Der schwar­ze Rie­se

Hel­mut Kohl ist mit 87 Jah­ren ver­stor­ben – Macht­mensch und über­zeug­ter Eu­ro­pä­er

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - ZUM TODE HELMUT KOHLS - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BER­LIN - Län­ger als je­der an­de­re Kanz­ler hat er Deutsch­land re­giert. Deutsch­land oh­ne Hel­mut Kohl – das war für ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on un­vor­stell­bar. 16 Jah­re lang führ­te er das Land – und es wa­ren gu­te Jah­re, in de­nen 1990 der schon auf­ge­ge­be­ne Traum der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung rea­li­siert wer­den konn­te. „Wir sind Glücks­kin­der“, sag­te Hel­mut Kohl spä­ter häu­fig. Dass es maß­geb­lich sei­ne Leis­tung war, im rich­ti­gen Mo­ment zu­zu­grei­fen, sag­te er nicht. Aber al­le wuss­ten es.

So war Hel­mut Kohl in den letz­ten Jah­ren sei­nes Le­bens be­reits ei­ne Art le­ben­des Denk­mal. So krank er auch war, er ge­noss das An­se­hen sicht­lich. „Mein Le­ben, das war ein en­ga­gier­tes Le­ben, er­eig­nis­reich, er­füllt, ein Le­ben mit viel Hö­hen und auch mit sehr viel Tie­fen. Ein Le­ben mit viel Ver­ant­wor­tung und viel Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten. Al­so ein Le­ben, von dem ich sa­gen darf: Es hat ei­nen Sinn ge­habt.“

Sturz und Schä­del-Hirn-Trau­ma

Hel­mut Kohls Bild ist vie­len Deut­schen äu­ßerst prä­sent, auch wenn er in den letz­ten Jah­ren nicht mehr häu­fig in der Öf­fent­lich­keit auf­trat.

Nach sei­nem Sturz 2008 mit dem an­schlie­ßen­den Schä­del-Hirn-Trau­ma konn­te er sich nur noch müh­sam ver­stän­di­gen und war auf die Hil­fe sei­ner Frau Mai­ke Rich­ter an­ge­wie­sen. Doch im­mer noch, im­mer wie­der, trieb es ihn in die Öf­fent­lich­keit. „Aus Sor­ge um Eu­ro­pa“, heißt ei­nes sei­ner letz­ten Wer­ke. An­ge­sichts der Eu­ro-Schul­den­kri­se bang­te er um sein po­li­ti­sches Ver­mächt­nis, kri­ti­sier­te auch An­ge­la Mer­kels Au­ßen­po­li­tik, for­der­te ei­ne stand­fes­te­re und über­zeug­te­re Eu­ro­pa­po­li­tik.

Mit 87 Jah­ren ist Hel­mut Kohl in sei­nem Bun­ga­low in Lud­wigs­ha­fenOg­gers­heim ge­stor­ben, wo die Ge­mein­de um ih­ren Gro­ßen trau­ert. Um ei­nen bo­den­stän­di­gen Ein­woh­ner, des­sen Ver­diens­te als Kanz­ler der Ein­heit und über­zeug­ter Eu­ro­pä­er die dunk­len Seiten des „Sys­tem Kohl“, die trau­ri­gen Ka­pi­tel der Spen­den­af­fä­re, längst über­strah­len.

Der Va­ter blieb fremd

In den letz­ten Jah­ren frei­lich wur­de mehr über Hel­mut Kohls Pri­vat­le­ben als über sei­ne his­to­ri­schen Ver­diens­te ge­spro­chen. Erst er­schüt­ter­te der Selbst­mord sei­ner Frau Han­ne­lo­re 2001 die Re­pu­blik. Die Frau, die je­der in Deutsch­land so genau zu ken­nen glaub­te, und die doch so un­glück­lich al­lei­ne in Og­gers­heim ihr Le­ben fris­te­te, die we­gen ih­rer Lich­tall­er­gie zum Schluss nur noch nachts un­ter­wegs sein konn­te. Sei­ne Söh­ne ge­währ­ten spä­ter Ein­blick in das nach au­ßen als so per­fekt dar­ge­stell­te Fa­mi­li­en­le­ben der Kohls, bei dem doch der Va­ter so fremd blieb, so fern war.

