Meu­then schürt Miss­trau­en in Wahl­hel­fer

Lan­des­wahl­lei­te­rin be­fürch­tet we­ni­ger Frei­wil­li­ge – Wis­sen­schaft­ler: „bil­li­ge Pro­pa­gan­da“

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - WIR IM SÜDEN - Von Ka­ra Ball­arin

STUTT­GART - In ei­nem Bei­trag auf Face­book ruft der AfD-Bun­des­vor­sit­zen­de und Stutt­gar­ter Frak­ti­ons­chef Jörg Meu­then Par­tei­an­hän­ger da­zu auf, am Abend der Bun­des­tags­wahl in Wahl­lo­ka­len prä­sent zu sein. Das könn­te Wahl­hel­fer ver­schre­cken, be­fürch­tet Lan­des­wahl­lei­te­rin Chris­tia­ne Fried­rich. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Frank Brett­schnei­der von der Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim sieht in Meu­thens Face­book-Post „die klas­si­sche Rhe­to­rik der Rechts­po­pu­lis­ten“.

In sei­nem Bei­trag be­zieht sich Meu­then auf die Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len am 14. Mai. Es hat­te Feh­ler bei der Aus­zäh­lung der Stim­men ge­ge­ben – be­son­ders zu Las­ten der AfD. Nach ei­ner Über­prü­fung wur­de das Er­geb­nis der Zweit­stim­men für die Par­tei um 2204 Stim­men nach oben kor­ri­giert, was 0,35 Pro­zent­punk­ten ent­spricht. „Es ist schon sehr auf­fäl­lig, dass aus­ge­rech­net bei un­se­rer Par­tei Feh­ler in ei­nem sol­chen Aus­maß pas­sie­ren“, schrieb Meu­then.

„So är­ger­lich das ist: Da wird aus ei­ner Mü­cke ein Ele­fant ge­macht“, sagt Brett­schnei­der, der sich schwer­punkt­mä­ßig mit po­li­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on und Wahl­for­schung be­schäf­tigt, der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Na­tür­lich müss­ten Wah­len or­dent­lich ver­lau­fen. „Aber wenn es Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten gibt, wer­den die, wie in Nord­rhein-West­fa­len, auch auf­ge­deckt. Das Sys­tem funk­tio­niert.“ Doch ge­nau dar­an schü­re Meu­then Zwei­fel. Auf Face­book stellt er näm­lich die Fra­ge: „Soll das ein Zu­fall sein? Mö­ge sich je­der Le­ser sein ei­ge­nes Ur­teil da­zu bil­den.“„Das ist bil­li­ger Po­pu­lis­mus“, er­klärt Brett­schnei­der. Mit die­ser Art von Rhe­to­rik säe Meu­then ge­zielt Miss­trau­en in das Esta­blish­ment. „Meu­then ar­bei­tet mit sug­ges­ti­ven For­mu­lie­run­gen, schaut am En­de un­schul­dig in die Ka­me­ra und sagt: ,Ich ha­be das nicht be­haup­tet, son­dern nur ei­ne Fra­ge ge­stellt.’“Rechts­po­pu­lis­ten wie Meu­then bau­ten stets die zwei glei­chen Fron­ten auf, um die An­hän­ger­schaft zu mo­bi­li­sie­ren: „Wir ge­gen die da oben und wir ge­gen die da drau­ßen“, wo­mit Aus­län­der ge­meint sei­en, er­klärt Brett­schnei­der.

Zwar dankt Meu­then auf Face­book den Wahl­hel­fern für ih­re eh­ren­amt­li­che Ar­beit, ruft aber zu­gleich die AfD-An­hän­ger da­zu auf, beim Aus­zäh­len der Stim­men zur Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber ab 18 Uhr in ei­nem Wahl­lo­kal zu sein. „Bei ca. 80 000 Wahl­lo­ka­len wä­ren al­so min­des­tens eben­so­vie­le Frei­wil­li­ge er­for­der­lich, um sol­che Din­ge wie nun in NRW bun­des­weit zu ver­hin­dern“, er­klärt Meu­then. Dass es „gu­tes de­mo­kra­ti­sches Recht“sei, bei der öf­fent­li­chen Aus­zäh­lung in den Wahl­lo­ka­len da­bei zu sein, hat­te er be­reits vor der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Land­tags­wahl im ver­gan­ge­nen Jahr be­tont. Schon da­mals hat­te er Zwei­fel an der Re­gel­mä­ßig­keit der Aus­zäh­lun­gen ge­schürt.

