Lie­be in krie­ge­ri­scher Zeit

Ver­dis „Ai­da“auf der Wil­helms­burg in Ulm auf­ge­führt

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - KULTUR - Von Wer­ner M. Grim­mel Wei­te­re Vor­stel­lun­gen: 6., 8., 11., 13., 15., 18., 21., 27. und 29. Ju­ni, 1., 5., 7., 9., 11., 13. und 15. Ju­li. Kar­ten un­ter: www.thea­ter-ulm.de

ULM - Schwer­be­waff­ne­te Wa­chen mit ku­gel­si­che­ren Wes­ten ge­hen in Po­si­ti­on und rich­ten ih­re Ma­schi­nen­ge­weh­re auf das Pu­bli­kum. Mat­thi­as Kai­ser, der Gi­u­sep­pe Ver­dis dritt­letz­te Oper „Ai­da“jetzt für Frei­luft­auf­füh­run­gen im In­nen­hof der Ul­mer Wil­helms­burg in­sze­niert hat, deu­tet da­mit gleich zu Be­ginn sei­ne ge­sell­schafts­kri­ti­sche Les­art des Stücks an. Zwangs­ar­bei­ter mit blau­grau­en Kit­teln und Ho­sen schuf­ten un­ten im Hof, wäh­rend oben auf ei­nem roh ge­zim­mer­ten Holz­ge­rüst Her­ren­men­schen in mo­der­ner Fest­gar­de­ro­be und Pries­ter in „ägyp­ti­schen“Fan­ta­sie­ro­ben ge­lang­weilt Sekt trin­ken.

Kai­ser hat die Hand­lung vom 19. Jahr­hun­dert vor Chris­tus in un­se­re Zeit ver­setzt. Die Ge­schich­te vom jun­gen ägyp­ti­schen Heer­füh­rer Ra­da­mes, der die als Skla­vin ver­schlepp­te äthio­pi­sche Kö­nigs­toch­ter Ai­da liebt, spielt bei ihm in ei­ner exo­ti­schen Ba­na­nen­re­pu­blik. Dass Ver­di einst ge­zö­gert hat, ei­ne Pracht­oper zur Er­öff­nung des Su­ez­ka­nals zu schrei­ben, merkt man der spä­ter ge­gen er­kleck­li­ches Ho­no­rar doch noch kom­po­nier­ten „Ai­da“an. Bei al­ler pom­pö­sen Thea­tra­lik, mit der hier das Sche­ma der Grand Opé­ra be­dient wird, bleibt sei­ne Re­ser­viert­heit ge­gen­über der Sie­ger­macht des Stücks deut­lich.

Ver­dis Kri­tik am deutsch-fran­zö­si­schen Krieg von 1870 und an kle­ri­ka­ler Mit­schuld ist denn auch in das Li­bret­to von An­to­nio Ghis­lan­zo­ni ein­ge­gan­gen. Gleich­wohl schwankt das er­kenn­bar im Fahr­was­ser von Gi­a­co­mo Mey­er­beers fünf Jah­re vor­her ur­auf­ge­führ­ter „Afri­ka­ne­rin“kon­zi­pier­te Mu­sik­dra­ma zwi­schen Af­fir­ma­ti­on und Skep­sis. Das kann auch die schwarz­ge­klei­de­te, grim­mig po­sie­ren­de Po­li­zei­gar­de nicht ver­tu­schen, die bei der Ul­mer Pro­duk­ti­on das Ar­bei­ter­volk stän­dig in Schach hält und je­der­zeit auf dem Sprung ist, et­wai­ge Auf­stän­de bru­tal nie­der­zu­schla­gen.

Selbst als Ju­bel­pu­bli­kum bei prunk­vol­len Staats­ak­ten wer­den die Un­ter­ta­nen von den mar­tia­lisch aus­ge­rüs­te­ten Bo­dy­guards stets auf Dis­tanz zur Ober­schicht ge­hal­ten. Zur Be­schwö­rung na­tio­na­ler Schick­sals­ge­mein­schaft im be­vor­ste­hen­den Krieg müs­sen sie ih­re Hän­de mit ei­nem Mes­ser rit­zen las­sen. Ihr Blut wird in Kü­beln auf­ge­fan­gen und in ei­ner du­bio­sen Ze­re­mo­nie mit dem der Herr­scher und der Isis-Pries­ter ver­mischt. Un­frei­wil­li­ge Ko­mik ent­steht frei­lich, wenn da­nach die Ar­bei­ter­frau­en ih­ren Män­nern trös­tend über die ver­bun­de­nen Hän­de strei­chen.