In den letz­ten Jah­ren schirm­te ihn sei­ne über 30 Jah­re jün­ge­re Frau Mai­ke Rich­ter, die er 2008 in der Ka­pel­le ei­ner Re­ha-Kli­nik hei­ra­te­te, von vie­len al­ten Ver­trau­ten, wohl auch von sei­nen Söh­nen ab. Als „ge­fes­sel­ter Rie­se“hat Ös­ter­reichs ehe­ma­li­ger Bun­des­kanz­ler Wolf­gang Schüs­sel den im Roll­stuhl sit­zen­den Hel­mut Kohl ein­mal be­zeich­net.

Pro­vinz­ler aus Og­gers­heim

Als „schwar­zer Rie­se“wur­de der über 1,90 Me­ter gro­ße Mann am An­fang sei­ner Kar­rie­re be­kannt, als er 1982 mit dem Ver­spre­chen auf ei­ne geis­tig-mo­ra­li­sche Wen­de den SPDKanz­ler Hel­mut Schmidt ab­lös­te. Da­mals wur­de er als Pro­vinz­ler aus Og­gers­heim ver­spot­tet. CSU-Chef Franz Jo­sef Strauß sprach ihm die Eig­nung als Kanz­ler ab – und doch wur­den es 16 Jah­re Kanz­ler­schaft. Für den Re­gie­rungs­wech­sel 1982 hat­te Hans-Dietrich Gen­scher mit sei­ner FDP ge­sorgt. Je­ner Mann, der spä­ter als Au­ßen­mi­nis­ter in so wich­ti­gen Zei­ten Hel­mut Kohl zur Sei­te stand. Die Bun­des­re­pu­blik war 1989 vor Be­ginn der ent­schei­den­den Ve­rän­de­run­gen „au­ßen­po­li­tisch auf­ge­stellt, wie es bes­ser nicht hät­te sein kön­nen“, sag­te Gen­scher spä­ter ein­mal. Kohl galt als über­zeug­ter Eu­ro­pä­er und als zu­ver­läs­si­ger Ver­bün­de­ter

der USA gleich­zei­tig. Schon 1984 hat­te er mit Frank­reichs Prä­si­dent François Mit­ter­rand zu­sam­men die Ab­schaf­fung der Grenz­kon­trol­len in der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft pro­pa­giert – sich für ein of­fe­nes Eu­ro­pa stark­ge­macht. Bei­de Seiten, der Ein­heits­kanz­ler und der über­zeug­te Eu­ro­pä­er Kohl, ge­hör­ten zu­sam­men. Denn nur ein un­zwei­fel­haf­ter Eu­ro­pä­er wie Kohl konn­te 1989 und 1990 die Ängs­te der Nach­bar­län­der vor ei­nem Wie­der­er­star­ken Deutsch­lands über­win­den und ge­gen Skep­ti­ker wie Marg­ret That­cher, die Deutsch­land so „lieb­ten“, dass sie lie­ber zwei da­von hat­ten, durch­set­zen.

Freund der Frei­heit

Auch mit den US-Prä­si­den­ten Ro­nald Rea­gan und sei­nem Nach­fol­ger Ge­or­ge Bush ver­band Kohl ein fes­tes Ver­trau­ens­ver­hält­nis. Als „wah­ren Freund der Frei­heit“lob­te ihn Bush, der an Kohls Sei­te war, als die deut­sche Ein­heit ver­han­delt wur­de. Und, was da­mals min­des­tens ge­nau­so wich­tig war, Kohl hat­te ein gu­tes, spä­ter freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis zum so­wje­ti­schen Staats­chef Mich­ail Gor­bat­schow auf­ge­baut.

