Po­li­zei liest bei Whats­App mit

Grü­ne und CDU vor Ei­ni­gung – Mehr Be­fug­nis­se für Si­cher­heits­be­hör­den

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - ERSTE SEITE - Von Kat­ja Korf

STUTTGART (tja) - Grü­ne und CDU ste­hen kurz vor ei­ner Ei­ni­gung über neue Si­cher­heits­ge­set­ze. Sie wol­len der Po­li­zei mehr Be­fug­nis­se ein­räu­men. So sol­len Be­hör­den künf­tig über­wa­chen dür­fen, was Ter­ror­ver­däch­ti­ge sich in On­li­ne­diens­ten wie Whats­App schrei­ben. Der Lan­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Ste­fan Brink sagt zu den ge­plan­ten Ge­set­zes­än­de­run­gen: „Man soll­te an­ge­sichts der ver­schärf­ten Be­dro­hungs­la­ge nun nicht der Ver­su­chung er­lie­gen, al­les zu er­lau­ben, was tech­nisch mög­lich ist.“

STUTTGART - Die Po­li­zei in Ba­denWürt­tem­berg soll mehr Mög­lich­kei­ten be­kom­men, Ter­ror­ver­däch­ti­ge zu über­wa­chen. Die Grü­nen ha­ben sich mit der CDU weit­ge­hend auf Kern­punk­te ver­stän­digt. Nach den Pfingst­fe­ri­en sol­len die Än­de­run­gen vom Mi­nis­ter­rat be­schlos­sen wer­den, der Land­tag könn­te im Herbst fol­gen. Ba­den-Würt­tem­berg räumt sei­nen Be­hör­den da­mit so vie­le Be­fug­nis­se ein wie we­ni­ge an­de­re Län­der. Bei al­len gilt: Ein Rich­ter muss die Maß­nah­men ge­neh­mi­gen.

Prä­ven­ti­ve Über­wa­chung

Die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung (TKÜ), al­so das Mit­hö­ren von Te­le­fo­na­ten und das Le­sen von SMS ist bis­lang erst mög­lich, wenn ge­gen Ver­däch­ti­ge ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren er­öff­net wur­de. Das ist Grü­nen und CDU zu we­nig: Sie wol­len den Be­hör­den die­se Mög­lich­keit be­reits ein­räu­men, wenn es ers­te Hin­wei­se dar­auf gibt, dass je­mand ei­nen An­schlag plant. Dann spricht man von prä­ven­ti­ver Über­wa­chung.

Über­wa­chung von On­li­ne­diens­ten wie Whats­App

Mitt­ler­wei­le kom­mu­ni­zie­ren Ver­däch­ti­ge in der Re­gel über Mes­sen­ger-Di­ens­te wie Whats­App. Um die­se zu über­wa­chen, müs­sen Si­cher­heits­be­hör­den aber Pro­gram­me auf Smart­pho­nes, Ta­blets oder PCs spie­len. Die Mög­lich­keit zu der so ge­nann­ten Quel­len-TKÜ wol­len CDU und Grü­ne für Ba­den-Würt­tem­berg schaf­fen. Da­ten­schüt­zer und IT-Ex­per­ten ha­ben sich ge­gen ähn­li­che Plä­ne auf Bun­des­ebe­ne ge­wandt. Die Kri­tik: Um ei­ne sol­che Soft­ware auf ein Ge­rät zu schleu­sen, nut­zen Be­hör­den Si­cher­heits­lü­cken in Be­triebs­sys­te­men. Da­bei müss­te es in ih­rem In­ter­es­se sein, sol­che De­fi­zi­te be­kannt zu ma­chen – et­wa, um hei­mi­sche Un­ter­neh­men vor kri­mi­nel­len Ha­ckern zu schüt­zen.

Wie ge­fähr­lich das wer­den kann, zeigt der Fall des Vi­rus „Wan­na­cry“, der welt­weit Zehn­tau­sen­de Rech­ner at­ta­ckier­te. Er nutz­te ei­ne Si­cher­heits­lü­cke, über die auch der US-Ge­heim­dienst NSA sei­ne Spio­na­ge­soft­ware ein­schleus­te. Li­nus Ne­u­mann, IT-Ex­per­te des Cha­os Com­pu­ter Clubs, hält es des­we­gen für falsch, wenn Be­hör­den Si­cher­heits­lü­cken ver­schwei­gen – weil sie sie selbst be­nut­zen wol­len. „Mit der Ge­heim­hal­tung von Wis­sen über Schwach­stel­len geht grund­sätz­lich ein Ri­si­ko für die in­ne­re Si­cher­heit ein­her“, schreibt er in ei­nem Gut­ach­ten zur Bun­des­ge­setz­ge­bung.

