El­tern be­kla­gen ver­kapp­tes Schul­geld

Aus ih­rer Sicht soll das Land die Kos­ten für die Schü­ler­be­för­de­rung tra­gen – Ver­wal­tungs­ge­richt ent­schei­det

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - SIGMARINGEN - Von Micha­el He­scheler

SIG­MA­RIN­GEN - ●Vie­le El­tern sind der Mei­nung, dass das Land die Kos­ten für den Schü­ler­ver­kehr kom­plett über­neh­men müss­te: Der Initia­ti­ve „El­tern für El­tern­rech­te“ha­ben sich Tau­sen­de Un­ter­stüt­zer an­ge­schlos­sen. Mo­men­tan zah­len die El­tern in Ba­den-Würt­tem­berg den Lö­wen­an­teil der Kos­ten für die Fahr­kar­ten – jähr­lich rund 220 Mil­lio­nen Eu­ro. „Da­bei han­delt es sich um ein ver­kapp­tes Schul­geld“, sagt Ste­phan Ert­le, der Spre­cher der Initia­ti­ve. Über ein Rechts­gut­ach­ten konn­te die Initia­ti­ve ei­ge­nen An­ga­ben zu­fol­ge nach­wei­sen, dass die gän­gi­ge Pra­xis in Ba­den-Würt­tem­berg recht­lich auf wa­cke­li­gen Bei­nen steht. Um das Land da­zu zu zwin­gen, dies zu än­dern, reich­te ei­ne Fa­mi­lie aus Tü­bin­gen Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Sig­ma­rin­gen ein. Nächs­te Wo­che soll das Ge­richt ent­schei­den.

Ben­ja­min Keck fährt mit dem Schul­bus von sei­nem Hei­mat­ort ins acht Ki­lo­me­ter ent­fern­te Rot­ten­burg/Neckar. Dort geht der 15-Jäh­ri­ge aufs Gym­na­si­um. Sei­ne Schü­ler­mo­nats­kar­te kos­tet 43,30 Eu­ro. Für die mo­men­tan zwei schul­pflich­ti­gen Kin­der der Fa­mi­lie Keck wer­den jähr­lich al­lein für die Bus­fahr­kar­ten et­wa 1000 Eu­ro fäl­lig.

Muster­klä­ger spricht von ei­nem Skan­dal

Da das Ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne Sam­mel­kla­ge zu­ge­las­sen hat, über­nahm Theo Keck als ehe­ma­li­ger Vor­sit­zen­der des Lan­des­el­tern­bei­rats die Mus­ter­kla­ge und ver­klag­te den Land­kreis Tü­bin­gen als Trä­ger der Schü­ler­be­för­de­rung: „Aus­ge­rech­net das gut si­tu­ier­te Ba­den-Würt­tem­berg sieht sich nicht in der La­ge, die Kos­ten für die Schü­ler­be­för­de­rung kom­plett zu über­neh­men – das ist der Skan­dal.“Die Ver­tre­ter des Lan­des­el­tern­bei­rats ver­wei­sen auf die Nach­bar­län­der Bay­ern, Hes­sen und Rhein­land-Pfalz, die die Kos­ten für den Schü­ler­ver­kehr tra­gen. Ins­ge­samt geht es nach An­ga­ben des Lan­des­el­tern­bei­rats um ei­nen Be­trag von 220 Mil­lio­nen Eu­ro, die die El­tern jähr­lich für die Schü­ler­be­för­de­rung aus­ge­ben. „Wir ge­hen da­von aus, dass die­se Sum­me in Zukunft vom Land ge­tra­gen wer­den muss“, gibt sich Ste­phan Ert­le aus Leut­kirch sie­ges­si­cher. Als Mit­glied im Lan­des­el­tern­bei­rat hat er die Dis­kus­si­on schon vor ei­ni­gen Jah­ren an­ge­sto­ßen.

