Ein Pott­wal für Am­rum

Stück für Stück set­zen Prä­pa­ra­to­ren in Nord­dorf ein gut elf Me­ter lan­ges Pott­walske­lett zu­sam­men

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - WISSEN - Von Bir­git­ta von Gyl­den­feldt

NORD­DORF AUF AM­RUM (dpa) - In ei­nem ehe­ma­li­gen Schwimm­be­cken in Nord­dorf auf der Nord­see­insel Am­rum ste­hen al­te Schul­ti­sche und Werk­bän­ke. Dar­auf lie­gen Ge­win­de­stan­gen, Schrau­ben­dre­her, Ak­ku­schrau­ber. Auf der Fens­ter­bank und am Be­cken­rand sta­peln sich rie­si­ge Kno­chen­res­te. Auf dem Be­cken­bo­den steht ein Me­tall­stän­der, dar­auf liegt schon ein halb fer­tig auf­ge­bau­tes Pott­walske­lett. Das Kno­chen­ge­rüst ei­nes 2016 in der Nord­see vor Hel­go­land ver­en­de­ten Jung­bul­len soll der Mit­tel­punkt ei­ner Wal­aus­stel­lung im Na­tur­zen­trum Am­rum wer­den.

Rück­blen­de: An­fang 2016 stran­den 30 jun­ge, männ­li­che Pott­wa­le an den Küs­ten von Deutsch­land, den Nie­der­lan­den, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich. Al­lein 16 Ka­da­ver trei­ben in der deut­schen Nord­see an. Nach meh­re­ren Ta­gen ha­ben Ver­we­sungs­ga­se die mas­si­gen Kör­per auf­ge­bläht, sie dro­hen zu ex­plo­die­ren. Vie­le to­te Kör­per lan­den in der Tier­kör­per­ver­wer­tungs­an­stalt; ei­ni­ge der Ske­let­te wer­den prä­pa­riert und in Mu­se­en oder Na­tur­zen­tren wie hier auf Am­rum aus­ge­stellt.

Auf­wen­di­ge Ar­beit

Prä­pa­ra­tor Re­en­hard Klu­ge steht im ehe­ma­li­gen Ein­schwimm­be­cken des Bads. Mit dem Fort­schritt der Auf­bau­ar­bei­ten ist der Ex­per­te aus Bre­mer­ha­ven zu­frie­den: „Das ist ein gu­tes Ske­lett.“Seit rund fünf Wo­chen ar­bei­ten Klu­ge und sei­ne Frau Heidrun Strunk an dem Ske­lett. Nor­ma­ler­wei­se wer­den die Ske­let­te an der De­cke auf­ge­hängt. In die­sem Fall muss das Ske­lett aber auf ei­nem Stän­der­werk ste­hen. „Das macht es ein biss­chen schwie­ri­ger“, sagt Klu­ge. Aber: Der Ar­chi­tekt traut dem Hal­len­dach das Ge­wicht des Ske­letts nicht zu. Al­lein der Kopf des gut elf Me­ter lan­gen Kno­chen­ge­rüsts wiegt mehr als 750 Ki­lo­gramm.

Der et­wa drei Me­ter lan­ge Kopf muss­te zu­erst auf­ge­stellt wer­den. „Das war ziem­li­che Mil­li­me­ter­ar­beit“, sagt der Lei­ter des Na­tur­zen­trums, Hen­ning Vol­mer. „Der Schä­del hät­te kei­ne 20 Zen­ti­me­ter län­ger sein dür­fen.“

Vom Schä­del ar­bei­tet sich das Prä­pa­ra­to­ren-Duo Wir­bel für Wir­bel nach hin­ten, be­vor Brust­bein, Rip­pen und an­de­re Kno­chen an­ge­bracht wer­den. Klu­ge steht auf ei­ner Lei­ter, ei­ne Bohr­ma­schi­ne in der Hand. „Jetzt wird’s lau­ter“, sagt er. Er will wei­te­re Ge­win­de­stan­gen be­fes­ti­gen, die die Ein­zel­tei­le zu­sam­men­hal­ten.

Ei­ne Fäh­re brach­te das zer­leg­te Kno­chen­ge­rüst im Herbst 2016 auf die In­sel. Vie­le Frei­wil­li­ge hal­fen, die Kno­chen zum ehe­ma­li­gen Nord­dor­fer Schwimm­bad zu brin­gen, wo die neue Aus­stel­lung über das Le­ben der Wa­le und den nord­frie­si­schen Wal­fang im 17. und 18. Jahr­hun­dert ent­ste­hen soll. Vol­mer hofft, die Schau im Herbst er­öff­nen zu kön­nen.

Bis da­hin ist aber noch ei­ni­ges zu tun: Erst wenn das gro­ße Ske­lett voll­stän­dig steht, kann der Rest der Aus­stel­lung dar­um her­um ge­baut wer­den. Sie soll bei­spiels­wei­se über den Wal­fang und die Bio­lo­gie der Wa­le in­for­mie­ren. Kurz­fil­me und Vi­de­os über das Stran­den und Zer­le­gen der rie­si­gen Tie­re vor ein­ein­halb Jah­ren sol­len ge­zeigt wer­den, ei­ne Un­ter­was­ser­pro­jek­ti­on von Pott­walen soll über die Rück­wand der Hal­le flim­mern.

Ins­ge­samt kos­tet das Pro­jekt rund 300 000 Eu­ro. Et­wa die Hälf­te der Kos­ten wer­den von ver­schie­de­nen Trä­gern über­nom­men. Der Rest muss un­ter an­de­rem aus Spen­den fi­nan­ziert wer­den.

Ein Teil des Ske­letts wer­den die Be­su­cher al­ler­dings nicht in der Aus­stel­lung se­hen. Die Zäh­ne des Wals sind nur Nach­bil­dun­gen. Die ech­ten aus El­fen­bein lie­gen im Sa­fe.

FO­TO: CARS­TEN REH­DER

Seit fünf Wo­chen ar­bei­ten die Prä­pa­ra­to­ren am Ske­lett des Mee­res­säu­gers.

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