Lan­des­wahl­lei­te­rin Fried­rich hat­te sich da­mals klar po­si­tio­niert: Es sei „ein Un­ding, eh­ren­amt­li­chen Wahl­hel­fern aus der Mit­te der Bür­ger­schaft Wahl­fäl­schung zu un­ter­stel­len“, hat­te sie ge­sagt – und gro­be An­fein­dun­gen der AfD-An­hän­ger­schaft ge­ern­tet. „Wahl­feh­ler wird es im­mer ge­ben“, sagt Fried­rich der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Doch die­se wür­den auf­ge­deckt. Nach der Land­tags­wahl ha­be der Wahl­aus­schuss des Land­tags, dem ein AfD-Ab­ge­ord­ne­ter vor­sitzt, kei­ner­lei Ma­ni­pu­la­ti­on fest­ge­stellt.

Be­reits zur Land­tags­wahl hat Fried­rich deut­lich mehr Zu­schau­er in den Wahl­lo­ka­len fest­ge­stellt als in Vor­jah­ren – zwar nicht flä­chen­de­ckend, aber punk­tu­ell über­all im Land. Zu­schau­en sei das Recht der Öf­fent­lich­keit, sich ein­zu­mi­schen al­ler­dings nicht. „Im Ge­richt kann man auch nicht an­fan­gen, dem Rich­ter Fra­gen zu stel­len, oder zu sa­gen: ,Sie ha­ben da ei­nen Feh­ler ge­macht.’“Fried­rich zählt ei­ne Rei­he an Bei­spie­len auf, in de­nen die Zu­schau­er zur Land­tags­wahl nicht nur be­ob­ach­te­ten, son­dern die Ar­beit der Wahl­hel­fer be­hin­der­ten. Un­ter an­de­rem in Wahl­krei­sen in Kon­stanz und Ravensburg ha­ben Zu­schau­er so ge­stört, dass sie mehr­fach er­mahnt wer­den muss­ten. In Ravensburg muss­te so­gar zwei Mal die Po­li­zei ge­ru­fen wer­den. „Wenn sich das sehr ver­mehrt und zu un­gu­ten Si­tua­tio­nen führt, schreckt das mit Si­cher­heit Wahl­hel­fer ab“, sagt Fried­rich. Ei­ne ihr be­kann­te Fa­mi­lie, die stets Wahl­hel­fer ge­stellt ha­be, wer­de sich die­ses Jahr aus die­sen Grün­den nicht en­ga­gie­ren, so Fried­rich.

Sys­tem wird in­fra­ge ge­stellt

In sei­nem Bei­trag ruft Meu­then zu­dem nach of­fi­zi­el­len OECD-Wahl­be­ob­ach­tern, wo­bei er wohl Wahl­be­ob­ach­ter der Or­ga­ni­sa­ti­on für Si­cher­heit und Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa (OSZE) meint. Die­se hat­te das Aus­wär­ti­ge Amt be­reits 2009 und 2013 zur Bun­des­tags­wahl nach Deutsch­land ein­ge­la­den – das Zeug­nis der Be­ob­ach­ter fiel po­si­tiv aus. Auch zur Wahl im Herbst sind ist die OSZE be­reits seit März ein­ge­la­den.

„Meu­then macht das, um das po­li­ti­sche Sys­tem in Fra­ge zu stel­len“, lau­tet hier­zu Brett­schnei­ders Ana­ly­se. „Er stellt die Bun­des­re­pu­blik da­mit auf die Stu­fe ei­ner Ba­na­nen­re­pu­blik.“

FO­TO: DPA

Be­dient „die klas­si­sche Rhe­to­rik der Rechts­po­pu­lis­ten“: Jörg Meu­then (AfD).

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