlos­sen sein, sonst schei- det das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich oh­ne Ver­trag oder Über­gangs­re­gie­rung aus der EU aus. Die Fol­gen für Wirt­schaft und Po­li­tik wä­ren in die­sem Fall kaum ab­seh­bar.

Bei der EU wächst in­des die Un­ge­duld. „So­weit es die EU be­trifft, kön­nen wir mit den Ver­hand­lun­gen mor­gen früh um halb zehn be­gin­nen“, sag­te Kom­mis­si­ons­chef Je­anClau­de Juncker. „Wir war­ten al­so auf Be­su­cher aus Lon­don.“Zeit­plan und Po­si­tio­nen der EU da­zu sei­en klar, be­ton­te Ver­hand­lungs­füh­rer Mi­chel Bar­nier. Juncker zeig­te sich nicht be­reit, über ei­ne Frist­ver­län­ge­rung zu spre­chen. Der Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te El­mar Brok sieht mit dem Wah­l­er­geb­nis in Groß­bri­tan­ni­en die Ge­fahr stei­gen, dass die Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen schei­tern. „Das wä­re dann ein wirk­lich har­ter Br­ex­it“, sag­te der CDU-Au­ßen­po­li­ti­ker im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. „Das hat Frau May an­ge­rich­tet“. Brok be­zwei­felt zu­dem, ob sich die Pre­mier­mi­nis­te­rin im Amt hal­ten kann. „Die Au­to­ri­tät von The­re­sa May ist ka­putt“, er­klär­te er.

Schulz er­war­tet Dy­na­mik

In Ber­lin wa­ren die Re­ak­tio­nen auf die Wahl ge­mischt. Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) wer­te­te den Wahl­aus­gang als Si­gnal ge­gen ei­ne har­te Kon­fron­ta­ti­on mit der EU. „Ich fin­de, die Bot­schaft der Wahl ist: Macht fai­re Ge­sprä­che mit der EU und über­legt noch mal, ob es ei­gent­lich gut für Groß­bri­tan­ni­en ist, in die­ser Art und Wei­se aus der EU aus­zu­schei­den“, sag­te Ga­b­ri­el in Wol­fen­büt­tel. SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz be­zeich­ne­te das Wah­l­er­geb­nis als „schal­len­de Ohr­fei­ge“für Br­ex­it-Be­für­wor­ter. „Ich glau­be, dass da jetzt ei­ne gro­ße Dy­na­mik rein­kommt.“

Auch nach An­sicht von Volks­wir­ten ist nach Mays Wahl­schlap­pe ein har­ter Bruch zwi­schen Groß­bri­tan­ni­ens und der EU vom Tisch. Ei­ne Ei­ni­gung mit Lon­don bei den Br­ex­itVer­hand­lun­gen sei wahr­schein­li­cher ge­wor­den, sag­te Com­merz­ban­kChef­öko­nom Jörg Krä­mer am Frei­tag.

LON­DON - Nie­der­la­ge? Wel­che Nie­der­la­ge? Un­ver­wandt schaut The­re­sa May in die Ka­me­ras vor dem Amts­sitz des bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ters in der Dow­ning Street und spricht mit fes­ter Stim­me. Na­tür­lich ist von den be­vor­ste­hen­den Br­ex­itVer­hand­lun­gen die Re­de, auch der Kampf ge­gen is­la­mis­ti­sche Ex­tre­mis­ten fin­det Er­wäh­nung. Und dann spricht May, ein we­nig ku­ri­os, über ih­re „Freun­de und Al­li­ier­ten“. Ge­meint sind die zehn Ab­ge­ord­ne­ten der nord­irisch-unio­nis­ti­schen Par­tei DUP. Mit de­nen wer­de sie fünf Jah­re lang „im In­ter­es­se des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs zu­sam­men­ar­bei­ten“, sagt die hoch­ge­wach­se­ne Frau im blau­en Ko­s­tüm und ver­schwin­det has­tig mit Ehe­mann Phil­ipp hin­ter der be­rühm­ten schwar­zen Tür.

