Arzt: Nie­mand war in Ge­fahr

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - OBERSCHWABEN -

RA­VENS­BURG - Ein ver­ur­teil­ter Mör­der ist am Sams­tag aus dem Zen­trum für Psych­ia­trie im Ra­vens­bur­ger Orts­teil Wei­ßenau ge­flo­hen. Ob­wohl der Pa­ti­ent be­reits am Sonn­tag­mor­gen ge­fasst wur­de, blei­ben auch Ta­ge da­nach Fra­gen bei den Bür­gern zu­rück. Ra­hel Krö­mer hat mit Her­mann Ass­falg, Chef­arzt der Ab­tei­lung Fo­ren­si­sche Be­hand­lung und Rehabilitation, ge­spro­chen.

Herr Ass­falg, wie oft pas­siert es, dass ein Pa­ti­ent aus­bricht?

Wich­tig ist mir hier die Un­ter­schei­dung zwi­schen Ent­wei­chung und Aus­bruch. Wir re­den hier bei un­se­ren Pa­ti­en­ten von Ent­wei­chun­gen, weil sich der psy­chi­sche Zu­stand als sta­bil dar­ge­stellt hat, sie des­halb ge­wis­se Lo­cke­run­gen zu­ge­stan­den be­kom­men und sie dann die­se Aus­gän­ge miss­brau­chen, in­dem sie die­se zeit­lich über­zie­hen. Zum Teil kom­men die­se Pa­ti­en­ten selbst wie­der zu­rück, zum Teil wer­den sie durch die Po­li­zei zu­rück­ge­bracht. Ent­schei­dend ist, dass ei­ne aus­rei­chen­de psy­chi­sche Sta­bi­li­tät be­steht und da­durch auch kei­ne Ge­fähr­dung der Öf­fent­lich­keit. Ganz an­ders ist die Si­tua­ti­on bei Aus­brü­chen. Das sind ex­trem sel­te­ne Er­eig­nis­se. Aus­bruch heißt, dass die Per­son in ei­nem ge­si­cher­ten Be­reich ist, weil die psy­chi­sche Sta­bi­li­tät noch nicht als aus­rei­chend fest­ge­stellt wird oder an­de­re Un­zu­ver­läs­sig­kei­ten zu­grun­de lie­gen. Bei ei­nem Aus­bruch ist ei­ne un­ter­schied­li­che Ein­schät­zung der Ge­fähr­lich­keit für die Be­völ­ke­rung ge­ge­ben. Hier ist mir ganz wich­tig, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass be­son­ders ge­fähr­li­che Straf­tä­ter, die be­son­ders ge­si­chert wer­den müs­sen, nicht an den ein­zel­nen psych­ia­tri­schen Kran­ken­häu­sern, son­dern zen­tral in ei­ner Hoch­si­cher­heits­ein­rich­tung in Wies­loch be­han­delt wer­den. Ent­wei­chun­gen sind eben­falls sel­te­ne Er­eig­nis­se, es sind we­ni­ge Fäl­le im Jahr im mitt­le­ren ein­stel­li­gen Be­reich.

In­wie­weit hat man den Zu­stand des Pa­ti­en­ten falsch ein­ge­schätzt?

Hier möch­te ich zwi­schen der Ein­schät­zung des Zu­stands der psy­chi­schen Sta­bi­li­tät und der Fra­ge der Zu­ver­läs­sig­keit un­ter­schei­den. Die psy­chi­sche Sta­bi­li­tät neh­men wir stän­dig bei un­se­ren Pa­ti­en­ten wahr, wo ein ge­sam­tes Sta­ti­ons­team mit dem Pa­ti­en­ten zu­sam­men­lebt. Und hier hat sich auch be­stä­tigt, dass der Pa­ti­ent psy­chisch sta­bil war und es im Rah­men der Ent­wei­chung auch nicht zu In­sta­bi­li­tä­ten kam. In­so­fern war auch kei­ne Ge­fahr für an­de­re Per­so­nen ge­ge­ben. Be­züg­lich der Zu­ver­läs­sig­keit hat sich der Pa­ti­ent über Jah­re hin­weg im­mer ab­so­lut zu­ver­läs­sig ge­zeigt. Was ihn jetzt da­zu be­wo­gen hat zu ent­wei­chen, das ist die Auf­ga­be der wei­te­ren Auf­klä­rung in den nächs­ten Mo­na­ten. Im Mo­ment kann ich nur so viel sa­gen, dass er so ei­ne un­be­stimm­te Sehn­sucht ge­habt hat, sei­ne frü­he­ren Or­te in Stutt­gart wie­der auf­zu­su­chen, weil er schon vie­le Jah­re hier un­ter­ge­bracht ist.

Wer­den die Re­geln und die Mög­lich­kei­ten des Aus­gangs jetzt all­ge­mein über­prüft? Was wird sich dies­be­züg­lich am ZfP än­dern?

Klar, nach so ei­nem Er­eig­nis wird man die Sa­chen noch mal kri­tisch über­prü­fen, und wir wer­den un­se­re Ab­läu­fe auch noch mal mit den Fach­leu­ten vom So­zi­al­mi­nis­te­ri­um be­spre­chen. Die grund­le­gen­den Re­ge­lun­gen für Aus­gän­ge sind bei uns ge­setz­lich fest­ge­legt. In Ba­denWürt­tem­berg gibt es ein Ge­setz für psy­chisch kran­ke Men­schen, das im No­vem­ber 2014 vom Land­tag ver­ab­schie­det wor­den ist. Dar­in sind die Re­geln, die wir ein­hal­ten müs­sen, zu­grun­de ge­legt.

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