Ef­fekt­vol­le Be­leuch­tung

Brit­ta Lam­mers’ Büh­ne und der Ko­s­tüm­mix von An­ge­la C. Schu­ett las­sen kei­nen Zwei­fel, dass die­se „Ai­da“in ei­ner heu­ti­gen Mi­li­tär­dik­ta­tur spielt. Zwei ver­hüll­te Sta­tu­en lie­gen am Bo­den, ei­ne steht auf­recht hin­ten auf der Büh­ne. Spä­ter wird sie dort von den bei­den an­de­ren flan­kiert. Am En­de ent­pup­pen sich die­se als Sar­ko­pha­ge für die tod­ge­weih­ten Lie­ben­den. Die Mau­ern und Fens­ter­öff­nun­gen der Wil­helms­burg sind ef­fekt­voll blau oder rot an­ge­leuch­tet. Beim NilAkt fla­ckert grün­lich-gel­bes Licht (Mar­cus Denk) über den Hof.

Ai­da tritt in wei­ßen, Am­ne­ris in schwar­zen Klei­dern mit röt­li­chen Haa­ren auf. Der­lei pla­ka­ti­ve Sym­bo­lik stem­pelt in­des die Ri­va­lin der Ti­tel­hel­din zur bö­sen He­xe und tut der Fi­gur nicht gut. Spek­ta­ku­lä­re Gru­sel­stim­mung ver­brei­ten vier rie­si­ge, mit Fleisch­fet­zen be­häng­te Ge­rip­pe samt Schwert, Ge­wehr und Gas­mas­ke. Weiß­ge­klei­de­ten Mäd­chen mit Blu­men­kränz­chen im Haar und schwar­zen Au­gen­bin­den füh­ren die ta­pern­den Un­ge­heu­er her­ein, die sze­nisch für ei­nen Hö­he­punkt der Pro­duk­ti­on sor­gen.

Stimm­lich star­ke Darstel­ler

An­de­ren Re­giei­de­en fehlt die Ein­bin­dung in ein Ge­samt­kon­zept. So legt sich et­wa Ai­da in sui­zi­da­ler An­wand­lung wie Kleo­pa­tra ei­ne Gift­schlan­ge um den Hals, die ihr dann vom Va­ter kur­zer­hand ab­ge­knöpft und in ei­nem Sack ent­sorgt wird. Per­so­nen­füh­rung und Cho­reo­gra­fie wir­ken stre­cken­wei­se steif. Mu­si­ka­lisch ge­lingt hin­ge­gen ei­ne groß­ar­ti­ge Dar­bie­tung. Val­da Wil­son meis­tert den gran­di­os kom­po­nier­ten Loya­li­täts­kon­flikt Ai­das er­grei­fend mit glas­kla­rem So­pran. Eric La­por­te (Ra­da­mes) ge­hen Ver­dis Kan­ti­le­nen wie schmel­zen­des Gold von der Keh­le.

Auch An­na Da­nik (Am­ne­ris), Kwang-Keun Lee (Amo­nas­ro), Wo­oram Lim (Kö­nig von Ägyp­ten) und Mar­tin Gäb­ler (Ober­pries­ter) be­wäl­ti­gen ih­re Par­ti­en in die­sem Dra­ma um selbst­zer­stö­re­ri­sche Lie­be glän­zend. Ein­drucks­voll tö­nen die von Hen­drik Haas ein­stu­dier­ten Chö­re. Bei Ti­mo Hand­schuh sind die Fä­den der Par­ti­tur in si­che­ren Hän­den. Bei pau­ken- und blech­be­wehr­ten For­tis­si­mi klingt das Orches­ter et­was dumpf aus den Bo­xen, doch an­sons­ten lässt die Ver­stär­kung des Tons (Da­ni­el Hat­va­ni) nichts zu wün­schen üb­rig.

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