Die Blind­schlei­che führt ein Schat­ten­da­sein

Das „häss­li­che Ent­lein“un­ter den Ech­sen ist das Rep­til des Jah­res 2017

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - TIERE - Von Wen­ke Böhm

STUTTGART (epd) - Run­de Kopf­form, Au­gen­li­der und kein Spalt in der Ober­lip­pe: Blind­schlei­chen hei­ßen zwar „An­gu­is fra­gi­les“oder auch „zer­brech­li­che Schlan­gen“, aber Schlan­gen sind sie nicht. Viel­mehr zäh­len sie zu den Ech­sen und sind in der Tat „zer­brech­lich“. Denn wie Ei­dech­sen kön­nen sie bei Ge­fahr den Schwanz ab­wer­fen, und das so­gar gleich mehr­fach, be­rich­tet Blind­schlei­chen-Ex­per­te Axel Kwet aus Fell­bach, Vi­ze­prä­si­dent der Deut­schen Ge­sell­schaft für Her­pe­to­lo­gie und Ter­ra­ri­en­kun­de (DGHT). Das ist je­doch nicht der Grund da­für, dass die Ech­se oh­ne Bei­ne zum Rep­til des Jah­res 2017 ge­kürt wur­de.

„Feu­er­sa­la­man­der und Sma­rag­d­ei­dech­sen fin­det je­der se­xy. Aber die Blind­schlei­che ist so ein biss­chen das häss­li­che Ent­lein“, führt Kwet aus. Sie be­kom­me ein­fach we­nig Auf­merk­sam­keit. Ob­wohl sie in Ba­denWürt­tem­berg übe­r­all gut ver­brei­tet sei und nur in Schles­wig-Hol­stein als ge­fähr­det gel­te, wis­se man noch sehr we­nig über die Art. For­schungs­pro­jek­te aus dem Süd­wes­ten sei­en ihm ak­tu­ell nicht be­kannt.

Schein­bar ha­be kaum je­mand Lust, über die ver­steckt le­ben­den, sil­ber­grau bis kup­fer­far­be­nen Tie­re zu for­schen, sagt Kwet. Flä­chen­de­cken­de Po­pu­la­ti­ons­stu­di­en ge­be es nicht, die ein­zel­nen Tie­re sei­en auch ver­gleichs­wei­se schwer zu un­ter­schei­den. Nicht ein­mal wie alt sie in der Na­tur wer­den könn­ten, sei be­kannt. In Ter­ra­ri­en sei­en schon mal 46 Jah­re ge­zählt wor­den.

Aber da ge­be es auch kei­ne Fress­fein­de. In der Na­tur sind sie da­ge­gen zahl­reich. Krä­hen, Rei­her, Stör­che, Haus­kat­zen, Füch­se, Mar­der und so­gar Wild­schwei­ne ma­chen sich un­ter an­de­rem über die Tier­chen her. Fünf­mal kön­nen die­se laut Kwet zum Schutz ein Stück­chen Schwanz zu­rück­las­sen. Je­des Mal wächst nur ein klei­ner, ku­ge­li­ger Stumpf nach. Wenn sie nur noch rund ein Drit­tel ih­rer rund 50 Zen­ti­me­ter Ma­xi­mal­grö­ße ha­ben, ist En­de.

Blind­schlei­chen un­ter­schei­den sich nicht nur am Kopf von den Schlan­gen, auch die Fort­be­we­gung ist deut­lich an­ders. Denn wäh­rend Schlan­gen sich schnell und ele­gant vor­wärts schlän­geln, wir­ke die bein­lo­se Ech­se doch eher plump oder steif in ih­ren Be­we­gun­gen, sagt Kwet. Sie kom­me da­durch auch auf Stra­ßen nicht so flink von der Stel­le, was dann oft ihr Tod sei.

An­ders als Ei­dech­sen, die sich gern auf Mau­ern von der Son­ne be­schei­nen las­sen, mö­gen es Blind­schlei­chen nicht ganz so heiß. Ih­re Lieb­lings­tem­pe­ra­tur liegt bei 26 bis 28 Grad, und be­son­ders gern wär­men sie ih­ren Bauch an war­men Bret­tern. Da­bei ha­ben sie auch gern Was­ser in der Nä­he und mö­gen feuch­te, krau­ti­ge Un­ter­bö­den. Meist fin­den sie op­ti­ma­le Plätz­chen an Wald­rän­dern, wo man sie vor al­lem in der Däm­me­rung se­hen kann.

Und mit ei­nem Kli­schee wä­re zum Schluss noch auf­zu­räu­men: Nein, Blind­schlei­chen sind auch nicht blind. Der Na­me lei­tet sich vom alt­hoch­deut­schen „Pl­ints­li­cho“ab, was so­viel heißt wie „blen­den­der Schlei­cher“– und auf den Gang der Tie­re so­wie ih­re schim­mern­den Schup­pen auf dem Rü­cken an­spielt.

FO­TO: IMAGEBROKER/JUS­TUS DE CUVELAND

Über die Blind­schlei­che (An­gu­is fra­gi­lis) ist nur we­nig be­kannt.

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