In ei­nem Rechts­gut­ach­ten, das die Initia­ti­ve um Ert­le in Auf­trag ge­ge­ben hat, kommt ei­ne Stutt­gar­ter Kanz­lei zu der Auf­fas­sung, dass die der­zei­ti­ge Pra­xis ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Wahl von Ort und Art der Schu­le ha­be. „Die­se Chan­cen­un­gleich­heit muss weg“, sagt Ert­le. Da­mit ist ge­meint: Fi­nanz­schwa­che Fa­mi­li­en müss­ten sich der­zeit für ei­ne na­he­ge­le­ge­ne Schu­le ent­schei­den, weil sie sich ei­nen wei­te­ren Schul­weg nicht leis­ten könn­ten. Der ge­setz­lich de­fi­nier­te un­ent­gelt­li­che Zu­gang zur Bil­dung deh­ne sich auch auf die Schü­ler­be­för­de­rung aus, so ei­ne wei­te­re zen­tra­le Aus­sa­ge des Gut­ach­ters.

Die Ver­tre­ter der Initia­ti­ve „El­tern für El­tern­rech­te“sind der Mei­nung, dass das vom Land mo­men­tan in die Schü­ler­be­för­de­rung in­ves­tier­te Geld zweck­ent­frem­det wer­de. Die Lan­des­re­gie­rung über­weist hier­für jähr­lich ei­nen Be­trag in Hö­he von 195 Mil­lio­nen Eu­ro an die Krei­se. Rech­net man den Ei­gen­an­teil der El­tern in Hö­he von 220 Mil­lio­nen Eu­ro hin­zu, lä­gen die Aus­ga­ben bei ins­ge­samt 415 Mil­lio­nen Eu­ro. Die Initia­ti­ve ist der Auf­fas­sung, dass das Land tat­säch­lich mit 250 Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich für Schü­ler­be­för­de­rung hin­kom­men wür­de.

Dis­kus­si­on schwelt seit dem Jahr 2011

Im Jahr 2011 ha­ben die Lan­des­el­tern­bei­rä­te da­mit an­ge­fan­gen, sich mit die­sem The­ma zu be­schäf­ti­gen. Sie ba­ten das Ra­vens­bur­ger Land­rats­amt dar­um, die Zah­len des Schü­ler­ver­kehrs of­fen­zu­le­gen, die An­fra­ge wur­de aber im­mer wie­der ab­ge­blockt. „Wir woll­ten an­fangs gar nicht kla­gen, sind aber mit un­se­ren Ver­hand­lun­gen im­mer wie­der ge­schei­tert“, sagt Bri­git­te Reu­ther aus Bad Wurzach.

Die Initia­ti­ve geht da­von aus, dass sie zwi­schen­zeit­lich von 20 000 El­tern un­ter­stützt wird. Vie­le von ih­nen ha­ben die Mo­nats­kar­ten un­ter Vor­be­halt be­zahlt. So kön­nen sie ge­gen­über dem Land ei­ne mög­li­che Rück­for­de­rung gel­tend ma­chen.

Theo Keck und sein Sohn Ben­ja­min wer­den am kom­men­den Don­ners­tag in Sig­ma­rin­gen sein. „Als 15Jäh­ri­ger in­ter­es­siert er sich zwi­schen­zeit­lich auch für das The­ma.“

FO­TOS: MICHA­EL HE­SCHELER

Le­dig­lich Grund­schul­kin­der müs­sen mo­men­tan nichts für die Schü­ler­be­för­de­rung be­zah­len. Die El­tern der an­de­ren Kin­der müs­sen die Mo­nats­kar­te aus ei­ge­ner Ta­sche be­glei­chen.

Be­rei­ten die Kund­ge­bung in Sig­ma­rin­gen vor (von links): Ge­samt­el­tern­bei­rats­vor­sit­zen­der Klaus Rei­mann und die Lan­des­el­tern­bei­rä­te Ste­phan Ert­le und Bri­git­te Reu­ther.

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