Schwaebische Zeitung (Tettnang)

Weih­nachts­markt zum Mit­neh­men

Ein Lands­hu­ter Gas­tro­nom macht mit ei­nem Dri­ve-in-Christ­kind­les­markt aus der Co­ro­na-Not ei­ne Tu­gend

- Von Erich Nyffe­negger St. Nicolas Church · Saint Nicholas · Mercedes-Benz · Germany · McDonald's · Passau · Atlantic Ocean · York · Male, Belgium · Google Drive · Landshut · Vision · Bing Crosby

St. Ni­ko­laus reicht den Be­stell­zet­tel durch das halb her­un­ter­ge­kur­bel­te Au­to­fens­ter. In sei­ner Kut­te steckt als reich­lich ko­mi­scher Hei­li­ger ein auf­fäl­lig jun­ger Kerl – Typ Ski­leh­rer oder Wind­sur­fer – der we­nig fei­er­lich ein­fach „Ser­vus“sagt und das Pro­ze­de­re von Deutsch­lands wahr­schein­lich ers­tem Dri­ve-in-Weih­nachts­markt ganz läs­sig er­klärt: „Auf der Kar­te steht al­les drauf, die Kol­le­gin da hin­ten um die Kur­ve nimmt die Be­stel­lung dann ent­ge­gen. Viel Ver­gnü­gen!“Als kos­ten­lo­se Dr­ein­ga­be spen­diert der Bi­schof von My­ra noch ein Heft der Zeit­schrift „Woh­nen & Gar­ten“– na­tür­lich die Weih­nachts­aus­ga­be.

Vor dem ei­ge­nen Au­to ste­hen so­weit das Au­ge reicht Fahr­zeu­ge mit lau­fen­dem Mo­tor, da­hin­ter eben­falls. Die Fahr­gas­se ist ge­säumt von Christ­bäu­men. In der Luft ver­eint sich der Dunst von Brat­wurst mit dem Dampf des Glüh­weins zum ty­pi­schen Ge­ruchs­bild ei­nes wasch­ech­ten Christ­kind­les­markts. Aus den Mu­sik­bo­xen perlt Weih­nachts­pop­mu­sik wie akus­ti­sches La­met­ta. Und tat­säch­lich, ein paar Me­ter wei­ter über dem wei­ßen Mer­ce­des mit Sig­ma­rin­ger Kenn­zei­chen, fängt’s jetzt auch noch an zu schnei­en. In fei­nen, dich­ten Flo­cken, die sich auf der Wind­schutz­schei­be als Schaum sam­meln. Wer jetzt noch kei­ne vor­weih­nacht­li­chen Ge­füh­le hat, dem muss der nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren­de Die­sel­ge­ruch das Hirn ver­ne­belt ha­ben.

Es scheint fast so, als ha­be sich das öf­fent­li­che Weih­nach­ten, wie es in Deutsch­land sonst auf un­zäh­li­gen Christ­kind­les­märk­ten mit glit­zern­dem Glüh­wein-Bu­den­zau­ber ze­le­briert wird, hier ein Ver­steck ge­sucht – und auch ge­fun­den: in Lands­hut, auf dem Park­platz der Braue­r­ei­gast­stät­te Zoll­haus. Der Chef heißt Patrick Schmidt. Er ist 31 Jah­re alt und trotz­dem schon Gas­tro­nom mit mehr als ei­nem Jahr­zehnt Be­rufs­er­fah­rung. Als er den