Aus sei­ner Sicht gibt es ein wei­te­res Pro­blem: Ist ein Com­pu­ter oder Han­dy erst ein­mal ge­knackt, hat der Ein­dring­ling grund­sätz­lich Zu­griff auf al­le Da­ten. Zwar be­to­nen In­nen­mi­nis­te­ri­um und Grü­ne, in Ba­denWürt­tem­berg sol­le nur Soft­ware zum Ein­satz kom­men, die aus­schließ­lich lau­fen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on via E-Mail oder Mes­sen­gerDi­ens­te mit­ent­schei­det. IT-Ex­per­te Ne­u­mann be­zwei­felt das je­doch. Er glaubt, es sei nicht mög­lich, Tro­ja­ner so zu pro­gram­mie­ren.

On­li­ne­durch­su­chun­gen

Die­se leh­nen die Grü­nen ab, das In­nen­mi­nis­te­ri­um wür­de sie aber ger­ne nut­zen. Aus Sicht der Grü­nen grei­fen die Durch­su­chun­gen zu stark in die per­sön­li­che Pri­vat­sphä­re ein. Ein von den Be­hör­den ein­ge­schleus­ter Tro­ja­ner wür­de da­bei ge­spei­cher­te Da­tei­en durch­su­chen, al­so auch Fo­tos, Kor­re­spon­denz, Ge­sund­heits­da­ten und mehr.

Das In­nen­mi­nis­te­ri­um glaubt, die­se Be­den­ken in den Griff zu be­kom­men: Stie­ße ein Be­am­ter bei der Aus­wer­tung von Da­ten auf per­sön­li­ches, nicht re­le­van­tes Ma­te­ri­al, dürf­te er ent­spre­chen­de Da­tei­en nicht wei­ter sich­ten. Er müss­te sie ei­nem Rich­ter vor­le­gen. Der wür­de über die Ver­wend­bar­keit ent­schei­den. Die Grü­nen ha­ben aber oh­ne­hin das Pro­blem, dass sie schon mit der Zu­stim­mung zur Quel­len-TKÜ wei­ter ge­hen als Tei­le ih­rer Par­tei gut hei­ßen.

Zu­griff auf ge­spei­cher­te Ver­bin­dungs­da­ten

Auch hier sind die Grü­nen da­ge­gen. Kein Wun­der: Grü­ne Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te ha­ben vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt da­ge­gen ge­klagt, dass der Bund sol­che Da­ten über­haupt spei­chern und aus­wer­ten darf. Da­bei geht es um In­for­ma­tio­nen über Te­le­fon­ver­bin­dun­gen, nicht um In­hal­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das Stutt­gar­ter In­nen­mi­nis­te­ri­um wür­de ger­ne zu­grei­fen, das schei­tert je­doch am grü­nen Wi­der­stand. Soll­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Bun­des­ge­set­ze da­zu bil­li­gen, könn­ten die Grü­nen noch ein­len­ken.

Hand­gra­na­ten für Po­li­zis­ten

Hier sind Grü­ne und das CDU-ge­führ­te In­nen­mi­nis­te­ri­um ei­nig. Die Spe­zi­al­ein­satz­kräf­te (SEK) sol­len Ex­plo­siv­mit­tel kom­men. Da­mit könn­ten sie den Weg zu Ter­ro­ris­ten frei spren­gen, die sich ver­schan­zen.

Fuß­fes­sel

Von den Be­hör­den als „Ge­fähr­der“ein­ge­stuf­te Per­so­nen kön­nen mit ei­ner elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel über­wacht wer­den. Wie wirk­sam das zur Ver­mei­dung von Straf­ta­ten ist, ist um­strit­ten. Jüngs­tes Bei­spiel: Der Mann, der am Wo­che­neden ein Kind in Bay­ern er­sto­chen hat (sie­he Mel­dung links au­ßen), wur­de trotz der Fuß­fes­sel er­neut zum Tä­ter.

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