„Die Su­che nach den Men­schen ließ mich nicht los“

Ma­thi­as Michaelis wird Pries­ter – In sei­ner Hei­mat­ge­mein­de Scheer fin­det am 16. Ju­li die Pri­miz statt

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER - Von Jen­ni­fer Kuhl­mann

SCHEER - Nein, ei­ne Stim­me ha­be er nicht ge­hört und auch mit ei­nem be­son­de­ren Be­ru­fungs­er­leb­nis kön­ne er nicht die­nen, sagt Ma­thi­as Michaelis. Die Mög­lich­keit Pries­ter zu wer­den, sei viel­mehr zu­nächst von au­ßen an ihn her­an­ge­tra­gen wor­den. Erst mit den Jah­ren ent­deck­te der heu­te 35-Jäh­ri­ge, dass er sich zu­neh­mend mit die­sem Be­ruf be­schäf­tig­te. Nach zwölf Jah­ren Schu­le, Stu­di­um, Pries­ter­se­mi­nar und ei­nem Jahr als Dom­dia­kon in Rot­ten­burg wird Michaelis am 8. Ju­li zum Pries­ter ge­weiht. Sei­ne Pri­miz, al­so den ers­ten Got­tes­dienst, den er selbst nach sei­ner Wei­he hält, wird am Sonn­tag, 16. Ju­li, in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de Scheer statt­fin­den.

„Im Nach­hin­ein ha­ben wohl die meis­ten in mei­nem Um­feld eher ge­wusst, dass ich Pfar­rer wer­de, als ich selbst“, sagt Michaelis und lacht. Ob­wohl er sich seit sei­ner Ju­gend in­ten­siv in der Kir­chen­ar­beit der Ge­mein­de St. Ni­ko­laus in Scheer en­ga­giert hat, sei ihm nie der Ge­dan­ke ge­kom­men, auch be­ruf­lich in die­se Rich­tung zu ge­hen. Als Mi­nis­trant, Ober­mi­nis­trant, Kom­mu­ni­on­hel­fer, Kan­tor und Lek­tor fühl­te er sich wohl, sein Geld ver­dien­te er aber nach ei­ner Aus­bil­dung zum Kran­ken­pfle­ger im Eli­sa­be­then­kran­ken­haus in Ravensburg. „Das wur­de da­mals noch von den Fran­zis­ka­ne­rin­nen von Reu­te ge­führt und das dort ver­an­ker­te christ­li­che Men­schen­bild in der Pfle­ge war mir wich­tig“, sagt er.

Po­si­ti­ve Rück­mel­dun­gen

Dann fiel im Jahr 2003 Pfar­rer Fe­lix Kreuz­ber­ger aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den aus und Ma­thi­as Michaelis wur­de ge­be­ten, die Sonn­tags­an­d­ach­ten zu über­neh­men. „Das war na­tür­lich ei­ne Her­aus­for­de­rung, hat mir aber auch un­heim­lich Spaß ge­macht“, sagt er. Die And­ach­ten hät­ten sich am Kir­chen­jahr ori­en­tiert und er ha­be schnell ei­nen gu­ten Zu­gang zur Li­t­ur­gie be­kom­men. „Ich ha­be mir über­legt, dass ich den Ge­mein­de­mit­glie­dern et­was bie­ten muss, für das es sich lohnt, den Berg zur Kir­che in Scheer hin­auf­zu­stei­gen“, sagt er. Die Art, wie er neue The­men aus­ge­sucht und auf­be­rei­tet ha­be, sei bei den Men­schen gut an­ge­kom­men. „Ich ha­be vie­le po­si­ti­ve Rück­mel­dun­gen in die Rich­tung be­kom­men, dass ich wirk­lich et­was trans­por­tie­ren wür­de und sie gern zu den And­ach­ten kä­men“, sagt er.

Zwei Jah­re ver­gin­gen, in de­nen Michaelis je­den zwei­ten Sonn­tag ei­ne And­acht hielt. „Bei ei­nem Abend­es­sen frag­te mich Pfar­rer Kreuz­ber­ger, ob ich mir nicht mehr vor­stel­len könn­te. Ei­nen pas­to­ra­len Be­ruf zu ler­nen“, er­zählt Michaelis. „Nö, ha­be ich da ge­sagt, ei­gent­lich nicht.“Als dann aber auch ein gu­ter Freund da­mit an­fing, dass ich mein Abitur nach­ho­len und Theo­lo­gie stu­die­ren könn­te, da mir die­ser Be­reich doch so lä­ge, ha­be ich über­haupt erst an­ge­fan­gen, rich­tig nach­zu­den­ken.“Und ja, ir­gend­was ha­be ihn dann doch in die­se Rich­tung ge­zo­gen. Neu­gier, das In­ter­es­se an Glau­bens­fra­gen und na­tür­lich an den Men­schen, ih­rem Le­ben und ih­ren Sor­gen.