Mund-Na­sen-Schutz kurz ab­nimmt, um ei­nen Schluck Glüh­wein zu trin­ken, zeigt er ein gut­mü­ti­ges Ge­sicht mit Voll­bart. Schmidt ist ein kom­pak­tes Ener­gie­bün­del, dem man die Freu­de an gu­tem Es­sen durch­aus an­sieht. In ei­ner der seit An­fang No­vem­ber lee­ren Gast­stu­ben sagt er jetzt: „Ein­fach den Kopf in den Sand ste­cken, das geht ja nicht.“Bloß zu­sper­ren und war­ten, bis die­ses Co­ro­na-Elend vor­bei ist – Schmidt hat sich En­de Ok­to­ber, als sich die nächs­te All­ge­mein­ver­fü­gung mit ge­schlos­se­ner Gas­tro­no­mie an­kün­dig­te, für ei­ne an­de­re Stra­te­gie ent­schie­den. „Wir ha­ben un­se­re fünf Azu­bis erst mal

Patrick Schmidts au­ßer­ge­wöhn­li­che Idee macht in­ter­na­tio­nal Schlag­zei­len fünf Ta­ge lang Weih­nachts­plätz­chen ba­cken las­sen“, er­in­nert sich Schmidt. Da sei Weih­nachts­stim­mung qua­si schlag­ar­tig in der gan­zen Mann­schaft aus­ge­bro­chen. Zu der Zeit ha­be er sich genau über­legt, was ei­nen Christ­kind­les­markt denn ei­gent­lich aus­macht. „Und dann bin ich im Geis­te durch ei­nen sol­chen Markt, wie ich ihn mir vor­stel­le, durch­ge­fah­ren.“

In der fros­ti­gen Rea­li­tät die­ses spä­ten No­vem­ber-Sams­tags lässt sich Schmidts Vi­si­on ge­müt­lich un­ter der wär­men­den Wir­kung der ei­ge­nen Sitz­hei­zung im wahrs­ten

Sin­ne des Wor­tes er­fah­ren. In et­wa ei­ner Vier­tel­stun­de ab dem Zeit­punkt, ab dem der Ni­ko­laus ans Au­to­fens­ter tritt, geht es huf­ei­sen­för­mig vor­bei am un­be­mann­ten klei­nen Ka­rus­sell und ein­mal um die zwei Bu­den mit Na­sch­werk so­wie den zen­tra­len Be­reich, wo das Es­sen zu­be­rei­tet, ein­ge­packt und wie­der­um durchs Fens­ter ge­reicht wird – na­tür­lich mit Mas­ke und aus­ge­streck­tem Arm, der Hy­gie­neund Ab­stands­re­geln we­gen.

Fran­zi heißt ei­ne der Ser­vice­kräf­te von Schmidt, die jetzt ei­ne Au­to-Be­stel­lung ent­ge­gen­nimmt. „Ganz da­von ab­ge­se­hen, dass wir durch den Markt jetzt nicht in Kurz­ar­beit müs­sen, macht es ein­fach un­heim­lich viel Spaß.“Durch den ru­hi­gen Fluss der Au­tos kommt zu­dem nur sel­ten Hek­tik auf. Die Ka­pa­zi­tät wird da­durch na­tür­lich be­schränkt. „600 bis 1000 Fahr­zeu­ge täg­lich, das ist drin“, rech­net Patrick Schmidt vor. Man sei jetzt in den Ab­läu­fen schon deut­lich ef­fi­zi­en­ter ge­wor­den als am An­fang. Aber ir­gend­wann sei das aus­ge­reizt. „Au­ßer­dem sol­len die Leu­te das ja auch ge­nie­ßen“, sagt der Chef. So schnell wie mög­lich durch­rau­schen – wie bei McDo­nald’s – das wol­le hier ja nie­mand. Ge­öff­net ist don­ners­tags bis sonn­tags von 11 bis 20 Uhr. „Künf­tig wahr­schein­lich auch mitt­wochs“, sagt Schmidt. We­gen des gro­ßen An­drangs. Wenn der so an­hal­te wie bis­her, könn­ten am En­de 15 000 Fahr­zeu­ge durch den klei­nen Markt ge­kurvt sein, glaubt der Chef, vor­sich­tig ge­schätzt.

