Sig­ma­rin­gen ent­geht knapp den Bom­ben

Schlech­tes Wet­ter ver­hin­dert Luft­an­griff am 22. Fe­bru­ar 1945.

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ERSTE SEITE - Von Chris­toph War­ten­berg

SIG­MA­RIN­GEN - Joa­chim Streit, ExJet­pi­lot bei der Bun­des­wehr, ist ein Fach­mann für die Ge­schich­te der Luft­kriegs­füh­rung. Er hat jetzt in al­ten Un­ter­la­gen die Be­le­ge da­für ge­fun­den, dass Sig­ma­rin­gen, Men­gen, Scheer und Straß­berg am 22. Fe­bru­ar 1945 von ei­ner US-Bom­ber­staf­fel bom­bar­diert wer­den soll­ten. Le­dig­lich die Wet­ter­la­ge ver­hin­der­te, dass die Bom­ber ih­re Zie­le er­reicht ha­ben und nur Meß­kirch ge­trof­fen wur­de, be­vor die Flug­zeu­ge ab­dre­hen muss­ten.

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs glaub­ten die Sig­ma­rin­ger, un­ter dem be­son­de­ren Schutz des Stadt­hei­li­gen St. Fi­de­lis zu ste­hen. Das Wir­ken des Hei­li­gen Fi­de­lis ha­be die Stadt im April 1945 vor der ge­plan­ten Ver­nich­tung durch ei­nen Bom­ben­an­griff be­wahrt. Ob es nun der hei­li­ge Fi­de­lis war, der das Wet­ter ent­spre­chend be­ein­fluss­te und die Stadt Meß­kirch in Er­man­ge­lung ei­nes Stadt­hei­li­gen ge­trof­fen wur­de, sei da­hin­ge­stellt. Auch er­folg­te der An­griff im Fe­bru­ar, nicht im April.

His­to­risch be­legt ist, dass die Bom­ben­an­grif­fe im Rah­men der Ope­ra­ti­on „Cla­ri­on“er­folg­ten, der größ­ten und weit­räu­migs­ten Luft­an­grif­fe der En­g­län­der und Ame­ri­ka­ner mit 3500 Bom­bern und 3000 Jagd­flug­zeu­gen im Zwei­ten Welt­krieg. Vor al­lem die Ver­kehrs­we­ge soll­ten lahm­ge­legt wer­den, dar­un­ter zahl­rei­che Bahn­hö­fe. Am 23. Fe­bru­ar wur­den Zie­le in Pful­len­dorf, Saul­gau und Men­gen von Jagd­bom­bern an­ge­grif­fen. Ur­sprüng­lich war die Ak­ti­on für ei­ne gan­ze Wo­che ge­plant, konn­te aber nur be­grenzt aus­ge­führt wer­den.

Die An­grif­fe in der Re­gi­on wur­den mit Sech­ser­staf­feln von zwei­mo­to­ri­gen B 26 „Mar­au­der“(Plün­de­rer)-Bom­bern der 320th Bom­bard­ment Group ge­flo­gen, die von der Ba­sis in Do­le na­he Di­jon im fran­zö­si­schen Bur­gund ge­star­tet wa­ren. Beim Flug über das El­sass ver­dich­te­te sich die Be­wöl­kung und nahm dann wei­ter zu, über dem ei­gent­li­chen Ziel­ge­biet er­reich­te sie ei­nen Fak­tor von sie­ben zu zehn in meh­re­ren Schich­ten von et­wa 1700 bis 5000 Me­tern.

De­tail­lier­te Be­rich­te über die An­griffs­zie­le

Über den ge­plan­ten An­griff auf Sig­ma­rin­gen und an­de­re Zie­le gibt es ei­nen de­tail­lier­ten Be­richt des Staf­fel­kom­man­dan­ten Cap­tain Car­ra­her und des Pi­lo­ten Lieu­ten­ant Stei­er. Um 12.13 Uhr ho­ben sechs B 26 ab, um Sig­ma­rin­gen in Deutsch­land (Gü­ter­bahn­hof) zu bom­bar­die­ren. Hin­zu­ge­fügt sind die Ko­or­di­na­ten auf den Land­kar­ten der Pi­lo­ten. Wei­ter heißt es: Das Haupt­ziel wur­de nicht bom­bar­diert we­gen des Wet­ters, sechs B 26 er­reich­ten ein Ge­le­gen­heits­ziel. Sechs B 26 war­fen 42 500-Pfund-Spreng­bom­ben und sechs 500-Pfund Spreng­bom­ben mit sechs bis zwölf St­un­den Zeit­ver­zö­ge­rung aus et­was 2800 Me­tern Hö­he ab“. Die­se Spreng­bom­ben mit Zeit­zün­der wa­ren be­son­ders ge­fähr­lich. St­un­den nach­dem die Be­völ­ke­rung glaub­te, der Bom­ben­an­griff sei vor­bei, ex­plo­dier­ten die­se und for­der­ten un­ter Um­stän­den neue Op­fer.

Die Bom­ben fie­len dann, re­la­tiv sinn­los, auf ein Wald­stück süd­lich von Freiburg, wo­mit auch das Aus­weich­ziel ver­fehlt wur­de. Der Be­richt gibt als Recht­fer­ti­gung an, dass auf­grund ei­ner Fehl­funk­ti­on der Ziel­ein­rich­tung die Bom­ben zu früh ab­ge­wor­fen wur­den. Fo­to­gra­fiert wur­de das „Ziel“nach dem Ab­wurf nicht. Es gab kei­ne Ver­lus­te und kei­ne Be­schä­di­gun­gen an den Ma­schi­nen, heißt es im Be­richt.

Nach Meß­kirch wa­ren sie­ben B 26 un­ter­wegs, die 49 500-Pfun­dSpreng­bom­ben und sie­ben 500Pfund-Zeit­zün­der­bom­ben ab­war­fen. Cap­tain Hill und Cap­tain Breus­set­te (wohl ein fran­zö­si­scher Pi­lot) be­rich­ten von „ex­zel­len­ter Kon­zen­tra­ti­on im Ziel­be­reich“. Es gab 35 To­te und 95 Ver­letz­te. In der Ge­gend um den Bahn­hof wur­den bei die­sem An­griff zwölf Häu­ser zer­stört und 24 schwer be­schä­digt.

Die Bom­ben auf Straß­berg (wie auch Alb­stadt und Laut­lin­gen) wur­den auf den Bahn­hof von St. Ge­or­gen im Schwarz­wald ab­ge­wor­fen, die für Scheer be­stimm­ten Bom­ben fie­len auf den Bahn­hof von Löp­pin­gen und die für Men­gen vor­ge­se­he­nen Bom­ben wur­den auf den Bahn­hof von Gei­sin­gen ab­ge­wor­fen.

FO­TO: AR­CHIV

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Bom­ber vom Typ B 26 „Mar­au­der“flo­gen am 22. Fe­bru­ar 1945 die An­grif­fe auf die Re­gi­on.

FO­TO: AR­CHIV

Die Volks­bank in Meß­kirch wur­de voll­stän­dig zer­stört.

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