Schwaebische Zeitung (Tettnang)

Net­flix sieht dich, misst dich, ver­steht dich

Wie der Strea­m­ing-Boom die Ge­sell­schaft ver­än­dert

- Netflix · Berlin · Josiane Pawlowski · William Welch · Auch · Germany · Amazon Prime · Amazon · Munich · Christ · Federal Agency for Civic Education

In­ter­ak­ti­on an der SRH Berlin Uni­ver­si­ty of Ap­p­lied Sci­ence. „Kaum je­mand denkt über Un­ter­hal­tungs­an­ge­bo­te nach.“

Jo­sef Le­der­le lei­tet das Por­tal film­dienst.de für Ki­no- und Film­kri­tik. Auch er hält ei­ne kri­ti­sche De­bat­te „un­be­dingt“für sinn­voll. Wich­tig sei, dass Men­schen die Mecha­nis­men er­ken­nen könn­ten, mit de­nen die gro­ßen Play­er ar­bei­te­ten – so wie es wich­tig sei, die Wir­kung von Wer­bung zu ken­nen. „Ge­ra­de jun­ge Men­schen nut­zen die­se An­ge­bo­te mas­siv. Da­her se­he ich ei­nen kla­ren Er­zie­hungs­auf­trag bei den

Schu­len“, sagt Le­der­le. Aber auch die klas­si­schen Me­di­en müss­ten mehr Auf­klä­rung leis­ten.

An die­sem Punkt setzt Klei­ners Kri­tik an: Ge­ra­de die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on be­grei­fe die ak­tu­el­le Ent­wick­lung nicht als Ver­lust an Sou­ve­rä­ni­tät, son­dern als Wahl­frei­heit. Für pro­ble­ma­tisch hält der Au­tor et­wa per­ma­nen­te Da­ten­samm­lung und Per­so­na­li­sie­rung. So ver­folg­ten Strea­m­ing-Di­ens­te genau, wer wel­che Sen­dung an­se­he, zu wel­cher Zeit, wie lan­ge, wo ge­stoppt oder wie­der­holt wer­de. „Wer die­se Da­ten aus­wer­tet, er­stellt das, was ich 'Net­flix-Per­so­na' nen­ne“, er­läu­tert der Wis­sen­schaft­ler.

Wie genau das ge­sche­he, las­se sich nicht nach­voll­zie­hen. Beim Kon­su­men­ten ent­ste­he je­doch der Ein­druck, von gu­ten Mäch­ten wun­der­bar ge­bor­gen zu sein: „So wie der Christ von Gott als ein­zel­ner Mensch ge­se­hen wird, so wer­de ich jetzt, sä­ku­lar von Net­flix, als Be­dürf­nis­kör­per ge­se­hen. Net­flix sieht mich, misst mich, ver­steht mich — und gibt Ori­en­tie­rung durch die Welt der Un­ter­hal­tung.“Tat­säch­lich in­ter­es­sie­re sich Net­flix aber nicht für den ein­zel­nen Men­schen mit kon­kre­ten Fra­gen, Sor­gen und Be­dürf­nis­sen.

Nach An­sicht von Le­der­le be­trifft das Pro­blem nicht nur Strea­m­ing­Diens­te. „Beim Strea­men ma­che ich mich nicht sicht­ba­rer als beim On­li­ne-Shop­ping, beim Le­sen von Ar­ti­keln oder beim Re­cher­chie­ren im Netz“, er­klärt er. Die Fra­ge, ob sich die Welt den „Big Play­ern“er­ge­be oder sich um Gren­zen be­mü­he, sei viel­mehr ei­ne grund­le­gen­de. Auch Fil­ter­bla­sen ha­be die Strea­m­ing-In­dus­trie nicht er­fun­den, gibt der Film­Ex­per­te zu be­den­ken. Den­noch sieht er dar­in ei­ne ge­wis­se Ge­fahr: „Die di­gi­ta­le Welt sof­tet uns im Be­kann­ten ein.“In Buch­lä­den, im Ki­no und in Vi­deo­the­ken sei die Chan­ce für Zu­falls­fun­de un­gleich grö­ßer, weil sie eben „al­les Mög­li­che“an­bö­ten — und nicht al­lein per­sön­li­che Vor­lie­ben be­dien­ten.

Ei­nen mög­li­chen Aus­weg aus die­sem Di­lem­ma sieht Le­der­le bei Ni­schen-An­bie­tern: Me­dia­the­ken von öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­dern oder Ein­rich­tun­gen wie der Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung, Spar­ten­An­bie­ter wie rea­ley­ez, al­le­s­ki­no.de oder LaCi­ne­tek. Der „Film­dienst“stellt frei­lich auch Neu­er­schei­nun­gen auf Net­flix und Co. vor – sein Ar­chiv mit Re­zen­sio­nen und de­tail­lier­ten In­for­ma­tio­nen gilt als das größ­te in Deutsch­land. „Da­bei ver­su­chen wir, High­lights her­aus­zu­stel­len“, be­tont der Re­dak­ti­ons­lei­ter.

Grund­sätz­lich brau­che es mehr Di­gi­tal­kom­pe­tenz, fügt Wis­sen­schaft­ler Klei­ner hin­zu. „Wir dis­ku­tie­ren nur auf der Ebe­ne von Ge­fal­len und Nicht­ge­fal­len.“Di­gi­tal­kom­pe­tenz be­deu­te mehr als zu wis­sen, wel­cher But­ton auf wel­chem Ge­rät zu wel­chem An­ge­bot füh­re. Wenn nur noch Selbst­op­ti­mie­rung und Un­ter­hal­tung ge­fragt sei, droh­ten Wer­te wie Auf­klä­rung und Au­to­no­mie ver­lo­ren zu ge­hen.

Mar­cus S. Klei­ner, Stream­land. Wie Net­flix, Ama­zon Pri­me und Co. un­se­re De­mo­kra­tie be­dro­hen, Dro­emer Ver­lag, München 2020, 303 Sei­ten, 20 Eu­ro.

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FO­TO: MO­NI­QUE WÜS­TEN­HA­GEN/DPA Strea­m­ing boomt in Co­ro­na-Zei­ten. Aber wer streamt, soll­te auch wis­sen, dass al­le An­bie­ter ih­re Nut­zer aus­for­schen.

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