Kri­tik an Lon­do­ner Er­mitt­lern wächst

Ei­ner der At­ten­tä­ter trat so­gar im TV auf – Is­la­mis­tisch mo­ti­vier­te Atta­cke auch in Pa­ris

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - ERSTE SEITE - Von Se­bas­ti­an Bor­ger

LON­DON/PA­RIS (AFP/dpa) - Nach dem An­schlag von Lon­don mit sie­ben To­ten wird in Groß­bri­tan­ni­en­über ein mög­li­ches Ver­sa­gen der Si­cher­heits­kräf­te dis­ku­tiert. Bri­ti­sche Me­di­en hin­ter­frag­ten am Di­ens­tag, war­um die Be­hör­den die Tat nicht ver­hin­der­ten, ob­wohl ih­nen ei­ner der drei er­schos­se­nen At­ten­tä­ter be­kannt war. Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May ge­riet vor der Par­la­ments­wahl mas­siv un­ter Druck. In Frank­reichs Haupt­stadt Pa­ris kam es der­weil am Di­ens­tag­nach­mit­tag zu ei­nem neu­er­li­chen, of­fen­bar is­la­mis­tisch mo­ti­vier­ten An­griff. Vor der Ka­the­dra­le Not­re-Da­me war ein Mann, der sich spä­ter zur Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) be­kann­te, mit ei­nem Ham­mer auf ei­nen Po­li­zis­ten los­ge­gan­gen.

In Groß­bri­tan­ni­en tobt un­ter­des­sen die De­bat­te über ein Ver­sa­gen der Er­mitt­ler und Si­cher­heits­kräf­te. „War­um ha­ben sie den Dschi­ha­dis­ten aus dem Fern­se­hen nicht ge­stoppt?“, ti­tel­te „The Sun“un­ter An­spie­lung auf ei­nen der At­ten­tä­ter, der vor dem An­schlag in ei­ner TV-Do­ku­men­ta­ti­on über Ex­tre­mis­ten zu se­hen ge­we­sen war. Der „Dai­ly Mir­ror“schrieb: „Wie zur Höl­le konn­te er ih­nen durch die Lap­pen ge­hen?“Der bri­ti­sche Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son sag­te, die Be­hör­den müss­ten sich die­se Fra­gen ge­fal­len las­sen.

Bei dem ers­ten At­ten­tä­ter han­delt es sich laut den Er­mitt­lern um den 27-jäh­ri­gen Khur­am Sha­zad Butt, ei­nen Bri­ten mit pa­kis­ta­ni­schen Wur­zeln. Die Po­li­zei er­klär­te, Khur­am sei ihr und dem Ge­heim­dienst MI5 be­kannt ge­we­sen. Hin­wei­se auf den An­schlag, bei dem am Sams­tag­abend auf der Lon­don Bridge im Zen­trum sie­ben Men­schen ge­tö­tet und mehr als 50 ver­letzt wur­den, ha­be es aber nicht ge­ge­ben. Butt war ver­gan­ge­nes Jahr in der bri­ti­schen Fern­seh­do­ku­men­ta­ti­on „Die Dschi­ha­dis­ten von ne­ben­an“zu se­hen.

Den Na­men des zwei­ten At­ten­tä­ters gab die Po­li­zei mit Ra­chid Re­doua­ne an. Der 30-Jäh­ri­ge sei nach ei­ge­nen An­ga­ben „Ma­rok­ka­ner oder Li­by­er“ge­we­sen. Bei dem drit­ten Mann han­delt es sich of­fen­bar um den 22-jäh­ri­gen Yous­sef Zagh­ba. Er ha­be die ita­lie­ni­sche und ma­rok­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft ge­habt und sei Ita­li­ens Ge­heim­diens­ten be­kannt ge­we­sen. Die­se hät­ten ihn als „aus­län­di­schen Kämp­fer“und mög­li­chen IS-Sym­pa­thi­san­ten ge­führt und die bri­ti­schen Be­hör­den ge­warnt, hieß es in ita­lie­ni­schen Me­di­en.

