Als Kin­der die Glo­cken noch von Hand läu­ten durf­ten

Ein his­to­ri­sches Fa­mi­li­en­fo­to weckt Er­in­ne­run­gen ei­ner Wei­ße­naue­rin an längst ver­gan­ge­ne Zei­ten

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - OBERSCHWABEN - Von Gün­ter Peitz

WEISSENAU - Oft ist es ein un­schein­ba­res al­tes schwarz-wei­ßes Fa­mi­li­en­fo­to, das beim Be­trach­ter Er­in­ne­run­gen an längst ver­gan­ge­ne Zei­ten wach ruft. So er­ging es auch Jo­han­na Mi­ku­la, ei­ner ge­bo­re­nen Wei­ße­naue­rin, die schon lan­ge in Ma­ri­atal wohnt, als sie bei ih­rer Schwes­ter ei­ne fast 70 Jah­re al­te Auf­nah­me zu Ge­sicht be­kam.

Das al­te Fo­to zeigt im Vor­der­grund ei­ne jun­ge Frau mit ei­nem klei­nen Kind auf dem Arm und da­ne­ben ei­nen jun­gen Mann, drei ih­rer sechs Ge­schwis­ter. Al­le drei Ab­ge­bil­de­ten, die da­mals, im Nach­kriegs­jahr 1948, sicht­lich gut ge­launt in die Ka­me­ra des Fo­to­gra­fen oder der Fo­to­gra­fin lä­chel­ten, sind nicht mehr un­ter den Le­ben­den. Der ab­ge­bil­de­te Bru­der ist erst kürz­lich ver­stor­ben. Die klei­ne Per­so­nen­grup­pe steht auf ei­nem Gras­strei­fen am Ran­de ei­ner um­ge­gra­be­nen Flä­che und im Hin­ter­grund, zum Teil ver­deckt durch das Fass­haus, ra­gen die mar­kan­ten Tür­me der Wei­ße­nau­er Klos­ter­kir­che St. Pe­ter und Paul em­por.

Es han­delt sich al­so um ei­ne his­to­ri­sche Auf­nah­me von Wei­ßenau, auf­ge­nom­men aus west­li­cher Rich­tung. Wo sich heu­te das Ge­län­de der Lo­gis­tik­fir­ma Gries­ha­ber er­streckt und neu­er­dings ei­ne rie­si­ge schwar­ze Hal­le aus dem Bo­den ge­stampft wor­den ist, die in ih­rer Wucht an die Kaa­ba in Mek­ka er­in­nert und nicht un­um­strit­ten ist, er­streck­ten sich da­mals am Sä­ge­bach die Län­de­rei­en der Wei­ße­nau­er Selbst­ver­sor­ger, die dort Ge­mü­se und Obst für den Ei­gen­be­darf an­bau­ten. Jo­han­na Mi­ko­la kann sich an die „Länd­le“noch gut er­in­nern, wohn­te sie doch gleich ne­ben­an, in ei­nem schon längst ab­ge­ris­se­nen be­schei­de­nen Häus­le (auf dem Fa­mi­li­en­fo­to hin­ten rechts ab­ge­bil­det), das der Blei­che­rei ge­hör­te. Ihr Va­ter Jo­sef Mi­ku­la, d'r Sepp, wie er all­ge­mein ge­nannt wur­de, war ei­ne be­kann­te Er­schei­nung in Wei­ßenau. Er war Hei­zer in der „Bloi­che“und hat schwer ma­lo­chen müs­sen, um sei­ne kin­der­rei­che Fa­mi­lie durch­zu­brin­gen. Und dann starb ihm auch noch die Frau und Mut­ter der Kin­der weg. Als er re­la­tiv bald dar­auf wie­der hei­ra­te­te, um sie ver­sorgt zu wis­sen, muss­te er sich Kri­tik des Pfar­rers an­hö­ren, die aber als­bald ver­stumm­te, nach­dem d'r Sepp dem geist­li­chen Herrn sei­ne Not­la­ge ge­schil­dert hat­te.

Kin­der­rei­che Fa­mi­li­en

Es war ei­ne har­te Zeit. Trotz­dem weiß Jo­han­na Mi­ku­la, die Wei­ße­naue­rin mit dem gro­ßem Her­zen, de­ren Mann vor ei­ni­gen Jah­ren gestor­ben ist, von ei­ner fröh­li­chen, un­be­schwer­ten Kind­heit zu be­rich­ten. Ist sie doch nicht nur mit sechs Ge­schwis­tern auf­ge­wach­sen, son­dern auch mit vie­len an­de­ren Kin­dern, an de­nen da­mals in Wei­ßenau ge­wiss kein Man­gel herrsch­te, so­dass die Hei­mat- und Kin­der­fest­kom­mis­si­on dies­be­züg­lich aus dem Vol­len schöp­fen konn­te. Vie­le Fa­mi­li­en wa­ren so kin­der­reich wie die Mi­ku­las, die nach der zwei­ten Ehe­schlie­ßung des Va­ters schließ­lich sie­ben wa­ren.

