Schwaebische Zeitung (Tettnang)

Un­ter­neh­men in glo­ba­ler Haf­tung

Die Schweiz könn­te am Sonn­tag ein Lie­fer­ket­ten­ge­setz be­schlie­ßen, über das Deutsch­land seit Mo­na­ten strei­tet

- Von Jan Dirk Her­ber­mann und Han­nes Koch Peru · Glencore International · Switzerland · Parliament of Singapore · Cottbus · Bern · Guangzhou · Bolivia · Germany · Gerd Müller · Christian Social Union · German Ministry of Economics and Technology · Peter Altmaier · Hubertus Heil · Angela Merkel · 1. FC Union Berlin · United States Department of Commerce · Cerro de Pasco · Handelsverband Deutschland - Der Einzelhandel · Federation of German Consumer Organisations

GENF/BERLIN - Angst, Wut, Ver­zweif­lung. Star­ke Ge­füh­le spie­geln sich in den gro­ßen brau­nen Au­gen des Mäd­chens. Die Klei­ne steht vor der rie­si­gen Zink­mi­ne Cer­ro de Pas­co in Pe­ru. Die Mi­ne ge­hört zum Reich des Schwei­zer Roh­stoff­kon­zerns Glen­co­re. Das ein­drück­li­che Bild des Kin­des prangt auf Pla­ka­ten, die seit Wo­chen in der gan­zen Schweiz hän­gen. Mit dem Kon­ter­fei wer­ben Schwei­zer Un­ter­neh­mens­kri­ti­ker für ih­ren Plan: Die „Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve will die Fir­men im Land zwin­gen, beim Ge­schäf­te­ma­chen im Aus­land pe­ni­bel auf Men­schen­rech­te und Umweltschu­tz zu ach­ten. Und bei Ver­stö­ßen sol­len sie in der Schweiz zur Kas­se ge­be­ten wer­den. Kon­zer­ne, die von Kin­der­ar­beit pro­fi­tie­ren und „Flüs­se ver­gif­ten oder gan­ze Land­stri­che zer­stö­ren, sol­len auch da­für haf­ten“, be­tont der links­li­be­ra­le Po­li­ti­ker Dick Mar­ty, ein Co-Prä­si­dent des Initia­tiv­ko­mi­tees.

An die­sem Sonn­tag wer­den sich die Schwei­zer in ei­ner Volks­ab­stim­mung ent­schei­den, ob sie die ver­schärf­ten Sorg­falts­pflich­ten für ih­re Fir­men jen­seits der Gren­zen gut­hei­ßen. Sa­gen sie Ja, müss­te sich die Wirt­schaft mit ei­nem der schärfs­ten Lie­fer­ket­ten­ge­set­ze der Welt ar­ran­gie­ren. Re­gie­rung und Par­la­ment leh­nen das Kon­zept ab: Die Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve ge­fähr­de „Ar­beits­plät­ze und Wohl­stand in der Schweiz“. Exe­ku­ti­ve und Le­gis­la­ti­ve wer­ben viel­mehr für ei­nen wei­che­ren Ge­gen­vor­schlag. Die­ser Ge­gen­vor­schlag soll in Kraft tre­ten, wenn die Schwei­zer zu der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve Nein sa­gen. Im­mer­hin

räu­men Schwei­zer De­mo­sko­pen der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve ge­wis­se Sie­ges­chan­cen ein.

Im Kern ver­lan­gen die Fir­menskep­ti­ker, dass Schwei­zer Kon­zer­ne ver­pflich­tet wer­den, auch im Aus­land „prä­ven­tiv da­für zu sor­gen, dass kei­ne Men­schen zu Scha­den kom­men und dass die Um­welt nicht zer­stört wird.“Die Kon­zer­ne müss­ten nicht nur ih­re ei­ge­nen Tä­tig­kei­ten über­prü­fen, son­dern auch die Ak­ti­vi­tä­ten ih­rer Toch­ter­fir­men, Zu­lie­fe­rer und Ge­schäfts­part­ner durch­leuch­ten. Falls die Kon­zer­ne je­doch „weg­schau­en“und Scha­den ent­steht, soll den aus­län­di­schen Op­fern erst­mals der Weg zu

Ge­rich­ten in der Schweiz of­fen­ste­hen. Dort könn­ten die Fir­men zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz ver­ur­teilt wer­den. Bis­lang ist der Rechts­weg in der Schweiz in sol­chen Fäl­len nicht of­fen. So lau­te­te der Plan, der bei Po­li­ti­kern von links bis in die bür­ger­li­che Mit­te und selbst bei Fir­men­ei­gen­tü­mern An­klang fin­det. „Die Initia­ti­ve ver­langt et­was, was welt­weit ein Trend ist“, lobt et­wa Pe­ter Stämpfli, Chef ei­nes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­und Druck­un­ter­neh­mens aus Bern.

