„Ge­ra­de als Pro-Eu­ro­pä­er bin ich ge­gen mas­sen­haf­te Mi­gra­ti­on“

Ös­ter­reichs Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz er­klärt sei­ne Li­nie in der Flücht­lings­po­li­tik

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

SCHWARZACH - Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz spricht sich nach­drück­lich da­für aus, im Mit­tel­meer ge­ret­te­te Flücht­lin­ge nicht mehr nach Eu­ro­pa zu brin­gen. So­lan­ge die Ret­tung im Mit­tel­meer mit ei­nem Ti­cket nach Mit­tel­eu­ro­pa ver­bun­den sei, „wer­den sich mehr und mehr Men­schen auf den Weg be­ge­ben“, sag­te Kurz im Ge­spräch mit Hen­drik Groth, Clau­dia Kling und Son­ja Sch­lin­gen­sie­pen, Re­dak­teu­rin der „Neu­en Vor­arl­ber­ger Ta­ges­zei­tung“. Se­bas­ti­an Kurz krem­pelt als neu­er Par­tei­chef die kon­ser­va­ti­ve ÖVP um und gilt als Fa­vo­rit für das Bun­des­kanz­ler­amt in Ös­ter­reich.

Herr Kurz, be­fragt nach Än­de­run­gen in der Par­tei hat der frü­he­re ÖVP-Po­li­ti­ker Andre­as Khol ge­meint, dass Mar­me­la­de im­mer Mar­me­la­de bleibt. Was ist neu in der Volks­par­tei?

So viel, dass ich gar nicht ge­nau weiß, wo ich an­fan­gen soll. Es gibt ei­nen neu­en Par­tei­chef, ein neu­es Füh­rungs­team. Es wur­den die Sta­tu­ten ge­än­dert, so dass der Par­tei­chef nicht mehr der ist, der von an­de­ren im Hin­ter­grund ge­steu­ert wird, son­dern wirk­lich Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz hat.

Was be­deu­tet das für Sie als Par­tei­chef?

Ich kann mein Team und auch das Re­gie­rungs­team zu­sam­men­stel­len. Wir tre­ten bei der Na­tio­nal­rats­wahl ganz be­wusst als Be­we­gung an. Zum ei­nen wird auf die Stär­ken der Volks­par­tei ge­setzt. Zum an­de­ren wer­den auch neue Per­sön­lich­kei­ten an Bord ge­holt, die nicht Par­tei­mit­glied sind, aber ver­schie­de­ne Kom­pe­ten­zen mit­brin­gen.

Kön­nen Sie schon sa­gen, wie sich das neue Wahl- und Par­tei­pro­gramm vom al­ten un­ter­schei­den wird?

Ich kann sa­gen, was ich im Land ver­än­dern will. Am Pro­gramm wird der­zeit ge­ar­bei­tet. Die­ses wird – ganz be­wusst – nicht von Mit­ar­bei­tern der Bun­des­par­tei­zen­tra­le ge­schrie­ben. Ich ge­be klar die Li­nie vor, nut­ze aber auch die Ös­ter­reich­ge­sprä­che. Das heißt, ich bin im gan­zen Land un­ter­wegs, um mit Prak­ti­kern, Ex­per­ten und Be­trof­fe­nen zu spre­chen. Heu­te erst zum The­ma Wirt­schafts­stand­ort in ei­nem gro­ßen Vor­arl­ber­ger Tech­no­lo­gie­be­trieb.

Wie se­hen die klar vor­ge­ge­be­nen Li­ni­en aus?

Es gibt drei gro­ße The­men­fel­der, die aus mei­ner Sicht zen­tral sind. Das ei­ne ist der Be­reich des Wirt­schafts­stand­orts. Das an­de­re die Fra­ge: Wie schaf­fen wir es, un­ser So­zi­al­sys­tem wie­der treff­si­che­rer zu ge­stal­ten? Und zum drit­ten das gan­ze The­ma der Mi­gra­ti­on.

Sie sind Top-Fa­vo­rit für das Kanz­ler­amt und könn­ten mit der FPÖ ko­alie­ren. Gibt es dann noch kon­struk­ti­ve Eu­ro­pa­po­li­tik, oder gibt es mehr Or­bán und we­ni­ger Mer­kel?

Ich fin­de es im­mer span­nend, wenn ver­sucht wird, Personen wie mich in ge­wis­se Schub­la­den zu quet­schen. Ich bin ein Pro-Eu­ro­pä­er und Eu­ro­pa­mi­nis­ter und wer­de wei­ter­hin dar­an ar­bei­ten, die­se Eu­ro­päi­sche Uni­on zum Po­si­ti­ven zu ver­än­dern. Und ge­ra­de weil ich Pro-Eu­ro­pä­er bin, bin ich ge­gen mas­sen­haf­te, il­le­ga­le Mi­gra­ti­ons­strö­me nach Eu­ro­pa. Die­ser Weg ist sinn­voll, aber viel­leicht nicht ganz so leicht in ei­ne Schub­la­de zu schie­ben.