Mit Ver­gnü­gen er­in­nert sich Jo­han­na Mi­ku­la noch dar­an, wie sie, ih­re Ge­schwis­ter und an­de­re Kin­der, die auch Lust da­zu hat­ten, ih­rer Tan­te, die im Fass­haus wohn­te und für die Kir­che zu­stän­dig war, beim Glo­cken­läu­ten hel­fen durf­ten. Das ge­schah da­mals noch von Hand. Auf dem Kirch­vor­platz ström­te der Mühl­ka­nal noch of­fen da­hin. Die Fens­ter der Heil- und Pfle­ge­an­stalt wa­ren noch durch­weg ver­git­tert. Es war noch ei­ne ge­schlos­se­ne An­stalt, ab­ge­schirmt durch Mau­ern. Von of­fe­ner Psych­ia­trie war noch nicht die Re­de. Als La­za­rett, in dem Kriegs­ver­letz­te ge­pflegt wur­den, muss­te die An­stalt 1948 al­ler­dings nicht mehr die­nen. Als Jo­han­na Mi­ku­la acht Jah­re alt war, zog die Fa­mi­lie von Wei­ßenau nach Ma­ri­atal. Dort hat­te der Va­ter – er starb 1979 mit 75 Jah­ren – in mü­he­vol­ler Hand­ar­beit, un­ter­stützt von sei­nem Sohn, gleich beim Ma­ri­ata­ler Wäld­le ein schmu­ckes neu­es Fa­mi­li­en­heim er­rich­tet, wo­bei er vom da­ma­li­gen Chef der Blei­che­rei un­ter­stützt wur­de, denn der Sepp war ei­ner sei­ner zu­ver­läs­sigs­ten Mit­ar­bei­ter. Vom neu­en Zu­hau­se star­te­te Jo­han­na Mi­ku­la mit ih­ren Schwes­tern Sonn­tags gern zu ei­ner Rad­tour an den Bo­den­see – oh­ne Gang­schal­tung, ver­steht sich, aber grund­sätz­lich erst nach dem Be­such der 7-Uhr-Früh­mes­se in der Klos­ter­kir­che.

Das his­to­ri­sche Fa­mi­li­en­fo­to, das bei ihr so man­che Er­in­ne­rung ge­weckt hat, wirft beim Be­trach­ter die ak­tu­el­le Fra­ge auf, ob und wie denn nun das Bau­fens­ter ge­gen­über der Kir­che, das der be­schlos­se­ne Be­bau­ungs­plan zwi­schen Fass­haus und ehe­ma­li­gem Forst­haus of­fen­hält, ge­schlos­sen wer­den soll. Wo einst das ab­ge­ris­se­ne Dok­tor­haus stand (auf dem Fo­to ganz links er­kenn­bar) und sich jetzt die Ar­ka­den­mau­er er­streckt, war zu­nächst ein zwei­ge­schos­si­ger Neu­bau ins Au­ge ge­fasst, der je­doch vom Ge­mein­de­rat zu ei­nem ein­ge­schos­si­gen Bau­kör­per her­ab­ge­stuft wur­de. Ob der In­ves­tor, der Ar­ka­den­ge­bäu­de, Korn­haus und Bleich­haus der Stadt ab­ge­kauft hat und dort 42 Woh­nun­gen schaf­fen will, auch noch den ein­ge­schos­si­gen Neu­bau ge­gen­über der Kir­che rea­li­siert, ist nach wie vor un­klar.

An­ge­dacht war in dem Bau­kör­per auch schon mal ein Be­su­cher­zen­trum, doch das ist nicht mehr ak­tu­ell. Ein sol­ches Zen­trum wird nun­mehr ge­gen­über im Kon­vent­ge­bäu­de (Sa­kris­tei) an­ge­strebt, ein­schließ­lich des ge­plan­ten grö­ße­ren Mu­se­ums für Klos­ter­kul­tur, Ge­schich­te der Psych­ia­trie und der In­dus­tria­li­sie­rung in Wei­ßenau. Mar­kus Brun­ner, Vor­sit­zen­der der CDU-Frak­ti­on im Ort­schafts­rat je­den­falls ist zu­ver­sicht­lich, dass dar­aus letzt­lich auch et­was wird. Be­reits rea­li­siert ist be­kannt­lich der Neu­bau für die Gott­hilf-Vöh­rin­ger-Schu­le zwi­schen Korn­haus be­zie­hungs­wei­se Bleich­haus und dem Gries­ha­ber-Are­al.

FO­TO: PRI­VAT

Län­de­rei­en, auf de­nen die Wei­ße­nau­er Ge­mü­se und Obst für den Ei­gen­be­darf an­bau­ten, er­streck­ten sich 1948, als die­ses Fo­to der Fa­mi­lie Mi­ku­la ent­stand, west­lich der Wei­ße­nau­er Klos­ter­kir­che. Heu­te be­fin­det sich dort das Ge­län­de der Lo­gis­tik­fir­ma Gries­ha­ber, auf dem ei­ne rie­si­ge neue Hal­le ent­stan­den ist. Die Kir­che ist auf dem his­to­ri­schen Bild zum Teil vom Fass­haus ver­deckt. Links da­ne­ben das ab­ge­ris­se­ne Dok­tor­haus, rechts das Haus, in dem frü­her die Mi­ku­las wohn­ten. Es ist eben­falls ver­schwun­den.

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