Über­rascht war nie­mand

Rich­tig über­rascht sei dann in sei­ner Fa­mi­lie nie­mand ge­we­sen, als er sich 2005 ent­schied, am erz­bi­schöf­li­chen Se­mi­nar Sankt Pir­min in Sas­bach Abitur zu ma­chen und dort nicht nur Latein, Grie­chisch und He­brä­isch zu ler­nen, son­dern sich auch mit Gleich­ge­sinn­ten und un­ter geis­ti­ger Be­glei­tung mit dem Glau­be und Gott zu be­fas­sen. Fünf Jah­re wa­ren es bis zum Abitur. „Die gan­ze Zeit wuss­te ich, dass ich da­nach auch wie­der in mei­nen Be­ruf zu­rück oder et­was ganz an­de­res ma­chen kann“, sagt Michaelis. „Aber ich merk­te, dass die Su­che nach Gott und den Men­schen mich nicht los lässt.“

Das Be­dürf­nis, Men­schen auf ih­rem Weg zu be­glei­ten, mit ih­ren Fra­gen, mit ih­ren Brü­chen, sei im­mer stär­ker ge­wor­den. Dies als Pas­to­ra­lo­der Ge­mein­de­re­fe­rent zu tun, er­schien ihm nicht aus­rei­chend. „Die Nä­he Got­tes an den Weg­kreu­zun­gen des Le­bens spür­bar zu ma­chen, ist mei­ner Mei­nung nach durch die Spen­dung der Sa­kra­men­ten auf ei­ner ganz an­de­ren Ebe­ne mög­lich.“

Dia­kon­wei­he in Stuttgart

Er wech­sel­te 2010 an das Am­bro­sia­num nach Tü­bin­gen und wur­de ein Jahr spä­ter als Pries­ter­kan­di­dat der Diö­ze­se Rot­ten­burg-Stuttgart auf­ge­nom­men. Von 2011 bis Ju­li 2015 stu­dier­te er am in­ter­diö­ze­sa­nen Se­mi­nar Sankt Lam­bert in Lan­ters­ho­fen bei Bonn ka­tho­li­sche Theo­lo­gie. Ab Au­gust 2015 ab­sol­vier­te er im Pries­ter­se­mi­nar in Rot­ten­burg sei­ne pas­to­ral­prak­ti­sche Aus­bil­dung. Nach sei­ner Dia­ko­nen­wei­he im Fe­bru­ar 2016 in Stuttgart kam er schließ­lich als Dom­dia­kon nach Rot­ten­burg.

„In Prak­ti­ka konn­te ich ler­nen, wie ei­ne Seel­sor­ge­ein­heit tickt und hat­te ei­nen Rah­men, mich aus­zu­pro­bie­ren“, sagt Michaelis. Dass die Men­schen ihn auch au­ßer­halb von Scheer po­si­ti­ve Rück­mel­dun­gen ga­ben, ha­be ihm Auf­wind ge­ge­ben. „Für mich ist es wich­tig, auch als Pries­ter au­then­tisch zu sein, auch Feh­ler ma­chen zu dür­fen“, sagt er. „Mei­ne Mor­gen­muf­fe­lig­keit ge­hört ge­nau­so da­zu wie mein Hu­mor, so möch­te ich an­ge­nom­men wer­den.“

„Ich bin als Pries­ter nicht al­lein“

Plötz­lich saß er am Tisch mit den Mi­nis­tran­ten auf der an­de­ren Sei­te. „Aber es ist ein schö­nes Ge­fühl, mit Ju­gend­li­chen und ih­ren auch kri­ti­schen An­fra­gen an Gott und die Kir­che un­ter­wegs zu sein, oder dass ich bei ei­nem Bier mit ih­nen ge­nau­so über al­le es­sen­ti­el­len Fra­gen spre­chen kann wie da­mals, als ich selbst Mi­nis­trant war.“Ein of­fe­nes Ohr für al­le zu ha­ben, das nimmt er sich auch für die Zu­kunft vor. „Ich bin ja als Pries­ter nicht al­lein, nur weil ich im Zö­li­bat le­be“, sagt er. „Ich ha­be ei­nen Freun­des­kreis und in mei­ner künf­ti­gen Kir­chen­ge­mein­de vie­le Men­schen, oh­ne die ich we­der be­ruf­lich noch pri­vat aus­kom­men könn­te.“

Sei­ne Zu­kunft als Pries­ter sieht Ma­thi­as Michaelis „we­der als Schwarz­ma­ler noch mit ei­ner ro­sa­ro­ten Bril­le“. Die Vor­stel­lung, als Pfar­rer mög­li­cher­wei­se ein­mal in ei­ner weit ver­zweig­ten Seel­sor­ge­ein­heit mit meh­re­ren Ge­mein­den zu lan­den, macht ihn nicht ban­ge. Auch da gel­te es, die ei­ge­ne Ba­lan­ce zu fin­den und ein Ge­fühl da­für zu ent­wi­ckeln, wel­ches Po­ten­zi­al an Men­schen vor Ort ist, mit de­nen man ge­mein­sam die Auf­ga­ben be­wäl­ti­gen kann. Wich­tig sei, au­then­tisch zu sein, nicht per­fekt und feh­ler­los.

Dass ihm und sei­ner Pri­miz zu Eh­ren so­gar ein Aus­schuss ge­bil­det wur­de und ein gro­ßes Pro­gramm an­steht, ma­che ihn ver­le­gen, aber auch stolz. Er freut sich schon auf die vie­len Be­geg­nun­gen und die Spen­dung des päpst­li­chen Se­gens (Pri­miz­se­gen), das macht ein Pries­ter nur ein ein­zi­ges Mal in sei­nem Le­ben. Es sei denn, er wird Papst.

FO­TO: JEN­NI­FER KUHL­MANN

Ma­thi­as Michaelis hält sei­nen ers­ten Got­tes­dienst nach der Pries­ter­wei­he am 16. Ju­li in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de in Scheer.

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