Die FPÖ ist ja doch re­la­tiv leicht in ei­ne Schub­la­de zu ste­cken.

Ich bin Par­tei­chef der Volks­par­tei und nicht der FPÖ. Was mög­li­che Ko­ali­tio­nen an­geht, ist zu­nächst ein­mal der Wäh­ler am Wort. Über Ko­ali­tio­nen zu spe­ku­lie­ren, oh­ne zu wis­sen, wel­che Va­ri­an­ten über­haupt ei­ne Mehr­heit ha­ben, da­von hal­te ich nichts. Und was die FPÖ be­trifft – es gibt der­zeit Kon­tak­te zwi­schen den Frei­heit­li­chen und den So­zi­al­de­mo­kra­ten. In­so­fern deu­tet vie­les dar­auf hin, dass die SPÖ ver­sucht, nach der Wahl mit der FPÖ zu ko­alie­ren.

SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz hat die feh­len­de So­li­da­ri­tät mit Ita­li­en be­klagt und kri­ti­siert, dass die eu­ro­päi­schen Staa­ten in Flücht­lings­fra­gen den­sel­ben Feh­ler be­ge­hen wie vor zwei Jah­ren in Grie­chen­land.

Was wur­de vor zwei Jah­ren ge­tan? Die Flücht­lin­ge wur­den von Grie­chen­land nach Mit­tel­eu­ro­pa wei­ter­ge­wun­ken. Das war der Feh­ler. Das war das, was ich von An­fang an kri­ti­siert ha­be. Es gibt kein Jahr, in dem Ös­ter­reich we­ni­ger Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men hat als Ita­li­en oder Grie­chen­land. Die Me­di­en be­rich­ten über an­kom­men­de Flücht­lin­ge oder Mi­gran­ten in Ita­li­en und Grie­chen­land. Es wird aber nicht da­zu­ge­sagt, dass die Asyl­an­trä­ge ganz wo­an­ders ge­stellt wer­den – näm­lich vor al­lem in Ös­ter­reich, Deutsch­land und Schwe­den. In­so­fern kann ich es nicht mehr hö­ren, wenn stän­dig ge­sagt wird, dass Ita­li­en und Grie­chen­land al­lei­ne ge­las­sen wer­den.

Sie for­dern al­so ei­ne kon­se­quen­te Schlie­ßung der Flucht­rou­ten?

Ja. So­lan­ge die Ret­tung im Mit­tel­meer mit ei­nem Ti­cket nach Mit­tel­eu­ro­pa ver­bun­den ist, wer­den sich mehr und mehr Men­schen auf den Weg be­ge­ben, die Schlep­per ver­die­nen gut, und mehr und mehr er­trin­ken im Mit­tel­meer. Die Mit­tel­meer­rou­te muss ge­schlos­sen und die eu­ro­päi­sche Au­ßen­gren­ze ge­si­chert wer­den.

Füh­len Sie sich als Ös­ter­rei­cher von an­de­ren eu­ro­päi­schen Staa­ten im Stich ge­las­sen?

Ich bin je­mand, der kämp­fe­risch ist, und ich ver­su­che, das durch­zu­set­zen, was ich als rich­tig er­ach­te. Als ich 2015 ge­gen die Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen ein­ge­tre­ten bin, wur­de ich in Ös­ter­reich und Eu­ro­pa kri­ti­siert. Heu­te ist das „com­mon sen­se“. Als ich die West­bal­kan­rou­te ge­schlos­sen ha­be, bin ich mas­siv ge­schol­ten wor­den. Heu­te sind al­le froh, dass die­se Rou­te ge­schlos­sen ist. Als ich im April kri­ti­siert ha­be, dass es zwar NGOs gibt, die ei­ne gu­te Ar­beit leis­ten, aber auch sol­che, die mit Schlep­pern zu­sam­men­ar­bei­ten, gab es ei­ne Rie­sen­em­pö­rung. Jetzt sind wir da­bei, Richt­li­ni­en zu be­schlie­ßen, dass NGOs nicht mehr mit Schlep­pern ko­ope­rie­ren kön­nen.

Was ist Ih­re Lö­sung ?

Hil­fe vor Ort aus­bau­en und Men­schen in ei­nem zah­len­mä­ßig ver­kraft­ba­ren Aus­maß auf­neh­men und gleich­zei­tig il­le­ga­le Mi­gra­ti­on un­ter­bin­den. Das be­deu­tet, wer im Mit­tel­meer ge­ret­tet wird, darf nicht nach Mit­tel­eu­ro­pa ge­bracht wer­den.

Son­dern?

An der Au­ßen­gren­ze ge­stoppt, ver­sorgt und zu­rück­ge­schickt wer­den. Aus mei­ner Sicht wi­der­spricht das auch nicht der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on.

FO­TO: KLAUS HARTINGER

Zu Be­such in Vor­arl­berg: Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz (rechts) im Ge­spräch mit Hen­drik Groth und Clau­dia Kling in der Re­dak­ti­on der „Neu­en Vor­arl­ber­ger Ta­ges­zei­tung“.

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