Bel­lo und die Gram­ma­tik

Schwaebische Zeitung (Tettnang) - - KULTUR - ●» r.wald­vo­gel@schwa­ebi­sche.de

Da we­delt der Schwanz mit dem Hund. So sagt man, wenn et­was genau an­ders­her­um läuft, als ei­gent­lich zu er­war­ten ge­we­sen wä­re. In Zei­ten von Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­chen hat die­se Re­dens­art Hoch­kon­junk­tur. Da ge­ben zwi­schen­durch die klei­ne­ren Part­ner den grö­ße­ren die Re­geln vor, da trump­fen die Schwä­che­ren ge­gen­über den Stär­ke­ren auf – und prompt sagt oder schreibt wie­der je­mand, da wed­le der Schwanz mit dem Hund. Will hei­ßen: ei­ne ver­kehr­te Welt! Aber die gibt es auch auf an­de­ren Fel­dern, zum Bei­spiel bei der Gram­ma­tik. Un­längst schau­te ein Hund aus die­ser Zei­tung her­aus, die Pfo­ten schon auf dem Zaun, die Zäh­ne ge­fletscht. Und un­ter dem Fo­to stand: „Bel­len­de Hun­de müs­sen Nach­barn zwar im Prin­zip er­tra­gen – al­ler­dings nicht un­be­grenzt.“Da stellt sich schon die Fra­ge: Wer muss da wen er­tra­gen? Darf Bel­lo dem Herrn Mei­er von ge­gen­über wirk­lich ans Ho­sen­bein, wenn er ihn par­tout nicht mehr lei­den kann? Na­tür­lich nicht. Hier ha­pert es le­dig­lich bei der Satz­stel­lung.

Sol­che ir­re­füh­ren­den For­mu­lie­run­gen fin­den sich sehr oft. Aber wo­her rührt die­ses Pro­blem? Stark ver­ein­facht dar­ge­stellt: Im Deut­schen ist die Ab­fol­ge im Satz in der Re­gel: Sub­jekt im No­mi­na­tiv – Verb – Ob­jekt im Ak­ku­sa­tiv. Soll das Ak­ku­sa­tiv­ob­jekt be­tont wer­den, so kehrt sich die Rei­hen­fol­ge je­doch um. Ein Bei­spiel: „Der Va­ter schmückt den Christ­baum.“Al­les klar. „Den Christ­baum schmückt der Va­ter.“Auch klar. Denn das soll hei­ßen: Das hat schon im­mer er ge­macht – und nicht die Mut­ter.

Et­was kom­pli­zier­ter wird es, wenn in der Mehr­zahl die Ar­ti­kel ent­fal­len, denn da kann man dann oft zwi­schen No­mi­na­tiv und Ak­ku­sa­tiv nicht mehr un­ter­schei­den. Ein Bei­spiel: „Kin­der mö­gen Plätz­chen.“Will man

Plätz­chen be­to­nen, et­wa im Ge­gen­satz zu Leb­ku­chen, so heißt der Satz: „Plätz­chen mö­gen Kin­der be­son­ders Rolf Wald­vo­gel Un­se­re Spra­che ist im­mer im Fluss. Wör­ter kom­men, Wör­ter ge­hen, Be­deu­tun­gen und Schreib­wei­sen ver­än­dern sich. Je­den Frei­tag grei­fen wir hier sol­che Fra­gen auf.

ger­ne.“Hier be­wahrt letzt­lich der Kon­text vor ei­nem Miss­ver­ständ­nis. Ganz an­ders sieht es bei fol­gen­dem Bei­spiel aus: „Kin­der mö­gen Omas und Opas – vor al­lem in der Weih­nachts­zeit.“Da ist die Per­spek­ti­ve noch ei­ni­ger­ma­ßen klar. Dreht man den Satz aber um, al­so „Opas und Omas mö­gen Kin­der be­son­ders gern – vor al­lem in der Weih­nachts­zeit“, so hat der Hö­rer oder Le­ser die Qu­al der Wahl.

Oder noch ein et­was an­ders ge­la­ger­ter Fall. „Das Ge­spenst, das Pu­tin fürch­tet“, so schrieb ein gro­ßes deut­sches On­line-Por­tal kürz­lich über ei­nen Ar­ti­kel zur Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on. Auch hier stutzt man kurz: Pu­tin fürch­ten vie­le, aber macht er jetzt so­gar Geis­tern Angst? Könn­te ja sein. Bei man­chen IOC-Funk­tio­nä­ren hat er es auch ge­schafft, wie die­ser Ta­ge zu er­le­ben. Al­ler­dings will der Al­pha-Rü­de im Kreml – wenn es wirk­lich da­bei bleibt – den zu­ge­las­se­nen Sport­lern oh­ne Do­ping-Straf­re­gis­ter den Start wohl gnä­dig frei­stel­len. Al­les an­de­re wä­re auch ein di­cker Hund. Wenn Sie An­re­gun­gen zu Sprachthe­men ha­ben, schrei­ben Sie! Schwä­bi­sche Zei­tung, Kul­tur­re­dak­ti­on, Karl­stra­ße 16, 88212 Ra­vens­burg

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.