Nach dem An­griff vor der Pa­ri­ser Ka­the­dra­le Not­re-Da­me ge­hen die Er­mitt­ler eben­falls ei­nem Ter­rorver­dacht nach. Der Ver­däch­ti­ge ha­be mit ei­nem Ham­mer auf ei­nen Be­am­ten ein­ge­schla­gen und da­bei „Das ist für Sy­ri­en“ge­ru­fen, sag­te In­nen­mi­nis­ter Gé­r­ard Col­lomb. Ein wei­te­rer Po­li­zist er­öff­ne­te das Feu­er und stopp­te da­mit den An­grei­fer, der ver­letzt ins Kran­ken­haus ge­bracht wur­de. Der Platz vor der be­rühm­ten Kir­che im Her­zen der fran­zö­si­schen Haupt­stadt wird täg­lich von Tau­sen­den Tou­ris­ten be­sucht. Der An­grei­fer ha­be sich spä­ter als „Sol­dat des Ka­li­fats“der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat be­zeich­net.

LON­DON - Den Si­cher­heits­be­hör­den be­kannt: Nach­dem De­tails über die drei is­la­mis­ti­schen Lon­don-BridgeAt­ten­tä­ter be­kannt ge­wor­den wa­ren, stand am Di­ens­tag der vor­letz­te Tag des Un­ter­haus-Wahl­kamp­fes ganz im Zei­chen der De­bat­te um die in­ne­re Si­cher­heit. Ih­re Re­gie­rung ha­be den Ge­heim­diens­ten zu­sätz­li­che Kom­pe­ten­zen und mehr Per­so­nal zur Ver­fü­gung ge­stellt, sag­te Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May im mit­tel­eng­li­schen Sto­ke. Die Si­cher­heits­kräf­te wür­den der Fra­ge nach­ge­hen, war­um zwei der Tä­ter auf frei­em Fuß sein konn­ten: „Ich ver­ste­he, dass die Leu­te sich Sor­gen ma­chen.“

Die op­po­si­tio­nel­le La­bour-Par­ty un­ter Op­po­si­ti­ons­füh­rer Je­re­my Cor­byn wies auf die an­hal­ten­den Kür­zun­gen im Po­li­zei­bud­get hin; da­durch sei das Land un­si­che­rer ge­wor­den. Au­ßer den drei is­la­mis­ti­schen Tä­tern ka­men bei dem At­ten­tat am Sams­tag­abend in Lon­don sie­ben Men­schen ums Le­ben; von den 48 Ver­letz­ten wur­den am Di­ens­tag noch 15 auf der In­ten­siv­sta­ti­on be­han­delt.

Wäh­rend noch im­mer nicht al­le To­ten zwei­fels­frei iden­ti­fi­ziert sind, be­gann ei­ne hef­ti­ge De­bat­te über de­ren Mör­der. Zwei Ta­ge lang hat­ten sich die Lon­do­ner Zei­tun­gen an die Bit­te Scot­land Yards ge­hal­ten, die Na­men der Tä­ter noch nicht zu nen­nen. Am Di­ens­tag for­mu­lier­ten sie auf den Ti­tel­sei­ten boh­ren­de Fra­gen an Si­cher­heits­be­hör­den und Politik. „Wie konn­te er da­von­kom­men, ver­dammt noch mal“, schrieb „Dai­ly Mir­ror“ne­ben ei­nem Fo­to des 27-jäh­ri­gen Khur­am Butt. Auf des­sen Rol­le als ei­ner der Stars in ei­ner kürz­li­chen TV-Do­ku­men­ta­ti­on über die „Dschi­ha­dis­ten von ne­ben­an“wies „The Sun“hin. „War­um durf­te er frei her­um­lau­fen?“em­pör­te sich „Dai­ly Star“. Und „The Ti­mes“ver­wies dar­auf, Butt ha­be im Fit­ness-Stu­dio ei­nes be­kann­ten alKai­da-Pro­pa­gan­dis­ten ge­ar­bei­tet.

