Die Fah­nen auf Halb­mast

EU wür­digt Kohl als „gro­ßen Staats­mann“

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ZUM TODE HELMUT KOHLS - Von Da­nie­la Wein­gärt­ner

Karl-Heinz Schrei­ber brach­te den St­ein ins Rol­len. Die CDU hat­te schwar­ze Kas­sen, Hel­mut Kohl wuss­te dies, sie ge­hör­ten zu sei­nem Sys­tem, ab und zu Orts­ver­bän­den auch fi­nan­zi­ell un­ter die Ar­me zu grei­fen.

Kohl aber be­rief sich auf sein Eh­ren­wort, er schwieg ei­sern und wei­ger­te sich bis zu­letzt, die Na­men der um­strit­te­nen heim­li­chen Spen­der zu nen­nen. Ver­bit­tert hat­te er 2000 den Eh­ren­vor­sitz der Par­tei nie­der­legt.

Jah­re spä­ter sag­te Mer­kel, die Af­fä­re kön­ne die his­to­ri­sche Leis­tung des Po­li­ti­kers Kohl nicht an­grei­fen. Doch ganz ver­söhnt war die Par­tei mit ih­rem eins­ti­gen Eh­ren­vor­sit­zen­den bis zu­letzt nicht. Kei­ne Rie­sen­fes­te, son­dern Sym­po­si­en wa­ren zu Eh­ren Kohls run­den Ge­burts­ta­gen an­ge­sagt. Nur die Par­tei­zen­tra­le in sei­ner Hei­mat Rhein­land-Pfalz wur­de zu sei­nem 85. Ge­burts­tag in „Hel­mut-Kohl-Lan­des­ge­schäfts­stel­le“um­be­nannt. BRÜS­SEL - Die Fah­nen in Brüs­sels Eu­ro­pa­vier­tel hin­gen am Frei­tag auf Halb­mast. Die Prä­si­den­ten al­ler drei EU-In­sti­tu­tio­nen - Do­nald Tusk als Chef des Ra­tes der Re­gie­run­gen, An­to­nio Ta­ja­ni als Vor­sit­zen­der des EUPar­la­ments und Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker – wür­dig­ten Hel­mut Kohl als gro­ßen Staats­mann und Eu­ro­pä­er. Be­son­ders be­trof­fen zeig­te sich Juncker, für den Kohl ein po­li­ti­scher Zieh­va­ter war. „Er wird uns feh­len, denn er war Eu­ro­pa und mir per­sön­lich ein ech­ter Ver­trau­ter und Ver­bün­de­ter“, schrieb Juncker.

Eh­ren­bür­ger­schaft Eu­ro­pas

Nur drei Men­schen ha­ben bis­lang die Eh­ren­bür­ger­schaft Eu­ro­pas er­hal­ten: Grün­der­va­ter Je­an Mon­net, der bis­lang er­folg­reichs­te Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Jac­ques Delors und eben Kohl. Er gilt als Er­fin­der der Ein­heits­wäh­rung und war de­ren glü­hends­ter Be­für­wor­ter – wohl auch, weil er mit der Ein­füh­rung des Eu­ro die Nach­barn ei­nem wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land ge­gen­über ge­wo­gen zu stim­men hoff­te. Die­ser Plan ist auf­ge­gan­gen – auch wenn der Eu­ro seit der Fi­nanz­kri­se 2008 scharf in die Kri­tik ge­ra­ten ist.

Zu Recht er­in­ner­te Juncker dar­an, dass Kohl stets die Be­deu­tung Eu­ro­pas als Frie­dens­pro­jekt be­tont hat. Er ge­hör­te dem Jahr­gang an, der die Fol­gen des Zwei­ten Welt­krie­ges zwar noch haut­nah mit­er­lebt hat, aber zu jung für den Wehr­dienst und da­mit po­li­tisch un­be­las­tet war. Als 1998 Ger­hard Schrö­der sein Nach­fol­ger wur­de, än­der­te sich der Ton am Tisch der eu­ro­päi­schen Re­gie­rungs­chefs. Wäh­rend Kohl stets be­reit war, für den Er­halt der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung Zu­ge­ständ­nis­se zu ma­chen, stell­te Schrö­der das deut­sche Ei­gen­in­ter­es­se stär­ker in den Vor­der­grund.

Mit dem So­zia­lis­ten François Mit­terand ver­band Kohl ei­ne en­ge Freund­schaft. Bei­de ge­mein­sam er­hiel­ten den Karls­preis. In sei­ner Dan­kes­re­de be­ton­te Kohl die Be­deu­tung der deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft für das Pro­jekt EU. In den Jah­ren, in de­nen die­se bei­den Al­pha-Po­li­ti­ker an der Macht wa­ren, lief der viel be­schwo­re­ne deutsch-fran­zö­si­sche Mo­tor so rei­bungs­los, wie da­nach nie wie­der. Ähn­lich wie Kohl wird auch Juncker nicht mü­de, die Be­deu­tung des eu­ro­päi­schen Ei­ni­gungs­pro­jekts für den Frie­den künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen zu be­to­nen. Bei jun­gen Men­schen, die die­se Zeit nicht mehr er­lebt ha­ben, stößt er da­mit zu­neh­mend auf Un­ver­ständ­nis. Für Hel­mut Kohl aber war der Bau des ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Hau­ses, in dem sich al­le Nach­barn si­cher füh­len kön­nen, ein Le­bens­the­ma.

FO­TO: DPA

Je­an-Clau­de Juncker

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