Un­gläu­big schau­en sich die zu­rück­blei­ben­den Jour­na­lis­ten an: Hat May tat­säch­lich ih­re De­mü­ti­gung bei der Un­ter­haus­wahl durch die bri­ti­schen Wäh­ler mit kei­nem Wort er­wähnt? Sprach da gera­de die Vor­sit­zen­de je­ner Par­tei, die bis Mit­te April mit ei­ge­ner Mehr­heit im Un­ter­haus re­gier­te, bei der vor­ge­zo­ge­nen Wahl aber trotz Stim­men­ge­win­nen Man­da­te ver­lo­ren hat, wes­halb sie jetzt bei der Re­gie­rungs­bil­dung auf die Un­ter­stüt­zung pro­tes­tan­ti­scher Fun­da­men­ta­lis­ten an­ge­wie­sen ist? Auf ei­nen Schlag ver­deut­licht May ih­re Schwä­che: Von po­li­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­steht die höl­zer­ne Re­gie­rungs­che­fin we­nig. „Bi­zar­re Re­de, fal­scher Ton, kei­ne De­mut“, fasst ei­ne Jour­na­lis­tin des „Guar­di­an“ih­ren Ein­druck zu­sam­men. Dass die Pre­mier­mi­nis­te­rin mit sol­chen Me­tho­den ei­ne gan­ze Le­gis­la­tur­pe­ri­ode durch­ste­hen kann, be­zwei­feln vie­le.

Die Mit­glie­der der Re­gie­rungs­par­tei ha­ben zu die­sem Zeit­punkt den schlimms­ten Schock be­reits ver­daut. Wie vie­le An­ge­hö­ri­ge der op­po­si­tio­nel­len La­bour-Par­ty moch­ten sie am Don­ners­tag­abend um 22 Uhr nicht glau­ben, was nach Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le die ge­mein­sa­me Pro­gno­se der gro­ßen TV-Sen­der den Bri­ten ver­kün­de­te: Mays schö­ner Plan ei­nes Erd­rutsch­sie­ges ist an der Rea­li­tät von La­bour-Chef Je­re­my Cor­byns dy­na­mi­scher Wahl­kam­pa­gne ge­schei­tert. 314 Sit­ze lau­tet die Vor­her­sa­ge für die To­rys, am En­de der Nacht wer­den es 318 sein – zu we­nig für die Al­lein­re­gie­rung, zu der 322 Man­da­te nö­tig sind.

Schon ge­gen Mit­ter­nacht ging bei den To­rys hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand die Dis­kus­si­on über die Par­tei- vor­sit­zen­de los. Ob der Br­ex­it-Vor­kämp­fer Bo­ris John­son, zu­letzt we­nig glück­lich agie­ren­der Au­ßen­mi­nis­ter, ei­ne neue Chan­ce auf den Um­zug in die Dow­ning Street er­hält? Oder gar Br­ex­it-Mi­nis­ter Da­vid Da­vis, der in ver­trau­li­chen Ge­sprä­chen mit Jour­na­lis­ten nie ver­säumt, auf sei­ne Vor­zü­ge hin­zu­wei­sen.

Am En­de wagt sich kei­ner der ehr­gei­zi­gen Her­ren aus der De­ckung. Die knapp wie­der­ge­wähl­te Pro-Eu­ro­päe­rin An­na Sou­bry ist ge­gen 4.30 Uhr die ers­te, bleibt aber auch die ein­zi­ge Kon­ser­va­ti­ve, die of­fen May in­fra­ge stellt. „Un­se­re Kam­pa­gne war furcht­bar“, sagt die Ab­ge­ord­ne­te aus der Nä­he von Not­ting­ham. „The­re­sa May muss ih­re Po­si­ti­on über­den­ken.“

Das sieht La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn, 68, ähn­lich. Fröh­lich lässt sich der Herr im dunk­len An­zug und ro­ter Kra­wat­te in sei­nem Nord-Lon­do­ner Wahl­kreis Is­ling­ton fei­ern. Er ha­be Po­li­tik im­mer als Ver­tre­tung für die An­lie­gen der Bür­ger ver­stan­den, von die­sen aber auch „viel ge­lernt“, be­tont der Ve­te­ran von neun Wahl­kämp­fen und weist auf die höchs­te Be­tei­li­gung in sei­nem Wahl­kreis seit 1951 hin. Da­mit be­nennt der Op­po­si­ti­ons­füh­rer auch ei­nen der Grün­de für sei­nen Er­folg: Cor­byn hat es nicht nur ge­schafft, jun­ge Leu­te für die An­lie­gen der So­zi­al­de­mo­kra­ten zu be­geis­tern. Sie sind auch, an­ders als von vie­len Mei­nungs­for­schern vor­aus­ge­sagt, „zur Wahl ge­gan­gen“, sagt John Cur­ti­ce, Po­li­to­lo­ge an der Glas­go­wer Stra­th­cly­de-Uni­ver­si­tät.