Nach­barn zeig­ten sich be­sorgt

Über Butt wuss­ten Po­li­zei und Ge­heim­dienst tat­säch­lich sehr viel. Der in Pa­kis­tan ge­bo­re­ne Mann ge­hör­te zu den An­hän­gern des be­kann­ten, mitt­ler­wei­le in­haf­tier­ten Hass­pre­di­gers An­jem Chou­da­ry und des­sen längst ver­bo­te­ner Is­la­mis­ten­grup­pe al-Mu­ha­ji­roun. Aus sei­ner lo­ka­len Mo­schee in Bar­king (Ost-Lon­don) war der Mann her­aus­ge­flo­gen, nach­dem er im Vor­feld der Un­ter­haus­wahl 2015 de­mo­kra­ti­sche Wah­len als „un­is­la­misch“be­zeich­net hat­te. Un­ab­hän­gig von­ein­an­der mel­de­ten sich im sel­ben Jahr zwei Nach­barn des Va­ters zwei­er klei­ner Kin­der bei der Ter­rorHot­li­ne der Be­hör­den, um ih­rer Sor­ge über Butt Aus­druck zu ver­lei­hen.

Dar­auf­hin sei der Is­la­mist ei­ner Über­prü­fung un­ter­zo­gen wor­den, be­rich­te­te der zu­stän­di­ge Ab­tei­lungs­lei­ter bei Scot­land Yard, Mark Row­ley. „Aber es gab kei­ne Hin­wei­se auf ei­ne ge­plan­te Atta­cke.“Butt blieb auf frei­em Fuß und agier­te in dem Do­ku­men­tar­film des Min­der­hei­ten­sen­ders Chan­nel Four. Trotz die­ser Pro­mi­nenz als fa­na­ti­scher Is­la­mist wur­de er spä­ter als Trainee bei der Lon­do­ner U-Bahn an­ge­stellt. Zu sei­nen Auf­ga­ben ge­hör­te dort auch die Si­cher­heit von Pas­sa­gie­ren in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen. Of­fen­bar ver­ließ Butt den Job nach sechs Mo­na­ten auf ei­ge­ne Initia­ti­ve.

Ei­nen sei­ner Mit­tä­ter, den 22-jäh­ri­gen Yus­sef Zag­ba, hat­te vor gut ei­nem Jahr die ita­lie­ni­sche Grenz­po­li­zei in Bo­lo­gna fest­ge­setzt. Die Be­am­ten fan­den auf dem Te­le­fon des in Ma­rok­ko ge­bo­re­nen ita­lie­ni­schen Staats­bür­gers Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al der Ter­ror­grup­pe IS. Weil sie an­nah­men, Zag­ba wol­le nach Sy­ri­en wei­ter­rei­sen, hin­der­ten sie ihn am Flug nach Istan­bul und setz­ten ihn auf ei­ne Lis­te is­la­mis­ti­scher Ver­däch­ti­ger. Die­se sei auch den bri­ti­schen Be­hör­den zu­gäng­lich ge­macht wor­den, be­rich­te­te die ita­lie­ni­sche Po­li­zei der BBC. Der Lon­do­ner Po­li­zei aber scheint Zag­ba eben­so un­be­kannt ge­we­sen zu sein wie der drit­te Tä­ter, der aus Ma­rok­ko stam­men­de Koch Ra­chid Re­doua­ne, 30.

Seit Mit­te März ha­ben Po­li­zei und Ge­heim­diens­te fünf wei­te­re Atta­cken ve­rei­telt. Es sei „un­glück­li­cher­wei­se nicht mög­lich“, al­le Ter­ror­an­schlä­ge zu stop­pen, teil­te In­nen­mi­nis­te­rin Am­ber Rudd der BBC mit. The­re­sa May ver­such­te, die schwie­ri­ge Si­cher­heits­la­ge po­li­tisch zu nut­zen: Wenn es je­mals ei­nes Re­gie­rungs­chefs be­durft hät­te, der sei­nen Job vom ers­ten Tag an aus­üben kann, „dann ist es jetzt. Wir ha­ben kei­ne Zeit, je­man­den neu an­zu­ler­nen“, sag­te die Amts­in­ha­be­rin in An­spie­lung auf ih­ren ad­mi­nis­tra­tiv un­er­fah­re­nen Kon­kur­ren­ten Cor­byn.

FO­TO: MAGO

Po­li­zei­ein­satz in Bar­king, im Os­ten Lon­dons. Dort wohn­te Khur­am Butt, ei­ner der At­ten­tä­ter von Lon­don. Über ihn und sei­ne is­la­mis­ti­sche Ein­stel­lung wuss­ten Po­li­zei und Ge­heim­diens­te Be­scheid.

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