Und wie kommt die­se vor­weih­nacht­li­che Er­satz­be­frie­di­gung, die­ses Weih­nach­ten-to-go, an? Als die Däm­me­rung her­ein­bricht, muss drau­ßen auf der Kreu­zung vor dem Wirts­haus­ge­län­de der Ver­kehr durch ei­nen Mit­ar­bei­ter von Schmidt ge­re­gelt wer­den. Jetzt dau­ert es schon fast ei­ne Drei­vier­tel­stun­de, bis der Ni­ko­laus über­haupt erst in Sicht­wei­te kommt. Es ha­be schon Ta­ge ge­ge­ben, da sei­en es bei­nah ein­ein­halb St­un­den ge­we­sen, sagt Schmidt. Ein Paar aus Pas­sau, das sich ge­ra­de

Lan­gos im Au­to schme­cken lässt, öff­net mit leuch­ten­den Au­gen die Fens­ter. Die Bei­fah­re­rin schwärmt mit glän­zen­den Au­gen: „Ich fin­de das so ei­ne tol­le Idee, ich weiß gar nicht, was ich sa­gen soll.“Ein paar Fahr­zeu­ge wei­ter hin­ten sit­zen Xe­nia und Tim in ei­nem Wa­gen mit Bö­blin­ger Kenn­zei­chen. Sind sie wirk­lich ex­tra we­gen des Dri­ve-in­Weih­nachts­mark­tes ge­kom­men? Xe­nia nickt hef­tig und lä­chelt wie ein Christ­kind. Knapp drei St­un­den, ein­fa­che Fahrt. „Ob es sich ge­lohnt hat? Frei­lich“, sagt Tim am Steu­er und freut sich auf das ge­ra­de be­stell­te Pop­corn. Be­son­ders der so rea­lis­tisch wir­ken­de Kunst­schnee sei „der ab­so­lu­te Knal­ler“. Die Bö­blin­ger wol­len nicht aus­schlie­ßen, viel­leicht am nächs­ten Wo­che­n­en­de noch ein­mal nach Lands­hut zu kom­men.

„Na­tür­lich muss man we­gen Co­ro­na schon auf ein paar Fein­hei­ten ach­ten“, er­klärt Patrick Schmidt. Aus den Fahr­zeu­gen aus­stei­gen und her­um­lau­fen ist ver­bo­ten. Eben­so der Ver­zehr der ge­kauf­ten Sa­chen auf dem Ge­län­de der Gast­stät­te. Auch die Glüh­wein­re­ge­lung ist be­son­ders. Den darf Schmidt näm­lich nicht ein­fach so trink­fer­tig im

Be­cher aus­schen­ken. Denn das wä­re ja ir­gend­wie Be­wir­tung, wie sie im Mo­ment nicht geht. „Al­so schen­ken wir ihn in Ther­mos­kan­nen ein, ver­schlie­ßen sie. Dann bleibt der Glüh­wein bis da­heim warm.“Kos­ten­punkt für ei­nen hal­ben Li­ter in­klu­si­ve Ther­mos­fla­sche: 13 Eu­ro. Er und sein Team – ins­ge­samt sind zwölf Men­schen auf und mit dem Weih­nachts­markt be­schäf­tigt – ha­ben sämt­li­che Ge­schäf­te im Um­kreis von 50 Ki­lo­me­tern ge­plün­dert, um aus­rei­chend Ther­mos­kan­nen vor­rä­tig zu ha­ben. Aber Glüh­wein ist nicht al­les: „Steaksem­mel, Reh­gu­lasch, Zu­cker­wat­te, Lan­gos, Cre­pes, hei­ße Ma­ro­ni – es gibt al­les Mög­li­che“, sagt Vera, die am En­de des Huf­ei­sens an der Kas­se sitzt. „Und vor al­lem der hal­be Me­ter Wurst“, der sei der Ren­ner. Drü­ben bei Fran­zi fragt ein eng­lisch­spra­chi­ger Herr, wie viel Wurst das um­ge­rech­net in Inch sei.