Als Kohl am 9. No­vem­ber 1989 die Nach­richt von der Öff­nung der Mau­er er­hielt, ent­schied er schnell, dass er nach Ber­lin ge­hö­re. Sei­nen so­ge­nann­ten Zehn-Punk­te-Plan dik­tier­te er – oh­ne Ab­stim­mung mit Au­ßen­mi­nis­ter Gen­scher – sei­ner Frau Han­ne­lo­re in die Schreib­ma­schi­ne. Als po­li­ti­sches Ziel wur­de dar­in die Wie­der­ver­ei­ni­gung fest­ge­hal­ten. Er er­klär­te aber auch, dass die Eu­ro­päi­sche Ge­mein­schaft die Of­fen­heit für re­form­ori­en­tier­te Staa­ten des Ost­blocks und na­tür­lich auch für die DDR wah­ren müs­se, er setz­te sich für das Pro­jekt Os­ter­wei­te­rung ein. Punkt zehn war der wohl wich­tigs­te Punkt: Die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung.

„Wir sind ein Volk“

Am 19. De­zem­ber 1989 steht er er­neut vor ei­ner un­über­schau­ba­ren Men­schen­men­ge, die­ses Mal in Dres­den: Der Vor­platz der Frau­en­kir­che war von Tau­sen­den von Men­schen ge­säumt. Die meis­ten mit schwarz-rot­gol­de­nen Fah­nen oh­ne Ham­mer und Si­chel. „Wir sind ein Volk“. Schon we­ni­ge Wo­chen spä­ter, im Fe­bru­ar 1990, be­zeich­ne­te Mich­ail Gor­bat­schow die deut­sche Ver­ei­ni­gung als „Sa­che der Deut­schen“, wäh­rend sein Au­ßen­mi­nis­ter Edu­ard Sche­ward­nad­se mit Gen­scher schon den Rah­men für die Ver­hand­lun­gen über die deut­sche Ein­heit be­sprach. Die bei­den deut­schen Staa­ten soll­ten zu­sam­men mit den für Deutsch­land ver­ant­wort­li­chen Mäch­ten USA, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und So­wjet­uni­on spre­chen, die be­rühm­ten „Zwei-plus-Vier-Ver­hand­lun­gen“be­gan­nen. Die deut­sche Ein­heit wur­de voll­endet.

Die Ver­diens­te blei­ben

In­nen­po­li­tisch war Hel­mut Kohls Ära zum Schluss oh­ne Dy­na­mik, wich­ti­ge Re­for­men im Ar­beits- und So­zi­al­be­reich fan­den nicht statt. Doch Hel­mut Kohl über­gab sein Amt nicht, er über­schätz­te sich, als er auch 1998 noch ein­mal an­trat. Die SPD mit Ger­hard Schrö­der, die end­lich fri­schen Wind ver­sprach, sieg­te.

Was bleibt, sind Kohls Ver­diens­te um die deut­sche Ein­heit.

„Es bleibt Kohls her­aus­ra­gen­de Leis­tung in his­to­risch ein­zig­ar­ti­ger Si­tua­ti­on, das ein­zig Rich­ti­ge ge­tan zu ha­ben“, lobt An­ge­la Mer­kel Hel­mut Kohl.

Hel­mut Kohls blaue Strick­ja­cke, die er im Ok­to­ber 1990 bei sei­nem Be­such bei Gor­bat­schow im Kau­ka­sus trug, hängt heu­te im Haus der Ge­schich­te in Bonn. Hel­mut Kohl selbst ist jetzt Ge­schich­te. Gro­ße Ge­schich­te.

FO­TO: DPA

Hel­mut Kohl am 20. Fe­bru­ar 1990 bei ei­ner Wahl­kampf­ver­an­stal­tung in Er­furt.

ARCHIVFOTO: HAFI

Be­such in Ell­wan­gen: Das Fo­to zeigt ihn im Jahr 1983 mit Bi­schof Ge­org Mo­ser.

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Hel­mut Kohl, sei­ne Gat­tin Han­ne­lo­re und die Söh­ne Wal­ter und Pe­ter im Ju­ni 1981 am Wolf­gang­see.

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Le­gen­dä­rer Hän­de­druck 1984 mit Frank­reichs Prä­si­den­ten François Mit­ter­rand.

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Mai 1991, Kohl wird in Hal­le mit Ei­ern be­wor­fen.

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Zu­letzt war Kohl von Krank­heit ge­zeich­net.

FO­TO: IM­A­GO

Mit Erich Hone­cker 1987 beim Staats­be­such in Bonn.

FO­TO: AFP

Mit US-Prä­si­dent Bush ver­band ihn Ver­trau­en.

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