Trau­er um No­bel­preis­trä­ger Liu Xiao­bo

We­gen sei­nes Ein­sat­zes für de­mo­kra­ti­sche Re­for­men in Chi­na saß der ver­stor­be­ne Bür­ger­recht­ler Liu Xiao­bo häu­fig im Ge­fäng­nis

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ERSTE SEITE - Von John­ny Er­ling

PE­KING (dpa) Der chi­ne­si­sche Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Liu Xiao­bo ist tot. Das teil­te die Jus­tiz­be­hör­de der Stadt She­nyang, wo der 61-Jäh­ri­ge seit Mit­te Ju­ni un­ter Be­wa­chung im Kran­ken­haus be­han­delt wur­de, am Don­ners­tag mit. Der Bür­ger­recht­ler, der 2009 we­gen „Un­ter­gra­bung der Staats­ge­walt“zu elf Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den war, litt un­ter Le­ber­krebs. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) wür­dig­te Li­us Le­bens­leis­tung und sprach sei­ner Fa­mi­lie ihr „tie­fes Bei­leid“aus.

PE­KING - Der lee­re Stuhl von Os­lo ist zum Sym­bol für Chi­nas be­kann­tes­ten Bür­ger­recht­ler Liu Xiao­bo ge­wor­den: Am Don­ners­tag ist Xiao­bo im Al­ter von 61 Jah­ren an sei­ner Krebs­er­kran­kung ge­stor­ben.

Xiao­bo er­hielt als ers­ter Bür­ger der Volks­re­pu­blik im Ok­to­ber 2010 den Frie­dens­no­bel­preis. Statt stolz zu sein, tob­te Pe­king. Die Re­gie­rung hielt Liu seit Ok­to­ber 2008 ein­ge­sperrt und hat­te ihn En­de 2009 zu elf Jah­ren Haft ver­ur­teilt – aus den glei­chen Grün­den, für den ihn Nor­we­gens No­bel-Kom­mi­tee aus­zeich­ne­te. Der ein­fluss­rei­che Liu for­der­te die De­mo­kra­ti­sie­rung Chi­nas und po­li­ti­sche Re­for­men. Das mach­te ihn für die Par­tei zum po­ten­zi­el­len Staats­um­stürz­ler, be­son­ders, als er sein Frei­heits­ma­ni­fest „Char­ta 08“ver­fass­te in dem er 19 For­de­run­gen nach Frei­heits­rech­ten und nach dem Um­bau Chi­nas zum „kon­fö­de­rier­ten Staa­ten­bund im Rah­men ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ver­fas­sung“stell­te.

Für Os­lo war Liu da­ge­gen ein Auf­klä­rer im bes­ten Sin­ne, der mit fried­li­chen Mit­teln für den evo­lu­tio­nä­ren Wan­del Chi­nas zu rechts­staat­li­chen Ver­hält­nis­sen stritt. Von der Preis­ver­lei­hung am 8. Ok­to­ber 2010 er­fuhr Liu im Ge­fäng­nis. Pe­king ließ we­der ihn noch sei­ne Frau Liu Xia zur Ent­ge­gen­nah­me des Prei­ses nach Nor­we­gen aus­rei­sen. Am En­de stand ein lee­rer Stuhl auf der Büh­ne. Er wur­de das Sym­bol für Liu.

Ver­fol­gung nach Stu­den­ten­pro­test

Sei­ne Ver­fol­gung be­gann im Frühjahr 1989 mit den gro­ßen Stu­den­ten­de­mons­tra­tio­nen, die zum Ti­an’an­menMas­sa­ker des 4. Ju­ni führ­ten. Der da­mals 33-jäh­ri­ge Li­te­ra­tur­do­zent ei­ner Pe­kin­ger Uni­ver­si­tät kehr­te vor­zei­tig von sei­nem USA-For­schungs­auf­ent­halt an der Co­lum­bia-Uni­ver­si­tät im April 1989 zu­rück. Er schloss sich ei­ner Grup­pe li­be­ra­ler In­tel­lek­tu­el­ler an, die mit den De­mons­tran­ten so­li­da­ri­sier­ten. Zu­gleich ver­such­ten sie aber auch, auf die hitz­köp­fi­gen Stu­den­ten mä­ßi­gend ein­zu­wir­ken, die den Ti­an’an­men-Platz be­setz­ten und Hun­ger­streiks in­sze­nier­ten.

Liu war in der Schick­sals­nacht auf den 4. Ju­ni un­ter ih­nen, als die Volks­be­frei­ungs­ar­mee zur Räu­mung des Plat­zes durch die In­nen­stadt an­rück­te und um sich schoss. Er ge­hör­te zu den vier In­tel­lek­tu­el­len, die als Ver­mitt­ler ei­nen Ab­zug der Stu­den­ten mit der Ar­mee­füh­rung aus­han­deln konn­ten. Auf dem be­rühm­ten Platz floss – anders als auf den Zu­fahrts­stra­ßen – in der Nacht kein Blut. Am 6. Ju­ni nah­men ihn Po­li­zis­ten fest. Par­tei-Ideo­lo­gen nann­ten ihn ei­nen „geis­ti­gen An­stif­ter“. 20 Mo­na­te sperr­ten ihn die Be­hör­den ein, oh­ne ihm straf­recht­lich et­was zur Last le­gen zu kön­nen. An­fang 1991 war er frei, aber stig­ma­ti­siert. Für den Bür­ger­recht­ler Liu war der 4. Ju­ni der Wen­de­punkt. Im­mer wieder warn­te er die Mäch­ti­gen, dass sie we­gen Ti­an’an­men zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen würden. Am 18. Mai 1995 wur­de Xiao­bo da­für als Un­ru­he­stif­ter mit acht Mo­na­ten Ar­rest be­straft. Am 8. Ok­to­ber 1996 steck­ten ihn die Be­hör­den des­we­gen nach „ad­mi­nis­tra­ti­vem Po­li­zei­recht“für drei Jahre in La­ger­haft.

Das In­ter­net wur­de sein Me­di­um. Über 1500 kri­ti­sche Ar­ti­kel, Auf­ru­fe und Es­says hat er vor sei­ner Fest­nah­me 2008 ver­öf­fent­licht. Das Ge­richt zi­tier­te sechs Be­rich­te in sei­nem Ur­teil als Be­wei­se für sei­ne an­geb­li­chen Um­sturz­plä­ne.

We­gen sei­nes Le­ber­krebs’ im End­sta­di­um wur­de Xiao­bo in Chi­na vom Ge­fäng­nis in ein Kran­ken­haus im nord­ost­chi­ne­si­schen She­nyang ver­legt. Der For­de­rung, Liu Xiao­bo zur Be­hand­lung ins Aus­land rei­sen zu las­sen, kam Pe­king je­doch bis zum Schluss nicht nach. Das No­bel­ko­mi­tee hat den chi­ne­si­schen Be­hör­den des­we­gen am Don­ners­tag ei­ne er­heb­li­che Mit­ver­ant­wor­tung am Tod Liu Xiao­bos ge­ge­ben.

FO­TO: AFP

Der da­ma­li­ge Vor­sit­zen­de des No­bel­preis-Ko­mi­tees, Thorb­jorn Jagland, im Jahr 2010 ne­ben dem lee­ren Stuhl Liu Xiao­bos.

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