Das hat er­heb­li­che Aus­wir­kun­gen: La­bour holt 40 Pro­zent der Stim­men (plus zehn) und ge­winnt Man­da­te da­zu. In Can­ter­bu­ry ja­gen die So­zi­al­de­mo­kra­ten dem seit 30 Jah­ren am­tie­ren­den To­ry-Br­ex­it­be­für­wor­ter Ju­li­an Bra­zier das Man­dat ab. Zum ers­ten Mal seit 99 Jah­ren wird die Uni- und Bi­schofs­stadt nicht von ei­nem Kon­ser­va­ti­ven ver­tre­ten. In der In­dus­trie­stadt Sh­ef­field, die mitt­ler­wei­le von Uni­ver­si­tä­ten ge­prägt ist, ver­liert der frü­he­re Vi­ze­pre­mier und li­be­ral­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­chef Nick Clegg sein Man­dat.

Ei­ne „Re­van­che der Ju­gend“

Ei­ne Hand voll Pro­mi­nen­ter hat­te den Ur­nen­gang zum Ab­schied aus dem Par­la­ment ge­nutzt, oh­ne die öf­fent­li­che De­mü­ti­gung ei­ner Wahl­nie­der­la­ge zu ris­kie­ren. Da­zu zählt Ex-Fi­nanz­mi­nis­ter Ge­or­ge Os­bor­ne, den die da­mals frisch­be­ru­fe­ne Pre­mier­mi­nis­te­rin im Ju­li bru­tal aus dem Amt jag­te. Mitt­ler­wei­le am­tiert der smar­te To­ry-Re­for­mer als Chef­re­dak­teur der Lon­do­ner Abend­zei­tung „Evening Stan­dard“.

Ei­ne an­de­re Po­lit-Aus­stei­ge­rin sieht dem Zwist bei den To­rys dis­tan­ziert zu. Ver­gan­ge­nes Jahr zähl­te die deutsch­stäm­mi­ge La­bour-Ab­ge­ord­ne­te Gi­se­la Stuart zu den pro­mi­nen­ten Br­ex­it-Vor­kämp­fern, jetzt hat sie ih­ren Wahl­kreis in Bir­ming­hamEdg­bas­ton für La­bour Preet Gill er­obert. Die ers­te Ab­ge­ord­ne­te, die der Sikh-Re­li­gi­on an­ge­hört, wird im Un­ter­haus zwei bis­her un­ter­re­prä­sen­tier­te Grup­pen ver­stär­ken, die dies­mal gut ab­ge­schnit­ten ha­ben: 51 An­ge­hö­ri­ge eth­ni­scher Min­der­hei­ten wer­den das ho­he Haus be­völ­kern.

Die Wahl kom­me „ei­ner Re­van­che der Ju­gend für den Br­ex­it“gleich, sagt der kon­ser­va­ti­ve Ex-Par­la­men­ta­ri­er Mat­t­hew Par­ris. Der an­ge­se­he­ne His­to­ri­ker Si­mon Scha­ma bringt es auf den Punkt: Der har­te Br­ex­it sei tot, die Pre­mier­mi­nis­te­rin lie­ge auf der po­li­ti­schen In­ten­siv­sta­ti­on. Aber die De­mo­kra­tie, „die ist quick­le­ben­dig – toll“.

FOTO: AFP

Ziel nicht er­reicht: Die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May hat­te sich von den Neu­wah­len ein sta­bi­les Macht­fun­da­ment für die Br­ex­it- Ver­hand­lun­gen ver­spro­chen – und hat nun an Zu­stim­mung ver­lo­ren.

FOTO: AFP

Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May – hier mit Ehe­mann Phi­lip – hält trotz der neu­en Mehr­heits­ver­hält­nis­se an der Re­gie­rungs­bil­dung fest – und am Br­ex­it.

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