Wenn das Reh lie­ber im Gar­ten lebt

Ge­strat­zer zie­hen Kitz auf – Ei­gent­lich war „Ri­cki“schon im Wald aus­ge­wil­dert – Doch dann ka­men Jä­ger

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - BLICK INS ALLGÄU - Von Bet­ti­na Buhl

GESTRATZ - Gin­ge es nach den vie­len Zweif­lern, wä­re sie wohl schon tau­send To­de ge­stor­ben. Kaum je­mand glaub­te dar­an, dass Ri­cki über­lebt. Vor gut ei­nem Jahr ist sie zu Rai­mund Ve­ser ge­kom­men, ein Reh­kitz, nur we­ni­ge Ta­ge alt. Der Ge­strat­zer wuss­te da­mals nicht, was ihm al­les be­vor­steht. Ein Jahr spä­ter blickt er mit ge­misch­ten Ge­füh­len auf die Zeit zu­rück, in der er mit sei­ner Freun­din Michae­la No­bis ein Wild­tier im ei­ge­nen Gar­ten groß­ge­zo­gen hat.

„Ri­cki ist ein Wild­tier und ge­hört in den Wald“, sagt Rai­mund Ve­ser. Das war dem 53-Jäh­ri­gen be­reits klar, als ver­gan­ge­nes Jahr an ei­nem Sonn­tag­abend sein Te­le­fon klin­gel­te und ei­ne Jä­ge­rin ihn frag­te, ob er das Kitz groß­zie­hen will. Seit­dem dreh­te sich al­les nur noch um das klei­ne Bün­del. Ve­ser: „Ein Reh groß­zie­hen, ist ein Dau­er­job.“Mög­lich war das nur, weil Ve­ser und No­bis sich ab­wech­sel­ten, ih­re Ar­beits­schich­ten so leg­ten, dass im­mer ei­ner zu Hau­se war.

„Manch­mal tat es mir leid, wenn ich ge­se­hen ha­be, wie sie da im Schnee liegt – nachts, bei mi­nus 20 Grad“, er­in­nert sich Ve­ser. Da ha­be er sich schon über­legt, ob er das Tier in die war­me Stu­be ho­len soll. „Aber da hät­te sie sich nicht wohl­ge­fühlt. Der Or­ga­nis­mus des Wilds ist so ein­ge­stellt, dass der Stoff­wech­sel bei Käl­te zu­rück­fährt und das Tier in ei­ne Win­ter­ru­he fällt.“Denn trotz der gra­zi­len Bei­ne, des zar­ten Fells, des stak­si­gen Gangs: „Re­he hal­ten viel aus.“Der Ge­strat­zer hät­te nie ge­dacht, dass er je­mals so viel über die scheu­en Tie­re ler­nen wird.

Ob­wohl die Vor­zei­chen schlecht stan­den, hat Ri­cki über­lebt. Um­so schmerz­li­cher war es für Ve­ser, als der Schnee schmolz, sei­ne Freun­din und er Ab­schied neh­men muss­ten. Sie öff­ne­ten ihr Gar­ten­gat­ter. „Erst ist Ri­cki nur raus in die Wie­se, hat ein we­nig Gras ge­fres­sen. Und auf ein­mal spur­te­te sie los. Weg war sie“, er­in­nert sich der 53-Jäh­ri­ge. Auch das leuch­tend oran­ge­far­be­ne Hals­band, das Ri­cki trägt, da­mit Jä­ger sie er­ken­nen, war bald nicht mehr zu se­hen. Doch nur ei­ne hal­be St­un­de spä­ter war die Reh­geiß wie­der da.

Al­le paar Ta­ge schau­te sie beim Heim ih­rer Zie­h­el­tern vor­bei. Die Ab­stän­de, in de­nen sie weg blieb, wur­den im­mer grö­ßer – und auch die Sor­gen von Rai­mund Ve­ser. „Als zum 1. Mai die Jagd­zeit be­gon­nen hat, war die Angst da, dass ihr trotz Hals­band was pas­siert.“Beim Spa­zie­ren­ge­hen im Wald kam ihm der Ge­dan­ke, er könn­te sie ru­fen. Die Reh­geiß kam. „Und sie war rich­tig ram­po­niert: Krat­zer und Ris­se am Kopf, über­sät mit Ze­cken.“Ri­cki lief frei­wil­lig mit ih­rem Zieh­va­ter heim. Dort ließ sie sich erst ein­mal über 40 Blut­sau­ger ent­fer­nen. Über­gangs­wei­se lebt sie nun in Gestratz, soll aber wie­der aus­ge­wil­dert wer­den.

Auch Ve­ser ist zu ei­nem Zweif­ler ge­wor­den: Noch ein­mal ein Wild­tier groß­zie­hen wür­de er nur, wenn er nicht mehr ar­bei­ten müss­te. „Der Kraft­auf­wand ist zu groß. Vor al­lem wür­de ich es mir nicht ver­zei­hen, wenn ein Tier stirbt, weil ich nicht ge­nü­gend Zeit für es hat­te. Die gan­ze Tier­lie­be hilft nichts. Wer sich das an­tut, muss es sich vor­her gut über­le­gen.“

FO­TO: BET­TI­NA BUHL

„Aus dem klei­nen Reh­kitz ist ei­ne statt­li­che Geiß ge­wor­den“, sagt Rai­mund Ve­ser. Ri­cki trägt ein leuch­ten­des Hals­band, da­mit Jä­ger sie im Wald er­ken­nen und sie nicht schie­ßen.

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