Das wah­re Mär­chen von Groß­holz­leu­te

Der neue Wirt im ge­schichts­träch­ti­gen „Ad­ler“bringt selbst je­de Men­ge Ge­schich­te(n) mit

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - REGION - Von To­bi­as Schu­ma­cher

GROSSHOLZLEUTE - Der Dorn­rös­chen­schlaf ist be­en­det, der „Ad­ler“in Groß­holz­leu­te hat ei­nen neu­en Wirt: Pe­ter Strauß. Was er sich vor­ge­nom­men hat, klingt ei­ner­seits wie ein Mär­chen. Durch sei­ne Bio­gra­fie und das gleich­zei­ti­ge En­ga­ge­ment und die Per­son von Hu­bert Bau­meis­ter, dem Käu­fer des his­to­ri­schen Gast­hofs En­de 2015, könn­te an­de­rer­seits ein neu­es Ka­pi­tel ge­schrie­ben wer­den.

Denn die Bei­den ha­ben sich ei­ni­ges vor­ge­nom­men: Schnellst­mög­li­che Eta­b­lie­rung des Ad­lers als Aus­flugs­lo­kal, be­vor Groß­holz­leu­te die Um­ge­hungs­stra­ße be­kommt; Au­f­ar­bei­tung der his­to­ri­schen Gäs­te­bü­cher aus den Jah­ren 1909 bis 2003, wor­um sich Han­ne­lo­re Schat­t­ner aus Ravensburg ge­mein­sam mit Ru­di Holz­ber­ger aus Kreuz­thal küm­mert, ei­ne Pu­bli­ka­ti­on ist für den Herbst ge­plant, samt der Ein­trä­ge der Schrift­stel­ler der „Grup­pe 47“, un­ter an­de­rem von No­bel­preis­trä­ger Gün­ter Grass, der im „Ad­ler“1958 erst­mals aus der „Blech­trom­mel“las. Und wei­ter die Re­no­vie­rung des Fest­saa­les mit einst 260 Sitz­plät­zen so­wie des Bier­gar­tens. Zu­letzt: Auch in der le­gen­dä­ren „Tor­pe­do-Bar“, so be­nannt, weil der ers­te Nach­kriegs­Ad­ler­wirt Erich Zürn ein U-Boo­tKom­man­dant ge­we­sen war, soll wie­der aus­ge­schenkt wer­den. Pe­ter Strauß kann­te Zürn per­sön­lich.

Mär­chen­haft au­ßer­dem: Im Ver­gleich zur über 500 Jah­re al­ten Prin­zes­sin „Ad­ler“ist der Prinz, der sie wach­küsst, re­la­tiv jung: Pe­ter Strauß be­fin­det sich nach ei­ge­ner Aus­kunft „im 80. Le­bens­jahr“. Seit 55 Jah­ren ist er Gas­tro­nom. Kind­heit und Ju­gend ver­brach­te er im Ho­tel sei­ner El­tern mit über 100 Bet­ten, be­vor er „mit 14 Jah­ren ge­flüch­tet“ist. Spä­ter sei er Ka­pi­tän ge­we­sen „auf dem ers­ten, neu­en, rei­nen, deut­schen Con­tai­ner­schiff“nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Dort hat er auch Ko­chen ge­lernt. Und Haa­re­schnei­den. Bis ihm die ho­he See zu viel ge­wor­den sei.

Die Zei­tung durch­blät­tert

In Lin­dau sprach er bei der Bun­des­bahn vor, ob sie ihn für die Bo­den­see­schiff­fahrt ge­brau­chen könn­ten. Er wur­de ab­ge­lehnt, ha­be die Zei­tung durch­blät­tert, sei auf das Gast­haus Kro­ne in Wei­ler ge­sto­ßen, das zur Ver­pach­tung aus­ge­schrie­ben war: „Ein ur­al­tes Rie­sen­ge­bäu­de, 500 Plät­ze im Saal, 300 im Bier­gar­ten“, er­in­nert sich Strauß. 1500 D-Mark ha­be die Kau­ti­on be­tra­gen, plus Pacht­zah­lung für ei­nen Mo­nat im Vor­aus, plus Ab­lö­se für sie­ben neu ein­ge­rich­te­te Gäs­te­zim­mer. „Ich kam vom Schiff mit mei­ner Heu­er und ha­be ge­sagt: Dann zahl’ ich das gleich“, er­zählt Strauß und lacht. Bei der ers­ten Bier­be­stel­lung sei er noch voll­kom­men ah­nungs­los ge­we­sen, was kon­su­miert wer­de, er ha­be den Hei­zer im Kel­ler ge­fragt, der den Saal mit sie­ben Zent­nern Koh­le pro Abend hei­zen muss­te. Des­sen Ant­wort: „Zähl’ ’s Leer­gut, dann passt’s“.