Bei Kon­zer­nen wie Glen­co­re je­doch löst die Initia­ti­ve Alarm aus. Das Un­ter­neh­men mit Sitz im steu­er­freund­li­chen Kan­ton Zug mu­tier­te ge­ra­de­zu zum Feind­bild der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve. Die Fir­menskep­ti­ker pran­gern meh­re­re Glen­co­re-Pro­jek­te an: „In der von ei­ner Glen­co­re-Toch­ter­fir­ma be­trie­be­nen Zink-, Blei- und Sil­ber­mi­ne Por­co in Bo­li­vi­en kommt es im­mer wie­der zu töd­li­chen Un­fäl­len, die Um­welt ist ver­gif­tet und es schuf­ten auch Min­der­jäh­ri­ge in den Stol­len.“Set­zen sich die Be­für­wor­ter der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve durch, könn­te auf den Roh­stoff­mul­ti ei­ne Wel­le von Scha­dens­er­satz­kla­gen zu­rol­len. Für die Schwei­zer Wirt­schaft könn­te der kom­men­de Sonn­tag al­so nicht ent­schei­den­der sein.

In Deutsch­land liegt ei­ne Ent­schei­dung der­weil noch in wei­ter Fer­ne, wie es scheint: Ziem­lich frus­triert äu­ßer­te sich Mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU) an die­sem Mitt­woch im Ent­wick­lungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges. Er be­klag­te die Blo­cka­de des Lie­fer­ket­ten­ge­set­zes durch das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um und des­sen Chef Pe­ter Alt­mai­er (CDU). Dort sei kei­ne Kom­pro­miss­be­reit­schaft zu er­ken­nen.

Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Mül­ler und Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hubertus Heil (SPD) be­für­wor­ten ein Ge­setz, das deut­sche Un­ter­neh­men für Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in ih­ren aus­län­di­schen Zu­lie­fer­fa­bri­ken haft­bar macht. Seit Mo­na­ten ver­han­deln die Spit­zen der Mi­nis­te­ri­en er­folg­los. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) will dem­nächst mit den be­tei­lig­ten Mi­nis­tern per­sön­lich spre­chen. Frank Schwa­be, SPD-Spre­cher für Men­schen­rech­te, kün­dig­te an, man wer­de das The­ma „in den Ko­ali­ti­ons­aus­schuss“zwi­schen Uni­on und SPD brin­gen, wenn es nicht schnell zu ei­ner Ei­ni­gung kom­me. Der Aus­schuss ist das höchs­te Gre­mi­um der Ko­ali­ti­on zur Kon­flikt­schlich­tung.

Um­strit­ten ist vor al­lem die von Mül­ler und Heil ge­plan­te Haf­tung der Un­ter­neh­men. Hie­si­ge Händ­ler und Pro­du­zen­ten müss­ten sich dann even­tu­ell vor deut­schen Ge­rich­ten ver­ant­wor­ten, wenn es zu Un­fäl­len oder Schä­den in de­ren Zu­lie­fer­fa­bri­ken kommt. Ge­schä­dig­te aus­län­di­sche Be­schäf­tig­te oder Bau­ern könn­ten Kla­gen ein­rei­chen.

Der Han­dels­ver­band (HDE) be­fürch­tet, dass „ein na­tio­na­les Lie­fer­ket­ten­ge­setz die Händ­ler über­for­dert“. An­de­re Wirt­schafts­ver­bän­de kri­ti­sie­ren das Vor­ha­ben eben­falls. Das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ver­sucht nun un­ter an­de­rem die Haf­tung aus dem Ge­setz zu strei­chen. Der grü­ne Ent­wick­lungs­po­li­ti­ker Uwe Ke­ke­ritz sag­te: „Oh­ne zi­vil­recht­li­che Haf­tung kann man sich das Ge­setz schen­ken, denn dann wird es kei­ne Wir­kung ent­fal­ten.“Zahl­rei­che Un­ter­neh­men plä­die­ren eben­falls für das Ge­setz, eben­so wie der Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len (vz­bv).

 ?? FO­TO: THO­MAS TRUTSCHEL/IMAGO IMAGES ?? Ar­bei­ter in ei­ner Kup­fer­mi­ne in Sam­bia: Die Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve will Schwei­zer Fir­men zwin­gen, beim Ge­schäf­te­ma­chen im Aus­land pe­ni­bel auf Men­schen­rech­te und Umweltschu­tz zu ach­ten.
FO­TO: THO­MAS TRUTSCHEL/IMAGO IMAGES Ar­bei­ter in ei­ner Kup­fer­mi­ne in Sam­bia: Die Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve will Schwei­zer Fir­men zwin­gen, beim Ge­schäf­te­ma­chen im Aus­land pe­ni­bel auf Men­schen­rech­te und Umweltschu­tz zu ach­ten.

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