Man­fred Mai ist über­zeugt: Le­sen kann Le­ben ret­ten

Der Win­ter­lin­ger Au­tor stellt sei­nen neu­en Kin­der­ro­man in der Stadt­bü­che­rei vor

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ALB/LAUCHERT - Von Gabriele Loges

GAMMERTINGEN - Bei zwei Le­sun­gen in der Stadt­bü­che­rei hat der Win­ter­lin­ger Au­tor Man­fred Mai „Le­na liest ums Le­ben“vor­ge­stellt. Die vier­te Grund­schul­klas­se hör­te auf­merk­sam zu und er­fuhr im Ge­spräch, wie Man­fred Mai zum Schrei­ben kam. Es geht bei „Le­na“, sei­nem vor kur­zem er­schie­ne­nen zwei­ten Ro­man für Kin­der, um Le­ben und Tod. Kein ein­fa­ches The­ma, bei dem je­doch bei al­ler Dra­ma­tik die Hoff­nung über­wiegt und die Bot­schaft „Ge­schich­ten le­sen, kann Le­ben ret­ten“zen­tral ist.

Die Le­sung wur­de von Re­gio TV teil­wei­se auf­ge­zeich­net. Die Ka­me­ra sorg­te je­doch nur kurz für Ablen­kung, da Man­fred Mai die zwei vier­ten Klas­sen schnell in sei­nen Bann zie­hen konn­te. Er hielt zwei ähn­lich auf­ge­mach­te Bü­cher hoch, bei­de Ti­tel­bil­der stam­men von Quint Buch­holz: Das ers­te, „Wun­der­ba­re Mög­lich­kei­ten“, zeigt ei­nen Jun­gen, der mit ei­nem Buch als Fern­glas in die wei­te Welt blickt: Ma­xi­mi­li­an will al­les ganz ge­nau wis­sen. Das an­de­re Buch, bei dem es eben­falls ums Le­sen geht, zeigt ein Mäd­chen. Für Mai ist es Le­na, die ei­ne Ge­schich­te er­lebt, mit der er „schon sehr lan­ge um­ge­gan­gen“sei: „Das The­ma Le­sen hal­te ich für sehr wich­tig, so­gar le­bens­wich­tig.“Mai, der bei sehr re­nom­mier­ten Ver­la­gen sei­ne zahl­rei­chen Bü­cher ver­legt, konn­te da­für je­doch kei­nen Ver­lag fin­den, weil die­se ei­ne trau­ri­ge Ge­schich­te nicht für kind­ge­recht fan­den. Erst beim jun­gen Fa­bu­lus-Ver­lag stieß er auf In­ter­es­se.

Mai in­sze­niert sei­ne Wor­te

Der Au­tor liest vor, er in­sze­niert sei­ne ei­ge­nen Wor­te mit Mi­mik und Ges­tik, lenkt da­bei mit der Stim­me die Span­nung, wenn das glück­li­che Fa­mi­li­en­le­ben durch ei­ne rät­sel­haf­te Krank­heit be­droht wird. Die Ärz­te kön­nen dem Va­ter von Le­na nicht mehr hel­fen. Jetzt hilft nur noch ein Wun­der oder ei­ne be­son­de­re Me­di­zin. Mai un­ter­bricht die Le­sung und be­weist mit For­schungs­ar­ti­keln: „Men­schen, die er­zäh­len­de Bü­cher le­sen, wer­den äl­ter und sind we­ni­ger krank.“

Ein Mäd­chen fragt, wie er selbst zum Schrei­ben ge­kom­men ist. Die Schü­ler er­fah­ren, dass auch das Schrei­ben, ähn­lich wie das Le­ben, ei­ne Art Le­bens­ret­tung sein kann: „Ich bin Grund-, Haupt- und Re­al­schul­leh­rer. Als ganz jun­ger Leh­rer be­kam ich ei­ne sehr schwie­ri­ge Klas­se, die als Sau­hau­fen ver­schrien war.“In der Klas­se ha­be er sich hilf­los ge­fühlt, aber Zu­hau­se konn­te er dar­über schrei­ben, konn­te den schlimms­ten Schü­ler li­te­ra­risch „pie­sa­cken“, das ha­be ihm gut ge­tan: „Schrei­bend ha­be ich vie­le Din­ge be­grif­fen, das Schrei­ben ist bei mir ent­stan­den, dass ich als Leh­rer Schu­le über­le­ben muss­te.“Bis zum En­de des Schul­jahrs sei das Ver­hält­nis dann gut ge­wor­den und die Schü­ler hät­ten auch lang­sam ge­merkt, dass die Ge­schich­ten und Ge­dich­te, die er ih­nen vor­las, ih­re ei­ge­ne Si­tua­ti­on be­schrie­ben. Die Gam­mer­tin­ger bo­ten Mai an, auch über ih­re Klas­se zu schrei­ben. Ei­ne Schü­le­rin ver­riet so­gar, sie ha­be schon 20 Sei­ten ei­ner Ge­schich­te selbst ge­schrie­ben.

In sei­nen Er­wach­se­nen­ro­ma­nen „Win­ter­jah­re“und „Früh­lings­bo­ten“ste­cke „am meis­ten Man­fred Mai“drin. Aber al­le Bü­cher hät­ten et­was mit ihm zu tun: „Ich sit­ze sel­ten da und er­fin­de nur.“Weil er vie­le un­an­ge­neh­me Tier­ge­schich­ten mit sich her­um­tra­ge, kä­men die­se Tie­re sel­ten in sei­nen Bü­chern vor. Und dann er­zählt er, wie er die Schwei­ne füt­tern muss­te und da­mit auch eke­li­ge Rat­ten aus den Lö­chern ge­lockt ha­be.

Mai wur­de wäh­rend der Le­sung für die Schü­ler zum Ge­sprächs­part­ner: „Ich ste­cke et­was in die­ses Buch und du holst es wie­der auf dei­ne Art her­aus.“Die­se le­ben­di­ge Le­sung wer­den die Schü­ler – im Ge­gen­satz zu an­de­ren Un­ter­richts­stun­den – si­cher nicht ver­ges­sen: Le­sen, Vor­le­sen und Schrei­ben hat et­was mit dem ei­ge­nen Le­ben zu tun. Am Schluss lob­te Mai die bei­den Klas­sen: „Ihr habt sehr gut zu­ge­hört, mit­ge­dacht und klug ge­fragt.“

FO­TO: GABRIELE LOGES

Der Schrift­stel­ler Man­fred Mai liest vor Gam­mer­tin­ger Viert­kläss­lern aus sei­nem Kin­der­ro­man „Le­na liest ums Le­ben“.

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