Ge­schich­ten wie die­se spru­deln aus Pe­ter Strauß wie Bier aus dem Zapf­hahn. 1964 star­te­te er ei­nen „Brat­hähn­chen-Schnell­dienst“. Im Ober­all­gäu bau­te er das „RottachBerg­st­üb­le“neu, samt 25 Gäs­te­bet­ten, Ge­trän­ke­markt, Bier­lie­fer­ser­vice und -de­pot. Zur Er­öff­nung quar­tier­te sich Tho­mas Gott­schalk samt sei­nem Team für ei­ne Wo­che ein, die Fo­tos quiet­schen vor Sieb­zi­ger-Jah­re-Far­ben. Ei­ne wei­te­re Sta­ti­on war das ehe­ma­li­ge „Al­pen­haus To­ni“, spä­ter der „Al­pen­hof Reu­ter­wan­ne“bei Wertach, zu­letzt be­wir­te­ten Pe­ter und Te­re­sa Strauß den his­to­ri­schen „Gast­hof En­gel“in Pfron­tenKap­pel, der ak­tu­ell zum Ver­kauf steht. „Viel zu teu­er“, sagt Strauß, um den Re­no­vie­rungs­be­darf wis­send.

Re­stau­ra­to­rin ist mit im Boot

Der hat ihn beim „Ad­ler“nicht ge­scheut, im Ge­gen­teil: Strauß und Hu­bert Bau­meis­ter, der sich im „Bür­ger­fo­rum Alt­stadt“in Ravensburg auch für den Er­halt der le­gen­dä­ren „Räu­ber­höh­le“stark macht, be­en­de­ten in Groß­holz­leu­te den Dorn­rös­chen­schlaf auch des­halb, weil sie die Re­stau­ra­to­rin An­net­te St­a­che­der mit ins Boot hol­ten. Das „Dor­nen­ge­strüpp“aus Denk­mal­schutz, Hy­gie­ne- und Mo­der­ni­sie­rungs­vor­schrif­ten wur­de aus­ge­lich­tet. „Ich bin den Groß­holz­leu­tern sehr dank­bar, dass sie in der Zeit des Leer­stan­des auf ih­ren Ad­ler auf­ge­passt ha­ben – und dem Lan­des­denk­mal­amt, dass nichts ver­än­dert wer­den darf“, sagt Bau­meis­ter.

Hin­der­lich ist laut Stauß bis­lang ein­zig, qua­li­fi­zier­tes Ser­vice­per­so­nal zu be­kom­men: „Wenn ir­gend­wo ei­ne gu­te Be­die­nung rum­läuft – ein­fan­gen!“, ruft er aus. Denn mo­men­tan ser­viert er „im Pro­be­be­trieb“selbst – „ge­ho­be­ne re­gio­na­le Kü­che“, da­zu „die bes­ten Fo­rel­len in Mit­tel­eu­ro­pa“, die er von ei­nem Fi­scher am Plan­see im Au­ßer­fern be­zieht, und Wild. „Da­für war der Ad­ler frü­her be­kannt“, weiß Strauß.

FO­TO: TO­BI­AS SCHU­MA­CHER

Wirt Pe­ter Strauß (2. v. l.) und sei­ne Frau Te­re­sa (links ne­ben ihm), wol­len dem Ad­ler eben­so ei­ne neue Blü­te­zeit be­sche­ren wie Be­sit­zer Hu­bert Bau­meis­ter (3. v. l.) und des­sen Frau Ro­se­ma­rie (rechts ne­ben ihm). Ganz links Tim­mo Strohm, der den In­ter­net-Auf­tritt auf­bau­en wird, vor ihm Han­ne­lo­re Schat­t­ner, die die Gäs­te­bü­cher auf­be­rei­tet, ganz rechts ein Be­wer­ber für den Ser­vice.

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