Das Kon­zept des Dri­ve-in-Weih­nachts­markts be­ruht auf dem ers­ten Coup, den Patrick Schmidt schon wäh­rend der ers­ten Wel­le im Früh­jahr lan­de­te: die Dri­ve-in-Dult. Die Dult, das ist in Lands­hut das tra­di­tio­nel­le Volks­fest, für Ein­hei­mi­sche im Rang des Ok­to­ber­fests. „Schon da­mals ha­ben die Leu­te das toll an­ge­nom­men“, er­in­nert sich der Gas­tro­nom. Und nicht nur die – auch das Me­dien­echo war enorm und schall­te bis über den At­lan­tik, zum Bei­spiel in der „New York Ti­mes“oder der „Washington Post“. Und jetzt wie­der, mit dem Weih­nachts­markt. „Nächs­te Wo­che hat sich die BBC an­ge­kün­digt“, sagt Schmidt, der lang­sam den Über­blick we­gen der vie­len Ka­me­ra­teams und Re­por­ter ver­liert.

Aber was hat Weih­nach­ten für ihn selbst für ei­ne Be­deu­tung? Und der Christ­kind­les­markt? „Wenn Sie’s nur al­lein we­gen dem Geld ma­chen, dann krie­gen Sie so ei­ne At­mo­sphä­re, so ei­ne Stim­mung gar nicht hin.“Si­cher sei der tol­le Er­folg ei­ne schö­ne Sa­che, „aber ei­ne nor­ma­le Sai­son wä­re mir lie­ber“. Denn die vie­len Weih­nachts­fei­ern, von de­nen er nicht glaubt, dass sie wer­den statt­fin­den dür­fen, kön­ne der Weih­nachts­markt nicht kom­pen­sie­ren. Froh ist er trotz­dem, dass sei­ne Mit­ar­bei­ter was zu tun ha­ben, dass Kurz­ar­beit kein The­ma sei.

In­zwi­schen ist es kom­plett dun­kel. Und der hei­li­ge Ni­ko­laus kann froh sein, dass un­ter sei­ner Kut­te kein Schmer­bauch wa­ckelt, son­dern ei­ne Sport­ler­fi­gur da­für sorgt, dass er das an­spruchs­vol­le Hin und Her kon­di­tio­nell gut meis­tert. Im­mer wie­der muss er für die Men­schen mit sei­nem Bi­schofs­stab po­sie­ren. Die Gra­tis-Hef­te „Woh­nen & Gar­ten“sind längst al­le, im Laut­spre­cher be­haup­tet Bing Cros­by zum wie­der­hol­ten Ma­le „I’m Drea­m­ing of a Whi­te Christ­mas“. Und wie auf Kom­man­do schleu­dert die Schnee­ma­schi­ne wei­ßen Schaum über ei­nen klei­nen Teil der Weih­nachts­markt-Au­to­ko­lon­ne, die längst auf knapp 100 war­ten­de Fahr­zeu­ge an­ge­wach­sen ist.

’’ Nächs­te Wo­che hat sich die BBC an­ge­kün­digt.

Se­hen Sie den Dri­ve-in­Weih­nachts­markt im Vi­deo un­ter www.schwä­bi­sche.de/dri­ve-in

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Mit ih­ren Au­tos fah­ren die Be­su­cher di­rekt an den Nasch­bu­den vor­bei. Vie­le neh­men da­für ei­ne wei­te Anreise auf sich.
FOTOS: ERICH NYFFE­NEGGER Weih­nachts­markt in Co­ro­na-Zei­ten: Mit ih­ren Au­tos fah­ren die Be­su­cher di­rekt an den Nasch­bu­den vor­bei. Vie­le neh­men da­für ei­ne wei­te Anreise auf sich.
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Xe­nia und Tim sind ex­tra aus Bö­blin­gen her­ge­fah­ren und fin­den, es hat sich ge­lohnt.
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