Le­ben an der Stadt­mau­er – ein uri­ges Ge­fühl

Der Gam­mer­tin­ger Er­win Zei­ler lebt zeit sei­nes Le­bens an der his­to­ri­schen Stadt­mau­er

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ALB/ LAUCHERT - Von Ignaz Stös­ser

GAMMERTINGEN - Zeit sei­nes Le­bens hat der Gam­mer­tin­ger Er­win Zei­ler an der his­to­ri­schen Stadt­mau­er ge­lebt - zu­nächst im El­tern­haus, das et­wa im Jahr 1570 ge­baut wur­de, und da­nach in ei­nem Neu­bau, den er mit sei­ner Fa­mi­lie in der ehe­ma­li­gen Scheu­ne des Hau­ses, eben­falls an der Stadt­mau­er er­rich­tet hat. „Es ist ein uri­ges Ge­fühl, hier zu woh­nen“, sagt der 63-jäh­ri­ge frü­he­re Lok­füh­rer.

Das Le­ben in der Nach­kriegs­zeit war ent­beh­rungs­reich – in dem al­ten Haus an der Stadt­mau­er um­so mehr. Der Groß­va­ter Zei­lers hat­te es 1910 ge­kauft. Ge­heizt wur­de mit Holz, ein Bad gab es nicht, das Klo war ein so­ge­nann­tes Plumps­klo, das im ers­ten Stock an der Au­ßen­wand hing. Er­win Zei­ler schlief zu­nächst mit sei­nen zwei Ge­schwis­tern im Wohn­zim­mer. Kin­der­zim­mer gab es erst spä­ter. Er­win muss­te dann sei­nes mit dem klei­ne­ren Bru­der tei­len. Das Zim­mer kleb­te so­zu­sa­gen an der Stadt­mau­er. „Ein Bad ha­ben wir re­la­tiv früh be­kom­men“, sagt Zei­ler. „Mein Va­ter war stän­dig be­müht, das Haus in Schuss zu hal­ten und die An­nehm­lich­kei­ten des mo­der­nen Le­bens ein­zu­rich­ten.

Doch die Wän­de und die Bö­den wa­ren schräg, die Zim­mer nied­rig. So­lan­ge der Jun­ge klein war, ist das kein Pro­blem ge­we­sen, spä­ter muss­te sich der 1,91 Zen­ti­me­ter gro­ße Mann in ver­schie­de­nen Räu­men des Hau­ses bü­cken. „Al­les ist krumm und schief, aber es hat bis heu­te ge­hal­ten“, sagt er vol­ler Be­wun­de­rung. Vor al­lem auf dem Dach­bo­den zeigt sich das Al­ter des Hau­ses. Hier ist nicht nur der Ei­chen­dach­stuhl zu er­ken­nen, son­dern es wird auch deut- lich, dass die tra­gen­den Ele­men­te des gan­zen Hau­ses aus Holz­bal­ken und -pfos­ten be­ste­hen. Der Hei­mat­kund­ler Bo­tho Wall­dorf macht dar­auf auf­merk­sam, dass der Dach­stuhl ruß­ge­schwärzt ist. Das ge­be es heut­zu­ta­ge kaum noch zu se­hen. „Vor Jahr­hun­der­ten wa­ren die Häu­ser ka­min­los“, weiß er.

An­fang der 80er-Jah­re hat Er­win Zei­ler für sei­ne Fa­mi­lie die an das Wohn­haus an­gren­zen­de Scheu­ne um­ge­baut. Im Nor­den ver­lief die Stadt­mau­er, die Sei­ten­wän­de muss­ten eben­falls als his­to­ri­sches Mau­er­werk er­hal­ten wer­den. Der in­zwi­schen ver­stor­be­ne Gam­mer­tin­ger Ar­chi­tekt Pe­ter Mi­che­li hat die Plä­ne er­stellt. An der Stadt­mau­er zu bau­en, war al­ler­dings auch da­mals nicht gera­de ein­fach. Auch wenn die Zei­lers heu­te froh sind, an der Stadt­mau­er zu woh­nen, wa­ren sie nah dran, ihr Vor­ha­ben auf­zu­ge­ben. Zwei­mal muss­ten die Plä­ne ge­än­dert wer­den, weil das Denk­mal­amt nicht al­le Vor­schlä­ge des Ar­chi­tek­ten gut fand. „Wenn das so wei­ter­geht, bleibt hier al­les, wie es ist“, schimpf­te der Bau­herr.

Zen­tra­le La­ge

Schließ­lich ei­nig­te man sich, und so blieb die Mau­er für ihn sein Le­ben lang prä­sent. Das Woh­nen an der Stadt­mau­er hat sei­ne Vor­zü­ge: „Wir kön­nen al­les in we­ni­gen Mi­nu­ten zu Fuß er­rei­chen“, sagt Er­win Zei­ler. Und trotz­dem sei es vor dem Haus ru­hig und son­nig, und jen­seits der Mau­er kön­ne man auf der Nord­sei­te den Blick ins Grü­ne ge­nie­ßen. In­nen wirkt das Haus neu­zeit­lich. Von der Stadt­mau­er ist nicht all­zu viel zu se­hen. Le­dig­lich die Lei­bun­gen an ei­ni­gen Fens­tern sind 1,60 Me­ter tief. Neue Durch­brü­che durf­ten die Zei­lers nicht ma­chen. Dar­um gibt es auf der Nord­sei­te im Erd­ge­schoss kaum Fens­ter.

Er­win Zei­lers El­tern sind in­zwi­schen ge­stor­ben, die Mut­ter erst vor we­ni­gen Mo­na­ten. Das al­te Haus sieht von au­ßen schmuck aus. Ne­ben der Ein­gangs­tür hängt ei­ne Ta­fel, die es als äl­tes­tes Haus von Gammertingen aus­weist. In­nen ist es al­ler­dings re­no­vie­rungs­be­dürf­tig. Da der Va­ter vor 20 Jah­ren starb, wur­de seit­her kaum noch was ver­än­dert. Die drei Zei­ler-Ge­schwis­ter ha­ben noch kei­ne Lö­sung für das Haus im Blick. „Vor et­li­chen Jah­ren hat es ein Fach­mann an­ge­schaut und Vor­schlä­ge zur Re­no­vie­rung ge­macht“, sagt Zei­ler. Knapp 100 000 Eu­ro wür­de es kos­ten, ei­ne oder zwei ei­ni­ger­ma­ßen mo­der­ne Woh­nun­gen ein­zu­rich­ten. „Vi­el­leicht ent­schließt sich ja ei­nes un­se­rer fünf En­kel­kin­der, mal hier zu woh­nen“, hofft Er­win Zei­ler. Das wä­re die fünf­te Zei­ler-Ge­ne­ra­ti­on, die an der Gam­mer­tin­ger Stadt­mau­er lebt.

FO­TOS: IGNAZ STÖS­SER

Er­win Zei­ler hat die Gam­mer­tin­ger his­to­ri­sche Stadt­mau­er selbst sa­nie­ren las­sen, als er jen­seits der Mau­er die el­ter­li­che Scheu­ne zu sei­nem Wohn­haus aus­bau­te.

Aus dem Ba­de­zim­mer der Fa­mi­lie Zei­ler kann man durch die Stadt­mau­er hin­durch ins Grü­ne bli­cken. Die Lei­bung des Fens­ters ist hier 1, 60 Zen­ti­me­ter tief.

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